Deutsche Journalistin Mesale Tolu kommt aus türkischem Gefängnis frei - doch es gibt zwei Auflagen

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Serie zur Landtagswahl 2013

Die Schattenseite des Krippenbooms

München - Viel Stress, wenig Gehalt, mieses Image. Der Erzieherberuf ist so unattraktiv wie nie. Während Krippenplätze en masse aus dem Boden schießen, fehlen Pädagogen an allen Ecken und Enden. Die Schattenseite des Krippenplatz-Anspruchs. Einige sprechen von einer Bombe, die bald platzt.

Manchmal rinnt Daniela Rieth (45) einfach nur der Schweiß herunter. Am Ende der Woche, wenn die Mängel-Verwaltung vorbei ist. Wenn sie mit ihren Mitarbeiterinnen jongliert hat, wo es nur ging. Wenn die ganze Truppe mal wieder Überstunden schieben musste. 50 Stunden. 60 Stunden. Durchatmen. Aber der Montag kommt. Und mit ihm das Bangen. „Es gibt Wochen“, sagt sie, „da wissen wir einfach nicht, wie wir das managen sollen.“

Rieth ist Leiterin einer privaten Kindertagesstätte in Unterschleißheim (Kreis München). Wie viele bayerische Kitas hat auch ihre Einrichtung mit Personalnöten zu kämpfen. Eine Erzieherin kümmert sich hier um zwölf Kleinkinder zwischen einem halben und drei Jahren. Eine Pflegerin unterstützt sie. Aber der Personal-Plan ist auf Kante genäht. Krankheit, Urlaub, Fortbildung – über Wochen kann es sein, dass eine Mitarbeiterin fehlt, die andere mit zwölf Kindern allein ist. „Für diesen Fall gibt es keinen Plan B“, sagt Rieth. Nicht, weil der Träger nicht wollte. Sondern „weil es keine Leute gibt“.

Das Problem war absehbar. Mit dem Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz, der seit August diesen Jahres gilt, ist auch der Bedarf an Erziehern stark gestiegen. Das Landesamt für Statistik spricht zwar davon, dass das pädagogische Personal im Vergleich zum Vorjahr um 7,8 Prozent zugenommen hat. Die Zahl schließt aber die weniger geschulten Kinderpfleger mit ein. Und: Nach Auskunft des Familienministeriums werden bis Ende 2014 noch 3000 Fachkräfte benötigt.

Im Ministerium sind sie zuversichtlich, dass der Bedarf gedeckt werden kann. Immerhin wurden seit 2008 13 neue Fachakademien für Erzieher gegründet. Andere haben ihre Kapazitäten vergrößert. Es gibt nur ein Problem: Dass mehr Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen, heißt nicht, dass es genauso viele geeignete Interessenten gibt. In München hat man diese Erfahrung gemacht. Im vergangenen Ausbildungsjahr blieben in der Fachakademie für Sozialpädagogik 60 Plätze unbesetzt. Ursula Oberhuber vom Referat für Bildung: „Der Bewerber-Markt war offensichtlich ausgepresst.“

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Ein, wenn nicht der Grund dafür: Der Erzieherberuf ist für viele absolut unattraktiv. Man muss schon Idealist sein, um sich hier ranzutrauen. Einer wie Andreas Rössler. Der 21-Jährige aus Hebertshausen (Kreis Dachau) ist mitten in der Ausbildung zum Erzieher. Er liebt diesen Job. Aber blind ist er nicht.

Problem eins: das Ausbildungsgehalt. 350 Euro monatlich im ersten, 450 im zweiten Praktikumsjahr. Leben in München ist damit nicht möglich. Rössler sagt: „Eigentlich macht die Ausbildung keiner ohne einen Nebenjob.“ Für manche Schulen zahlt man drauf. „Das ist halt pervers.“ Problem zwei: die lange Ausbildung. Vier Jahre täten’s auch, glaubt er. Das abschließende Anerkennungsjahr würde er sich zum Beispiel gerne sparen. Problem drei: das Image. „Wir sind die Stütze der Gesellschaft, aber wir werden nicht so behandelt.“

Für die Gesellschaft kann die Regierung nichts. Für die Rahmenbedingungen eines Erziehers schon.

Findet auch die Opposition. Der sozialpolitische Sprecher der SPD, Hans-Ulrich Pfaffmann, wirft Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) und Co. vor, sich über fünf Jahre jeder Reform-Initiative verweigert zu haben. Eine Verkürzung der Ausbildungszeit, ein besserer Personalschlüssel, mehr Erholungszeit für die Erzieher. Alles abgelehnt. Pfaffmann hält den Mangel an Fachkräften durch schlechte Rahmenbedingungen für „die zentrale Problematik im Betreuungsbereich“. Die Regierung, sagt er, habe kaum etwas getan.

Kita-Leiterin Rieth stellt das vor große Probleme. Das „Nomadentum“ der Erzieher ist eines, das chronisch geworden ist. Dass eine Kraft länger als zwei Jahre in einer Einrichtung bleibe – selten. Gute Erzieherinnen würden abgeworben, mit Autos und Wohnungen gelockt. Auch mit Geld. Das Einstiegsgehalt einer Erzieherin liegt laut Verdi bei rund 2430 Euro. Üppig ist anders.

Es ist ein harter Kampf zwischen den Trägern. Aber auch innerhalb der Einrichtungen. 15 Jahre lang arbeitete Rieth in einer kommunalen Kita. „Ein Brennpunkt“, sagt sie. Wenn eine Kollegin ausfiel, krank oder schwanger war, dann wurden Erzieherinnen aus anderen „Filialen“ eingetragen. Aber nur auf dem Papier. Oft kamen sie gar nicht, weil sie in ihren Kitas gebraucht wurden. Rieth sprach einen Kommunalpolitiker darauf an. Der soll „mit süffisantem Lächeln“ gesagt haben: „Das machen alle so.“

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Es ist nicht so, dass die Staatsregierung das Problem nicht erkannt hätte. Seit dem 1. August werden Bewerber mit ausländischem Abschluss als Erzieher anerkannt. Es gibt das Betreuungsgeld als Prämie für die, die sich gegen eine Kita entscheiden.

Und es gibt die Tagesmütter. „Der Anspruch auf einen Betreuungsplatz hat der Kindertagespflege einen ungeheuren Schub gegeben“, sagt Rosa Hochschwarzer vom Landesverband Kinder in Tagespflege. Tatsächlich hat sich die Zahl der staatlich geförderten Plätze seit 2005 auf 10 000 verdoppelt. Die Kapazitäten, sagt Hochschwarzer, seien eigentlich doppelt so groß. Dazu müssten sich aber die Strukturen deutlich verbessern. Fest angestellte Tagesmütter zum Beispiel gebe es kaum. Die meisten bekämen Honorare. Knapp vier Euro pro Kind und Stunde, das sei Usus.

Für die Tagesmutter, die bis zu fünf Kinder betreuen darf, bleibt nach Abzügen wenig. Für die Politik hat das System den gleichen Vorteil wie das Betreuungsgeld: Es ist billiger als der Kita-Ausbau.

Alle reden über den Anspruch auf einen Betreuungsplatz, sagt Rieth. „Niemand redet über uns.“ Seit April 2012 sind in ihrer Einrichtung drei Erzieherinnen wegen Schwangerschaft ausgefallen. „Ich rette mich dann halt mit Praktikanten.“ Sie selbst hat zusätzlich zur Kita-Leitung eine Gruppe übernommen. Für die Büro-Arbeit bleibt meist nur der Samstag. „Die Bombe ist gerade dabei, zu platzen“, sagt Daniela Rieth. „Spätestens dann, wenn in einer unterbesetzten Einrichtung mal ein Unfall passiert wegen zu wenig Personal.“

Von Markus Mäckler

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