Sahra Wagenknecht zu Gast bei Sandra Maischberger
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Sahra Wagenknecht zu Gast bei Sandra Maischberger

Rassismus-Debatte

Diskussions-Verbot? Wagenknecht kontert bei „Maischberger“: „Kann auch meine Herkunft aus der Tasche holen“

Politikerin Sahra Wagenknecht schießt bei „maischberger. die woche” gegen die eigenen Genossen und Virologe Hendrick Streeck blickt optimistisch Richtung Sommer.

Bei „maischberger. die woche“ geht es am Mittwochabend im Vollsprint durch die aktuelle Themenlage. Zu Beginn diskutiert das Kommentatoren-Trio am Stehtisch über den Beschluss des Bundesverfassungsgerichts, dass die bundesweiten Ausgangssperren Bestand haben. Die Journalistin Anna Dushime stellt die Maßnahme in Frage: „Ich kenne nicht so viele Leute, die nach 22 Uhr noch joggen gehen wollen.“ Auch der Kabarettist Mathias Richling sagt, er finde die „pauschale Fliegenklatsche“ merkwürdig. Dass Leute bestraft würden, die „auf dem Land irgendwo im Wald noch spazieren gehen“, hält er für nicht nachvollziehbar.

Dem widerspricht der Journalist Markus Feldenkirchen: „Die Polemik, dass sich niemand beim Spazierengehen im Wald ansteckt, die haben wir jetzt ja schon häufig gehört. Sie wissen, dass es darum nicht ging, sondern um den Weg zum Treffen drinnen, wo Aerosole eine Rolle spielen.“ Für ihn sei bewiesen, „dass es Sinn macht, um das Infektionsgeschehen einzudämmen“. Bei der Öffnungsdebatte sieht es ähnlich aus: Dushime und Feldenkirchen geben sich verhalten, Richling hingegen plädiert für Öffnungen der Kulturstätten in Deutschland. Lediglich bei der Frage, welche Grundrechte Geimpfte zurückerhalten sollen, herrscht Einigkeit. Feldenkirchen: „Ich finde, alles was medizinisch verantwortbar ist, sollten diese Menschen machen dürfen.“

Corona-Maßnahmen: Streeck macht sich erneut für Modellprojekte stark

Den anschließenden Einspieler eines 5.000-Zuschauer-Konzerts in England nutzt Talkmasterin Maischberger, um bei Virologe Hendrick Streeck und der Intensivpflegerin Anette Segtrop Platz zu nehmen. Streeck begrüßt Modellprojekte, egal wo: „Boris Palmer oder Madsen in Rostock, die haben ja solche Projekte getestet. Und das sehe ich als sehr sinnvoll an, weil dort hat man ja gesehen, dass man durch solche Projekte Bereiche vorsichtig öffnen kann, ohne dass die Infektionszahlen höher gegangen sind als in den Nachbarregionen.“ Für den Sommer sei Streeck optimistisch, auch wegen der natürlichen Saisonalität von Coronaviren. Wie es danach weitergehe, könne niemand sagen: „Wir werden auf niedrige Zahlen im Sommer kommen. Die Frage ist dann im Herbst, das kann man schwer vorhersagen, ob dann eine Welle kommt.“

Video: Hendrik Streeck - Ausgangssperren in sozialen Brennpunkten nutzlos?

Auf der Station von Anette Segtrop kommt wenig vom Sommer-Optimismus an: „Leider ist das bei uns nicht so. Weil die Zahlen sind jetzt in der dritten Welle fürchterlich angestiegen. Mit schwerstkranken Patienten. Und im Vergleich zur ersten und zweiten Welle ist die fast am Überschwappen gewesen.“ Derzeit stabilisiere sich das Geschehen, doch die Mutationen des Coronavirus bereiten ihr Sorge: „Meine Befürchtungen gehen dahin: Das Virus verändert sich. Wir haben nur noch B.1.1.7 bei uns auf Station. Und wenn wir jetzt auf Indien schauen und dort die Virenveränderung sehen, dass vielleicht in der vierten Welle im Herbst noch jüngere Patienten kommen.“ Der jüngste Covid-Patient, den Segtrop derzeit betreut, sei 22 Jahre alt. Ihren Beruf wegen der hohen Belastung an den Nagel zu hängen, kommt für Segtrop nicht infrage: „Ich bin schon zu lange in dem Beruf, als dass ich jetzt einfach aufgebe wegen einem Virus.“

„maischberger. die woche“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Sarah Wagenknecht (Linke) – Bundestagsabgeordnete
  • Anette Segtrop – Intensivpflegerin
  • Prof. Hendrik Streeck – Virologe
  • Anna Dushime – Journalistin
  • Markus Feldenkirchen – Journalist
  • Mathias Richling – Kabarettist

Zurück am Stehtisch geht das Themen-Stakkato weiter: Feldenkirchens Überraschung der Woche sei die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Klimaschutz gewesen: „Was die Karlsruher Richter der Politik aufgegeben haben, ist nicht weniger als historisch.“ Für Mathias Richling ist Analena Baerbock (Grüne) die Verliererin der Woche, denn wer so hoch bejubelt würde, sei geradezu verdammt, auch wieder tief zu fallen. Feldenkirchen, der den damaligen SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz vor der Wahl 2017 begleitet hat, sieht „definitiv“ Parallelen zwischen Baerbock und Schulz, der ebenfalls vom Umfragenkönig zum Wahlverlierer wurde.

Sahra Wagenknecht bei „maischberger. die woche“: „Man kann sich dabei links fühlen, ohne dass man real für Menschen etwas verbessert“

Das abschließende Gespräch mit Sahra Wagenknecht (Linke) hat das emotionale Thema der Identitätspolitik zum Gegenstand. Wagenknecht hat dieser Thematik das Buch „Die Selbstgerechten“ gewidmet, in dem sie Teilen der gesellschaftlichen Linken schwere Vorwürfe macht. „Lifestyle-Linke“, also gutsituierte Großstadt-Akademiker, seien zu häufig die Meinungsführer im politischen Diskurs. Ihnen gehe es um Symbolpolitik und nicht um echte Inhalte: „Das Problem ist, wenn Menschen, die relativ privilegiert sind, anderen, für die das nicht gilt, vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben, was sie zu essen haben, was sie zu denken haben, wie sie zu reden haben.“ Das erklärt Wagenknecht am Beispiel der Firma Knorr, die zwar den Begriff der „Zigeunersoße“ aus ihrem Sortiment gestrichen, aber gleichzeitig ihren Mitarbeitern schlechtere Arbeitsbedingungen beschert habe. Wagenknecht beklagt, dass sich „die linke Twitter-Blase“ nur für Ersteres interessiere.

Jens Lehmann bei Hertha BSC abgesägt: Wagenknecht spricht von „Brachialmaßnahmen“

So gehen Maischberger, Wagenknecht und später in der Diskussion auch Dushime eine Phobie nach der anderen entlang verschiedener Beispiele durch: Rassismus, Homophobie, Xenophobie, Islamophobie. Auch das Thema Jens Lehmann und Dennis Aogo findet hier Platz, Wagenknecht findet, es mache einen Unterschied, ob Lehmann seine Äußerungen öffentlich tätigt oder privat. Lehmanns Aussage finde sie zwar „nicht okay, aber ob man gleich mit diesen Brachialmaßnahmen dagegen vorgehen muss: Ich weiß es nicht.“ Für Dushime ist an der Causa vor allem die Entschuldigung des ehemaligen Fußball-Nationaltorhüters ein Problem: „Das war eine Nicht-Entschuldigung.“ Insgesamt finde sie jedoch „gut, dass ein Bewusstsein geschaffen worden ist, dass Rassismus nicht erst beginnt, wenn jemand umgebracht wird“.

Die sich daraufhin entwickelnde Rassismus-Debatte bleibt an der Oberfläche, lässt aber erahnen, worum es in der Sache geht, nämlich die Frage: Wer hat die Deutungshoheit? Dushime stellt Wagenknechts Anspruch auf diese Deutungshoheit infrage: „Es kann doch nicht sein, dass Menschen, die nicht betroffen sind, bestimmen dürfen, ab wann reale Diskriminierung beginnt. Das leuchtet mir ehrlich gesagt nicht ein.“

Wagenknecht wiederum gibt sich abwehrend, nun sei man wieder bei der Debatte angekommen, „wer darf über was reden“ und führt an: „Jetzt kann ich auch anfangen, meine Herkunft aus der Tasche zu holen“. Die Linken-Politikerin mit deutsch-iranischer Herkunft verweist auf Erfahrungen in der Kindheit: „Ich bin als Kind auch gehänselt worden, weil ich zu dunkle Haut und zu dunkle Augen hatte.“ Und kommt zu dem Schluss: „Jeder darf über alles reden.“ Markus Feldenkirchens abschließender Vermittlungsversuch bleibt, aus Zeitgründen, unbeantwortet: „Ich glaube, es ist vereinbar, sowohl Ökonomie als auch soziale Gerechtigkeit im Blick zu haben und trotzdem sensibler gegenüber Minderheiten oder dem Anliegen von Frauen, die sehr maskuline Sprache einen Tick zu verändern, Rücksicht zu nehmen.“

„maischberger. die woche“ - Das Fazit der Sendung

75 Minuten „maischberger. die woche“ für ein gutes Dutzend Themen, zwei Einzelinterviews mit insgesamt drei Personen, dazu eine offene Diskussionsrunde zum Ende: Bei dieser Fülle an Inhalten kommt die Tiefe zu kurz. Dennoch: Die ebenfalls etwas kurz geratene Schlussdiskussion zwischen Wagenknecht und Dushime zeigt in Ansätzen den Konflikt auf, den Wagenknecht in ihrem Buch zu beschreiben und seit Wochen in Talkshows zu erklären versucht.

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