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Ein Mann trauert vor dem Café Carillon in der Rue Alibert, vor dem zahlreiche Blumen und Kerzen niedergelegt wurden (r.). Links: Merkur-Reporter Günter Klein.

"Die Luft war plötzlich anders"

So erlebte Merkur-Reporter Günter Klein den Terror in Paris

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Paris - Die Metropole an der Seine ist eigentlich Liebe, Liebe, Liebe. Unser Sportreporter Günter Klein war im Stadion, als der Terror über die Stadt hereinbrach. Ein Bericht aus einer traumatisierten Stadt.

Der Kalender zeigt Samstag, den 14., an, es ist hell, doch Paris lebt noch immer Freitag, den 13., und die blutige Nacht.

Die Menschen, Einheimische wie Touristen, kommen an die Kreuzung Rue Alibert/Rue Bichat. Dort, wo sich zwei der Restaurants befinden, die Ziel der Anschläge waren. Beim „Petit Cambodge“ sind die Rolläden heruntergelassen, beim „Le Carillon“ sieht man zersplittertes Glas und Einschusslöcher in den Hauswänden. Vor der Tür sind Blumen und Kränze abgelegt – unter der Tafel mit der Aufschrift „Happy Hours 18h - 20h“.

"Es geschah so schnell"

Etienne Faox ist aus seiner Wohnung heruntergekommen. Er zeigt auf das Fenster, aus dem er auf die Kreuzung der beiden kleinen engen Straßen hinter dem malerischen Canal Saint Martin geblickt hat. „Es geschah so schnell“, sagt er über das, was sich einen guten halben Tag zuvor ereignete. „Es hat fünf Minuten gedauert. Dann war zwei Minuten nichts. Dann kamen Feuerwehr, Polizei.“ Er war vor die beiden Lokale gelaufen, er sah, wie Menschen auf der Straße lagen und starben. Etienne Faox sagt, er könne das nicht beschreiben. „Aber ich muss jetzt hier sein. Das ist für mich wie eine Pflicht.“

Jogger kommen vorbei, sie sind irritiert über die Menschenaufläufe. Es ist schwierig, im Zentrum von Paris Laufstrecken zu finden, nicht einmal hinab zur Seine führt eine gerade Strecke, alles hier ist auf rätselhafte Weise verwinkelt. Von einem Platz gehen immer fünf, sechs, sieben Straßen ab, die oft nur Sträßchen sind. Auch „Petit Cambodge“ und „Le Carillon“ liegen in solch einem Gässchenidyll. Mit Häusern, die alt, aber hübsch sind, ähnlich denen im Künstlerviertel Montmartre. Alle haben sie die typischen Pariser Dachgeschosse, ein wenig kugelig und blechverkleidet.

In dieses heile Paris ist der Terror gekommen

Und es ist eine Gegend, in der man ungezwungen lebt. Es gibt Buchläden, Bio-Cafés, im Haus neben dem zusammengeschossenen „Petit Cambodge“ ist eine Patisserie, die mit ihrem glutenfreien Kuchen wirbt. In dieses heile Paris ist am Freitagabend der Terror gekommen. Ich, der Reporter, habe ihn auch gespürt. Im Stade de France, ein Stück draußen in St. Denis, das schon als Problemviertel von Frankreichs Hauptstadt gilt, dort beginnen die Banlieues, die Vorstädte, die nichts von der Pracht und der Leichtigkeit der Arondissements haben.

Ein Paar Schuhe liegen neben einem Blutfleck nahe der Konzerthalle Bataclan auf dem Gehsteig.

Vor dem Länderspiel Frankreich – Deutschland hatte ich noch einen länger vereinbarten Termin in der Zentrale des Senders Eurosport gehabt. Schön gelegen am Fluss. Ich wollte wissen, was er mit den Olympia-Rechten anfangen wird, die er kürzlich gekauft hat. Eurosport, das in die ganze Welt sendet, ist ein kleiner Kosmos, der in Paris gut aufgehoben ist, ein kleiner Schmelztiegel im Großen. Der Garmisch-Partenkirchner Gernot Bauer ist „Deputy Chief Editor“, er zählt die Nationalitäten auf, die in seinem Team vertreten sind: „Spanien, Frankreich, Griechenland, Senegal, Norwegen, Russland, Kamerun, Belgien – es werden 16, 17 Länder sein.“ Man spricht Französisch miteinander oder Englisch, manchmal beides in einem Satz. Abends ins Stadion, sagt Gernot Bauer, werde er nicht mehr gehen. 21 Uhr, später Anpfiff, er hat seit ein paar Wochen Zwillinge. Lieber nach Hause.

Mit einem Schlag werden Geschichten sehr klein

Im Presseraum des Stade de France unterhalte ich mich vor dem Anpfiff mit einem englischen Journalisten. Er hat sich vor einem Monat entschieden, zu diesem Spiel nach Paris zu kommen. Da war es einfach nur eine Partie, die sportlich interessant zu werden schien. Nun freut er sich so richtig über seine Wahl: Skandale in beiden Ländern, das mögen die Briten. Bei den Franzosen hat ein Spieler einen anderen mit einem Sexvideo erpresst, die Deutschen haben Ärger mit Enthüllungen über ihr Sommermärchen. Was wir noch nicht wissen: Diese Geschichten werden sehr klein werden. Mit einem Schlag.

Das Spiel läuft, und hinter der Tribüne gegenüber kracht es. Ich habe einen solchen Knall schon einmal erlebt und als lauter empfunden, weil ich näher dran war. Im Mai 2006 in Genf, als die deutsche Nationalmannschaft sich auf die WM vorbereitete, ging während eines Trainings neben dem Stadion eine Tankstelle in die Luft. Man sah sofort schwarzen Rauch und wusste, was los war. Man erfuhr bald: nur ein Unfall.

Man kann Terror tatsächlich auch spüren

Das Bumm von Paris war lauter als alles, was man mit Pyrotechnik an Geräuschen verursachen kann. Nach dem zweiten Bumm wurden wir misstrauisch, suchten im Internet nach Informationen – und fanden bald die ersten. Aber man kann Terror tatsächlich auch spüren. Das hatte ich einmal erlebt. Am 11. März 2004 war ich mit dem FC Bayern in Madrid. Es war der Morgen nach dem Champions-League-Spiel bei Real, wir stiegen in den Bus zum Flughafen. Um diese Zeit ereignete sich der Anschlag auf einen Regionalzug im Bahnhof Atocha, 200 Tote. Zwei Kilometer von unserem Hotel entfernt. Man hört Einsatzfahrzeuge, sie bilden einen vielstimmigen Chor, Handy-Netze brechen zusammen, die Luft ist anders.

Die Zahlen steigen: 3 Tote – 18 Tote – 40 Tote

So war es diesmal auch. Wir mussten im Stadion bleiben, bis 2 Uhr nachts. Dass wir in Gefahr gewesen waren, wussten wir. 70.000 Menschen auf einem Fleck sind ein ideales Anschlagsziel. Wir sammelten Informationen ein, erfuhren von der Twitter-Aktion #PorteOuverte, ein Schlagwort, unter dem Pariser Bürger spontan ihre Wohnungen für Übernachtungen anboten, auch für gestrandete Fußballfans. Wir lasen von Taxifahrern, die kein Geld verlangten. Wir waren glücklich, dass Solidarität immer noch funktioniert unter Menschen. Wir waren bedrückt, weil die Zahlen stiegen: 3 Tote – 18 Tote – 40 Tote. Zwischenstände, mit denen wir in einem Stadion nie gerechnet hatten. Und wir konnten es gar nicht glauben, dass 1000 Besucher des Spiels kürzlich mit einer anderen Katastrophe zu tun hatten: als freiwillige Helfer nach dem Absturz der Germanwings-Maschine waren sie ins Stade de France eingeladen.

Um kurz vor 3 Uhr waren wir in unseren Hotels. Es fuhren noch Autos, die Straßen waren nicht menschenleer – trotz des Ausnahmezustands, den Frankreich verhängt hatte. Der nächste Tag: hinein in die Stadt. Mit der Metro. Sie wirkt verlassen, auf dem Bahnsteig kann man das Surren hören, das die Kühlung der Snack-Automaten verursacht. Es fahren wenige Leute. Es wird geschwiegen. Wie ist Paris am Tag danach?

Paris ist die Stadt der wahren Liebe und der frivolen

Wenn der Eiffelturm Trauer trägt: Das nicht erleuchtete Wahrzeichen der Stadt.

Paris ist eigentlich Liebe, Liebe, Liebe. Man sieht es an der Pont Neuf und anderen Brücken, wo jeder Quadratmillimeter der Geländer mit einem Schloss versehen ist, in das Liebende ihre Namen geritzt haben. Paris ist die Stadt der wahren Liebe und der frivolen. Paris ist Moulin Rouge und Irma La Douce, das Mädchen mit den Seidenstrümpfen – das Bühnenstück dazu demnächst wieder im Theater, es ist bereits plakatiert. Ja, Paris ist auch eine verbrecherische Stadt, doch das Verbrechen ist so unblutig, dass es Louis de Funés als Kommissar lösen konnte. Oder Robert Langdon, die Figur des Symbolologen, die der amerikanische Schriftsteller Dan Brown erfunden hat. Der Gelehrte Langdon ermittelt in der Pyramide des Louvre. Er braucht keine Waffe. In Paris hat die Kriminalität Niveau.

Gewalt fand bislang allenfalls draußen statt, wie vor zehn Jahren in den Banlieus. Der Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo im Januar war der erste Schock für das bürgerliche Paris. Gewalt ist ein Kontrast, der nicht zu ertragen ist für diese Stadt, die sich der Kunst, der Schönheit verschrieben hat.

Ausnahmezustand in Frankreich - Zahl der Toten steigt

Ein paar hundert Meter entfernt vom „Petit Cambodge“ und „Le Carillon“ liegt ein weiteres Lokal, das die Attentäter überfielen: das „Casa Nostra“. Das Wortspiel zeigt schon auf, wie absurd die Vorstellung ist, hier könne ein krimineller Akt geschehen. Das „Casa Nostra“ ist ein typisches Pariser Restaurant. Gelegen an einer Ecke, es hat Wintergartenflair, Bistro-Tischchen und Korbstühle stehen vor der Tür. In Paris ist jedes Lokal einladend, heimelig, das Versprechen einer Offenbarung. Es ist, als würden sie in ihrer Einrichtung alle einem Code folgen.

Ein einzelner Stuhl ist übriggeblieben

Nun ist ein einzelner Stuhl übriggeblieben. Den Boden vor dem „Casa Nostra“ hat man mit Sand bedeckt. Gegen das Blut, das von der Nacht da ist. Durchs Fenster sieht man Tische, auf denen Kerzenständer stehen und Messer und Gabel auf gefalteten Servietten liegen.

Einige Stühle sind umgefallen. Der größte Tatort, die Konzerthalle Bataclan, ist am Samstag weiträumig abgesperrt, das Theater noch voller Leichen. Das Bataclan ist ein buntes Gebäude, fast so verspielt, als wäre es von Friedensreich Hundertwasser erdacht worden, der mit seiner Architektur den Menschen einen glückserfüllten Alltag schenken wollte. Im Freien, auf dem Grünstreifen des Boulevard Richard Lenoir, ist spontan eine Art internationales Pressezentrum entstanden. Die Live-Schalten der Fernsehstationen kommen von hier.

Paris fühlt sich nicht wie Paris an

Paris fühlt sich nicht wie Paris an. Noch nicht einmal dort, wo es am berühmtesten ist. Der Eiffelturm: am Samstag wie alle öffentlichen Gebäude, wie Museen, Behörden, Bäder – dicht. Notre Dame: Sogar die Kirche hat ihre Türen verschlossen, ein Zettel am Eingang weist darauf hin. Der Saxophonist auf der Brücke sammelt die paar Münzen zusammen, die er bis drei Uhr nachmittags eingespielt hat und packt Instrument und Verstärker ein. Touristengruppen, ein Führer mit hochgerecktem nummerierten Wimpel vorneweg, sieht man allenfalls asiatische. Es sind die Einmal-im-Leben-Europa-Blitztouren der Japaner, Koreaner, Chinesen. Ihr Paris-Tag ist ganz anders – und sie haben keinen normalen Paris-Tag zum Vergleichen.

In der Nobeleinkaufsstraße St. Honore hat fast alles offen, auf den Champs Elysées nicht. Sogar das Louis-Vuitton-Haus, ein Konsumtempel, vor dem an normalen Tagen Einlasskarten ausgegeben werden, hat abgesperrt und ein Schild in die Tür gestellt. Der Disney-Store hat sich anders entschieden, in seinem Schaufenster prangen lebensgroße Star-Wars-Ritter. Hätten sie den Anschlag abgewendet – oder sind sie so lächerlich wie die Pappmache-Nikoläuse der Karussells, die bereits für den Weihnachtsmarkt auf den Champs aufgebaut sind?

Kein lautes Treiben, jeder weiß Bescheid

Paris ist unwirklich. Das Zentrum ist bevölkert. Man sitzt in den Restaurants, denn in die Museen kann man nicht. Doch es ist kein lautes Treiben. Jeder weiß Bescheid.

Am Abend wirkt Paris auch weiter draußen, nahe den Endpunkten der Metro, in den Wohnvierteln, normal, als sei es zum Alltag zurückgekehrt. Die Supermärkte und Geschäfte haben bis 21 Uhr offen, die Pariser müssen einkaufen. Das Leben geht auch neben dem Terror weiter. Aber stiller.

Schnell wird es ruhig. Nach wie vor besteht die Aufforderung der Polizei, möglichst zuhause zu bleiben. Das tun die Pariser.

Draußen leichtes Verkehrsrauschen, man hört die Kirchenglocken schlagen – ungewöhnlich in dieser Weltstadt. Und immer wieder Sirenen – ohne dass was Neues passiert wäre. Oder doch?

Es ist noch nicht zu Ende.

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