Reiner Haseloff (li.) und AfD-Spitzenkandidat Oliver Kirchner nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.
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Reiner Haseloff (li.) und AfD-Spitzenkandidat Oliver Kirchner nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.

Sachsen-Anhalt-Wahl

Erstaunliche Zahlen: CDU nimmt (fast) allen Parteien Stimmen ab - doch Experte warnt vor AfD-„Dominanz“

  • Florian Naumann
    vonFlorian Naumann
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Bei der Wahl in Sachsen-Anhalt könnte die CDU nicht zuletzt von klaren Absagen an die AfD profitiert haben. Doch ein Experte warnt weiter vor Erfolgen der Rechtspopulisten.

Magdeburg - Der teils von den Umfrage prophezeite bedrohliche Rechtsrutsch ist ausgeblieben - am Wahlabend gab es in Sachsen-Anhalt lange Gesichter bei der AfD und großen Jubel bei der CDU: Beim großen Stimmungstest vor der Bundestagswahl gelang der Partei von Ministerpräsident Reiner Haseloff ein unerwarteter Befreiungsschlag. 37 Prozent standen zu Buche. Und ein Vorsprung von rund 16 Prozent vor der AfD.

Doch hinter dem nüchternen Wahl-Ergebnis steckt wie immer ein Meer an möglichen Deutungen. Einig waren sich die Parteien von Grüne bis Linke etwa schon am Sonntagabend, dass vor allem die Sorge vor einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und AfD Haseloffs Christdemokraten viele Stimmen einbrachte. Ein Blick auf die Daten und Einschätzungen von Demoskopen könnte diese These bestätigen - zugleich stützt er aber kaum Hoffnungen, die AfD sei mit den Ergebnissen von Sonntagabend in Sachsen-Anhalt für die weitere Zukunft auf dem absteigenden Ast.

Wählerwanderungen in Sachsen-Anhalt: CDU nimmt (fast) allen Stimmen ab - AfD verliert offenbar viel Vertrauen

Fakt scheint nach den vorliegenden Daten: Die CDU hat aus dem Lager nahezu aller Parteien Wähler hinzugewonnen. Lediglich mit der FDP ergab die Wählerwanderung ein Nullsummen-Spiel. Auch von der AfD - und von Linke, SPD und Grünen, also den Parteien links der Mitte gewannen die Konservativen neuen Zuspruch. Von der SPD kamen laut dem Wanderungsmodell des Instituts infratest dimap für die ARD netto satte 15.000 Stimmen, von der Linken 14.000; die Grünen verloren von ihrer recht überschaubaren Wählerschar unter dem Strich 1.000 Stimmen an die CDU.

Lässt man die Wählerströme von CDU in Richtung Konkurrenz außer Acht, fallen die absoluten Zahlen der Wählerwanderung noch deutlich höher aus. Das könnte dafür sprechen, dass die abhanden gekommenen Anhänger dieser drei Parteien tatsächlich einen Wahlsieg der AfD verhindern wollten. Ein weiteres Indiz: Laut der Demoskopen gaben nur elf Prozent der CDU-Wähler an, ihre Partei solle eine Koalition mit der AfD eingehen.

Zudem haben auch 61.000 Nichtwähler der Landtagswahl 2016 laut infratest dimap für die CDU gestimmt - ein großer Mobilisierungserfolg für die Partei von Ministerpräsident Reiner Haseloff. Die Daten sprechen dafür, dass das CDU-Ergebnis entgegen einiger Äußerungen vom Sonntagabend kaum auf Kanzlerkandidat Armin Laschet zurückzuführen ist. Nur 29 Prozent der Nachwahl-Befragten zeigten sich zufrieden mit Laschets Politik. 67 Prozent lobten Haseloffs Arbeit.

Allerdings scheint die Lage noch etwas komplexer. Denn auch die AfD hat im Saldo 16.000 Stimmen an die CDU verloren. Und auch bei den Erststimmen brachen die Rechtspopulisten massiv ein. 2016 hatten sie noch 15 Direktmandate geholt. 2021 war es nur noch ein einziges. Die restlichen Wahlkreise gingen an die CDU. Offenbar waren die Wähler also auch mit der Arbeit ihrer Stimmkreisvertreter unzufrieden - und vergleichsweise viele Wähler, die der AfD bei der vorausgegangenen Wahl mit ihrer Zweitstimme noch einen Kaltstart von 0 auf 23 Prozent beschert hatten, kehrten der Partei ebenfalls den Rücken.

Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: AfD jubelt über Erfolge bei Jüngeren - Experte warnt vor künftig „dominanter“ Gruppe

Die AfD freute sich am Montag dennoch explizit über Wahlerfolge bei jüngeren Menschen. 19 Prozent der Wähler zwischen 18 und 24 Jahren gaben laut einer Auswertung vom Sonntagabend der AfD ihre Stimme, was die Rechtspopulisten zur stärksten Kraft in dieser Altersklasse macht. Dicht gefolgt allerdings von CDU (18 Prozent) und Grünen (17 Prozent).

Der Politikwissenschaftler Gideon Botsch machte in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel eine andere Wählergruppe als das wichtigste und nachhaltigste Wählerreservoir der Rechtspopulisten aus. Mehr als Protestwähler seien „Menschen mittleren Einkommens, Unternehmer:innen im gewerblichen oder handwerklichen Mittelstand, Arbeiter:innen und Angestellte“ die Hauptzielgruppe der Partei. „In diesem Segment ist unter männlichen Wählern die AfD heute oft die stärkste Kraft“, sagte der Leiter der Emil-Julius-Gumbel-Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus an der Universität Potsdam..

Botsch wollte eine dauerhafte „Dominanz“ der AfD in einigen Regionen Sachsen-Anhalts trotz der Verluste bei der Wahl am Sonntag nicht ausschließen, sollte diese Klientel nicht von anderen Parteien zurückgewonnen werden. SPD, CDU und mit Abstrichen die Linke profitierten vor allem vom Zuspruch älterer Wähler, erklärte er. Die AfD-Wählerschaft sei hingegen in den „mittleren Jahren“: „In den Regionen, in denen kein Ausgleich durch Zuzug erfolgt, werden diese Wählergruppen für einige Wahlen prozentual immer wichtiger, wenn nicht dominant werden.“ Für den Experten ein Grund zur Sorge: „In den ostdeutschen Landesverbänden wird die Partei durchweg von antidemokratischen, rechtsextremen Kräften beherrscht.“ (fn)

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