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Migranten in einem Schlauchboot winken vor der Küste Libyens zu einem Mitglied der Hilfsorganisation Proactiva Open Arms. Foto: Olmo Calvo/AP

Streit um Rettungsschiffe

Wieder Flüchtlingskinder im Mittelmeer ertrunken

Die Bilder des toten Flüchtlingsjungen Alan Kurdi schockten vor drei Jahren die Welt. Auch jetzt werden wieder kleine Leichen aus dem Meer geborgen. Doch Europa geht immer härter gegen Seenotretter vor - und zeigt wenig Solidarität.

Rom/Tripolis (dpa) - Inmitten der Debatte um die Blockade von Hilfsorganisationen auf dem Mittelmeer schockieren erneut Bilder von ertrunkenen Flüchtlingskindern. Auf den Fotos ist zu sehen, wie die libysche Küstenwache die Leichen von mehreren Babys aus Booten an Land bringt.

Die Bilder erinnern an das Schicksal des syrischen Flüchtlingsjungen Alan Kurdi, der 2015 tot an einem Strand in der Türkei angeschwemmt wurde. Die drei Kinder waren bei einem Unglück vor der libyschen Küste umgekommen, bei dem rund 100 Tote befürchtet werden. Dennoch will die neue populistische Regierung in Italien private Seenotretter aus dem Meer verbannen - und aus anderen EU-Ländern kommen auch kaum Signale zu helfen.

Laut libyscher Küstenwache sind alle Kinder unter ein Jahr alt. "Als alle das Foto von Alan sahen, war das eine Bewegung der Empörung und der Solidarität", schrieb die Sprecherin des UN-Flüchtlingswerks UNHCR, Carlotta Sami, auf Twitter. "Doch zu den Toten kamen weitere Tote." Statt die Bergung von Migranten zu koordinieren, reduzierten die Staaten die Rettungsmöglichkeiten auf dem Meer drastisch.

Italiens neue Regierung hatte zuletzt mehreren Schiffen von NGOs die Einfahrt in einen Hafen verwehrt: nämlich der "Aquarius" von Ärzte ohne Grenzen und SOS Mediterranee und der "Lifeline" von der deutschen Organisation Mission Lifeline. Beide Schiffe waren tagelang auf dem Meer blockiert. Die "Aquarius" durfte nach einer Irrfahrt nach Spanien, die "Lifeline" nach langem Ausharren nach Malta. Aber auch Malta verschärft die Gangart gegen Hilfsorganisationen und verweigerte bereits Schiffen die Einfahrt für einen Versorgungsstopp. Gegen den "Lifeline"-Kapitän wird ermittelt.

Trotz der Blockade nahm eine spanische Hilfsorganisation Dutzende Migranten aus dem Mittelmeer auf. Proactiva Open Arms habe 59 Flüchtlinge aus dem Meer an Bord und sei unterwegs zu einem sicheren Hafen, twitterte die Organisation am Samstag. Allerdings war nicht klar, ob die Retter schon einen Hafen zugewiesen bekommen haben. Italien und Malta machten sofort klar, dass sie sich für das Schiff nicht zuständig fühlen.

Italiens Innenminister Matteo Salvini von der rechten Lega erklärte umgehend, auch Proactiva könne "vergessen, in einem italienischen Hafen anzukommen". Das Schiff sei in libyschen Gewässern, der nächste Hafen sei Malta und es fahre unter spanischer Flagge. "Stopp der Menschenschmuggel-Mafia: Je weniger Menschen ablegen, desto weniger sterben." Italien will, dass die libysche Küstenwache die Migranten abfängt und zurück in das Bürgerkriegsland bringt.

Malta schlug umgehend zurück. Innenminister Michael Farrugia erklärte in einem Tweet, das Schiff sei näher an der italienischen Insel Lampedusa. Mit Blick auf Salvini schrieb er: "Bitte hören Sie auf, falsche Nachrichten zu verbreiten und Malta in einen Streit ohne Gründe hineinzuziehen."

Aber trotz aller Blockaden setzen sich weiter Migranten in die nicht hochseetauglichen Gummiboote in Richtung Europa, weil sie vor Folter und schwersten Misshandlungen in Libyen fliehen. Das zeigt auch das letzte Flüchtlingsunglück. Nach Angaben der libyschen Küstenwache waren auf einem alten und völlig überfüllten Holzboot rund 120 bis 125 Menschen vor allem aus Afrika unterwegs. Ein Überlebender habe berichtet, dass der Motor des Bootes in Brand geraten und daraufhin Panik ausgebrochen sei. 16 Menschen konnten der Küstenwache zufolge am Freitag gerettet werden. Weitere Opfer konnten demnach zunächst nicht gerettet werden, weil keine ausreichend großen Boote zur Verfügung standen. Unter den Vermissten sollen weitere Kinder sein.

"Trotz der Hindernisse machen wir weiter, das Recht auf Leben der Unsichtbaren zu schützen", erklärte Proactiva.

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