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Der salafistische Prediger Pierre Vogel bei einer Kundgebung in Hamburg vor zwei Jahren.

“Sie nutzen jede Lebenskrise aus“

Salafisten in Bayern: So gewinnen sie junge Leute

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München - Salafisten ziehen immer mehr und vor allem junge Menschen in ihren Bann. Auch in Bayern gibt es eine rege Szene.

Sarah ist 17. Sie hat Freunde und gute Noten in der Schule. Doch vor Kurzem ist ihr Vater gestorben. Die Mutter trauert selbst so sehr, dass sie ihre Tochter in dieser schmerzhaften Phase vernachlässigt. Sarah ist allein in ihrer Lebenskrise. Salafisten sprechen sie an. Sie geben ihr einfache Antworten auf schwierige Sinnfragen. Sie versprechen ihr, dass der Vater im Paradies auf sie wartet. Irgendwann erzählen sie ihr, dass die deutsche Gesellschaft falsch ist und im Bürgerkrieg in Syrien und im Irak ihre wahren Brüder und Schwestern sterben. Sechs Wochen nach dem Tod ihres Vaters ist Sarah so radikalisiert, dass sie in den Dschihad reist.

Sarah ist ein Beispiel für viele andere Jugendliche. Thomas Mücke vom Violence Prevention Network, eine Beratungsstelle zur Prävention von Extremismus, erzählt es bei einer Fachtagung des Netzwerkes gegen Salafismus in München, um die gängige Taktik von Salafisten zu verdeutlichen. Es sei kein Zufall, dass diese Leute verzweifelte oder psychisch labile Menschen ansprechen würden, sagt er. „Diese Szene nutzt jede Krise, jedes kritische Ereignis aus.“ Treffen könne es jeden, auch Menschen mit hoher Bildung.

Ein Nährboden für Gewalt und Extremismus

Die ultrakonservative Strömung innerhalb des Islams liefert den Nährboden für Gewalt und Extremismus. Laut Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sind fast alle Terroristen von Paris, Brüssel und auch Deutschland dem Salafismus zuzuordnen. Immer mehr Menschen und vor allem Jugendliche radikalisieren sich. Der Präsident des Bayerischen Verfassungsschutzes Burkhard Körner sagt bei der Tagung: „Der Salafismus ist die derzeit am schnellsten wachsende islamistische Bewegung in Deutschland.“

Auch in Bayern hat die Zahl der Salafisten in den vergangenen Jahren mit Schwankungen zugenommen. Laut Körner bewegen sich bayernweit rund 650 Menschen in der salafistischen Szene, davon sind rund 20 Prozent gewaltorientiert. Allein in München liegt diese Zahl bei 200. Bis zum Verbot der „Lies“-Koranverteilaktion versuchten die Münchner Salafisten, insbesondere an Infoständen auf der Straße neue Unterstützer zu gewinnen, wie der Verfassungsschutz auf Anfrage mitteilt. Die Münchner El-Salam Moschee dient als Plattform für salafistische Vortragsveranstaltungen. Dort tritt regelmäßig der bundesweit aktive salafistische Prediger Abul Baraa auf. Zudem finden szeneinterne Treffen in privaten Räumlichkeiten statt.

Knapp 40 Gefährder leben in Bayern

Der Bayerische Verfassungsschutz hat konkrete Hinweise zu bayernweit mehr als 90 Personen mit salafistischen Hintergrund, die in den Dschihad ausgereist sind oder das planen. Davon sind 15 Prozent Frauen. Zehn Menschen aus Bayern sind bisher im Bürgerkrieg umgekommen, 25 sind zurückgekehrt. Knapp 40 Gefährder und genauso viele Personen, deren Radikalisierung sehr weit ist, leben in Bayern.

Dass der Freistaat das Problem sehr ernst nimmt, zeigt die Tagung anlässlich des Jahrestages des Bayerischen Netzwerkes gegen Salafismus. Gleich vier Minister nehmen daran teil, Innenminister Joachim Herrmann, Sozialministerin Emilia Müller, Justizminister Winfried Bausback und Kultusminister Ludwig Spaenle. Innerhalb eines Jahres hat das Netzwerk 2000 Menschen unter anderem aus den Bereichen Politik, Sozialarbeit, Helferkreise und freie Jugendhilfe zusammengebracht. Der Staat setzt bei der Prävention und Deradikalisierung vor allem auf Hilfe aus der Zivilgesellschaft. Herrmann bittet um „Hinweise aus der Bevölkerung“ und Müller fordert „eine Kultur des Hinschauens“. Sie nannte insbesondere die Familien und Lehrer als wichtige Hilfe bei der Präventionsarbeit.

Das Violence Prevention Network berät in Bayern 60 Menschen, die sich radikalisiert haben. Mücke sagt, dass vor allem Eltern den ersten Schritt machen und die Beratungsstelle anrufen. Betroffen seien alle sozialen Schichten. Allerdings gebe es zwei Gemeinsamkeiten bei allen radikalisierten Jugendlichen: „Sie wissen nichts über den Islam und in der Familie wurde zu lange geschwiegen.“

Das neue Internet-Portal

Das neue Internet-Portal des Netzwerkes gegen Salafismus ist seit gestern online. Hilfesuchende finden hier umfangreiche Beratungsangebote.

rat

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