Ein Schild mit dem Schriftzug „Amtsgericht Kassel - Staatsanwaltschaft Kassel“ hängt vor dem Justizzentrum in Kassel (Hessen), Aufnahme vom 16.01.2015.
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Ein Schild mit dem Schriftzug „Amtsgericht Kassel - Staatsanwaltschaft Kassel“ hängt vor dem Justizzentrum in Kassel (Hessen), Aufnahme vom 16.01.2015.

Vorfall in Unterkunft

„Absolut skandalös!“ Sanitäter prügelt auf gefesselten Syrer ein - Polizei schaut zu: Video kursiert

  • Anna-Katharina Ahnefeld
    vonAnna-Katharina Ahnefeld
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Ein Video zeigt, wie ein Sanitäter einem fixierten Mann einen Fausthieb verpasst. Auch zwei Polizeibeamte sind anwesend. Und greifen offenbar nicht ein.

Update vom 12. März, 16.53 Uhr: „Die Bilder auf dem Video sind schrecklich. Die Umstände und der Tathergang müssen jetzt so schnell wie möglich aufgeklärt werden“, sagte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) am Freitag zu dem Vorfall. Vom hessischen Innenministerium hieß es laut Deutscher Presse-Agentur: „Das angesprochene Video macht uns fassungslos.“ 

Sanitäter schlägt in Videoaufnahmen einen Geflüchteten in einer Kasseler Unterkunft

Update vom 12. März, 15.45 Uhr: Nach dem Video aus einer Kasseler Geflüchtetenunterkunft (siehe Erstmeldung) gibt es Kritik an der örtlichen Polizei. Kassels Polizeipräsident Konrad Stelzenbach sagte am Freitag, die Abläufe in den veröffentlichten Aufnahmen, machten „fassungslos und betroffen“. Das berichtet die Nachrichtenagentur Agence France-Press. Auf besagtem Video ist zu sehen, wie ein Sanitäter einem auf einer Trage fixierten Mann - einem syrischen Geflüchteten - die Faust ins Gesicht rammt, während Polizeibeamte daneben stehen. „Gewalt gegen eine fixierte und somit wehrlose Person ist nicht zu tolerieren - ganz unabhängig davon, was zuvor vorgefallen ist.“ Die Kasseler Staatsanwaltschaft ermittele gegen den Sanitäter wegen Körperverletzung. Auch gegen zwei Polizisten werde ermittelt. Die Staatsanwaltschaft wird den Beamten laut afp Strafvereitelung vor. Zudem wurden disziplinartechnische Überprüfungen eingeleitet.

„So unangemessen das Verhalten des 32-jährigen Störers gegenüber den Kollegen im Vorfeld auch gewesen sein mag: Das in dem Video offenkundig teilnahmslose Verhalten der eingesetzten Polizisten ist für mich nicht akzeptabel“, sagte Stelzenbach weiter. Keine für die Beamten frustrierende Situation dürfe dazu verleiten, „unserer Pflicht als Schutzleute nicht nachzukommen.“

Vorfall in Geflüchtetenunterkunft in Kassel - Erschreckende Videoaufnahmen aufgetaucht

Erstmeldung vom 12. März, 11 Uhr: Kassel - Erschreckende Videoaufnahmen aus Kassel. Zu sehen ist, wie ein Sanitäter einem auf einer Trage fixierten Mann offenbar ins Gesicht schlägt. Ebenfalls anwesend: Zwei Polizisten, die jedoch nicht einzugreifen scheinen. Die Sequenz wurde am Donnerstag, 11. März, von der Bild-Zeitung veröffentlicht. Auch die Hessische Niedersächsische Allgemeine aus Kassel berichtete von dem Vorfall, der bereits vergangenes Jahr in der Nacht zum 8. November stattgefunden haben soll.

Nach eigenen Angaben wurde der Bild-Zeitung das Video aus der besagten Nacht zugespielt. Demnach hätten Angestellte der Geflüchtetenunterkunft in Kassel die Polizei gerufen, da ein offenbar betrunkener Bewohner der Einrichtung randaliere und im Vorraum des Gebäudes einen Feuerlöscher entleert habe. Als die Beamten eintrafen, habe der 32-jähriger Syrer zunächst hilflos am Boden gelegen und die Rettungssanitäter dann mit einer Aluminium-Leiter attackiert. In dem Polizeibericht, der der Bild vorliegt, heißt es: „Die eingesetzten Beamten des Polizeireviers Ost konnten diesen Angriff durch den schnellen Einsatz von Pfefferspray abwehren und den Angreifer anschließend überwältigen.“ Daraufhin sei es  „zu mehreren Spuckattacken gegen die Beamten und die Rettungskräfte“ gekommen, „wobei diese teilweise getroffen wurden“.

Videoaufnahmen aus Kasseler Geflüchtetenunterkunft: Sanitäter schlägt fixierten Bewohner ins Gesicht

Die Bild zitiert weiter aus dem Polizeibericht, in dem es heißt, dass der Bewohner auch im Rettungswagen weiter randalierte:  „Zudem trat der 32-Jährige wild um sich und traf einen Sanitäter und einen Polizisten, der dadurch rückwärts aus dem Rettungswagen gestoßen wurde. Nach derzeitigem Kenntnisstand wurden sie dadurch glücklicherweise nicht ernsthaft verletzt.“ Dem vorausgegangen sei der Fausthieb des Sanitäters gegen den Mann, nachdem dieser von den Beamten in der Geflüchtetenunterkunft offenbar überwältigt und fixiert wurde. Auf der Videosequenz ist zu erkennen, wie der Schlag des Sanitäters den Kopf des 32-Jährigen scheinbar zur Seite schleudert.

Nach Informationen von hna.de berichtete die Polizei damals von dem Vorfall in der Geflüchtetenunterkunft in Kassel - erwähnte jedoch nicht die Prügelattacke auf den Bewohner. Nach den „Spuckattacken gegen die Beamten und die Rettungskräfte“ sei es demnach zu dem Fausthieb des Sanitäters gegen den mittlerweile fixierten Mann gekommen. Wie der Kasseler Polizeisprecher Matthias Mänz mitteilte, hätten die anwesenden Polizeibeamten den Fausthieb in ihrem Bericht dokumentiert. Es sei jedoch zunächst nicht klar gewesen, wie heftig der Schlag des Sanitäters ausgefallen sei. In der nun veröffentlichen Videoaufnahme ist zu sehen, wie dieser offenbar Anlauf nimmt und mit der rechten Faust in das Gesicht des wehrlosen Mannes schlägt.

Vorfall in Kasseler Geflüchtetenunterkunft: Syrer erstattet Anzeige gegen anwesenden Sanitäter

Weiter heißt es auf hna.de, dass das Ausmaß des Angriffs erst deutlich geworden sei, als dieser mit den Aufnahmen der Hauskamera der Geflüchtetenunterkunft bei der Polizei erschienen sei. Dort habe er gegen den Sanitäter eine Anzeige wegen Körperverletzung erstattet. Polizeisprecher Mänz teilte weiter mit, man habe gegen die anwesenden Polizeibeamten umgehend ein Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung eingeleitet. Gegen den 44-jährigen Sanitäter wurde laut fr.de Strafanzeige* erstattet. Der Arbeiter-Samariter-Bund, bei dem der Sanitäter offenbar angestellt war, geht auf Distanz. ASB-Geschäftsführer Michael Görner teilte laut bild.de mit, dass besagter Sanitäter nach Bekanntwerden der Vorwürfe freigestellt und unmittelbar gekündigt worden sei.

Staatsanwaltschaft Kassel: Ermittlungsverfahren gegen Polizeibeamten aufgenommen

In dem der Bild-Zeitung vorliegenden ärztlichen Befund, wird deutlich, dass der Bewohner der Geflüchtetenunterkunft einen doppelten Bruch des Jochbeins sowie Prellungen erlitt. In einer ersten Stellungnahme der Polizei, schreibt die Zeitung weiter, sei der Vorfall zunächst heruntergespielt worden. Die Polizei habe zunächst angegeben, dass aus dem Video nicht eindeutig ersichtlich sei, ob der Schlag den Mann am Kopf getroffen habe oder nicht doch nur die Kopfstütze der Trage. Die Staatsanwaltschaft Kassel bestätigte jedoch auf Anfrage, dass das Ermittlungsverfahren gegen die Polizeibeamten aufgenommen wurde. Polizeisprecher Mänz gab gegenüber der Bild an, dass „ein Attest des Geschädigten der Polizei bis dato nicht zur Verfügung gestellt wurde“. Man habe über die Schwere der Verletzung des Mannes keine Kenntnis gehabt, erklärt der Sprecher unter anderem auf die Frage, warum der Vorfall nicht in der veröffentlichten Pressemitteilung erwähnt wurde.

„Dass die Polizei die Vorgänge vor dem Hintergrund des für sich selbst sprechenden Videos verharmlost, ist absolut skandalös“, zitiert die Bild den Hamburger Anwalt Adnan Aykac, der den Bewohner vertritt. „Der Mann ist fixiert. Das grenzt an Folter. Die Justiz muss vor allem dann Farbe bekennen, wenn Dinge mal nicht reibungslos laufen.“ (aka)*fr.de und hna.de sind ein Angebot von Ippen.Media.

Erschreckende Zahlen meldet eine Beobachtungsstelle für Menschenrechte aus Syrien. Im Syrien-Krieg sind demnach 384.000 Menschen getötet worden. Rund ein Drittel davon Zivilisten.

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