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Einsatzkräfte vor dem "Bataclan".

Schwester von Nationalspieler im "Bataclan"

Augenzeugen: "Sie waren nicht maskiert und sehr jung"

Paris - Zehn Monate nach „Charlie Hebdo“ ist Paris erneut Ziel einer Terrorattacke. An mehreren Orten gleichzeitig fallen Schüsse, sind Explosionen zu hören. Wir fassen die Aussagen von Augenzeugen zusammen.

Die französischen Zeitungen titeln „Horror“ und „Krieg in Paris“. Der Terror hat Paris zehn Monate nach dem Anschlag auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ erneut ins Mark getroffen. Und der Schrecken erreicht ein neues Maß: Die Attentäter ziehen mit Sprengstoffgürteln los, an mindestens sechs Orten schlagen sie zu. Mindestens 120 Menschen sterben. Präsident François Hollande spricht von „Barbarei“.

Im Visier stehen ein beliebtes Ausgehviertel im Osten der Stadt sowie das Stadion, in dem am Abend die deutsche Fußballnationalmannschaft aufgelaufen ist. Ein Massaker richten die Angreifer im Musikclub „Bataclan“ an. Nach Berichten von Augenzeugen schießen Terroristen dort wild um sich, nehmen Geiseln. Dutzende Menschen sterben. Die beliebte Konzerthalle mit etwa 1500 Plätzen ist für ein Konzert der US-Band „Eagles of Death Metal“ ausverkauft. Mehrere Angreifer sprengen sich später selbst in die Luft.

Attentäter sollen "Allah ist groß" gerufen haben

„Mitten im Konzert sind Männer reingekommen, sie haben im Bereich des Eingangs zu schießen begonnen“, sagt Konzertbesucher Louis dem Sender France Info. Sie hätten in die Menge geschossen und dabei „Allahu akbar“ gerufen - „Allah ist groß“. Eine offizielle Bestätigung für ein islamistisches Motiv der Anschläge gibt es zunächst nicht.

Der Journalist Julien Pearce vom Radiosender Europe 1, der selbst im Saal war, berichtet: „Es waren zwei oder drei Leute, die nicht maskiert waren. Sie hatten Maschinengewehre wie Kalaschnikows dabei und haben sofort angefangen, wild um sich zu schießen.“ Er fügt an: „Das hat 10, 15 Minuten gedauert. Das war von extremer Gewalt. Es gab Panik. Alle sind Richtung Bühne gerannt. Die Attentäter hatten Zeit, mindestens drei Mal nachzuladen. Sie waren nicht maskiert. Sie traten sehr beherrscht auf. Sie waren sehr jung.“

"Die Menschen haben geschrien, gekreischt und alle haben auf dem Boden gelegen", berichtet Pearce im US-Fernsehsender CNN. Der Angriff habe zehn Minuten gedauert. "Zehn schreckliche Minuten, in denen alle am Boden lagen und ihre Köpfe geschützt haben."

Der Journalist hat den verheerenden Angriff nach eigener Aussage überlebt, weil er sich über die Bühne zu einem Ausgang retten konnte. Die Attentäter hätten mit Sturmgewehren in die Menge geschossen. "Die Leute versuchten zu fliehen und sind auf der Suche nach Ausgängen auf Leute getreten, die am Boden lagen", sagt Pearce. Er selbst sei auf die Bühne geklettert, als die Attentäter gerade ihre Waffen nachgeladen hätten, und habe von dort aus einen Ausgang erreicht.

Pearce brachte bei seiner Flucht auch ein junges Mädchen in Sicherheit, das bei der Schießerei verletzt wurde und stark blutete. Er trug sie zu einem Taxi und bat den Fahrer, sie ins Krankenhaus zu fahren.

Pearce hat im Bataclan 20 bis 25 Leichen und viele Schwerverletzte gesehen. Nach der Erstürmung des Gebäudes durch die Polizei sprechen die französischen Behörden am Samstagmorgen von mehr als 80 Toten allein im Bataclan. Die vier Angreifer sind tot, drei von ihnen zündeten ihre Sprengstoffgürtel. Mindestens 20 weitere Menschen werden bei Anschlägen und Schießereien an sechs weiteren Orten in der französischen Hauptstadt getötet.

"Sie haben gar nicht mehr aufgehört zu schießen"

Auch der 35-jährige Pierre Janaszak hat den Angriff auf das Bataclan überlebt. Er saß zusammen mit seiner Schwester und Freunden auf einem der oberen Ränge, als die ersten Schüsse fielen, wie er der Nachrichtenagentur AFP erzählt. "Zuerst haben wir gedacht, dass das zur Show gehört, aber wir haben schnell verstanden."

Die Attentäter seien zu Dritt gewesen und hätten "einfach in die Menge geschossen", erinnert sich der Radiomoderator. "Es war ein Höllenlärm, sie haben gar nicht mehr aufgehört zu schießen."

"Überall war Blut, überall waren Leichen. Die Leute haben geschrien, alle haben versucht zu fliehen", berichtet Janaszak, der sich mit vier anderen Leuten in einer Toilette verschanzte. Die Attentäter hätten 20 Geiseln genommen und mit ihnen gesprochen. "Ich habe deutlich gehört, wie sie zu den Geiseln gesagt haben: 'Hollande ist Schuld, euer Präsident ist Schuld, er hat nicht in Syrien einzugreifen.'"

Als die Polizei den Konzertsaal gestürmt habe, seien wieder viele Schüsse gefallen, berichtet Janaszak. "Es wurde in alle Richtungen geschossen, es gab auch Explosionen." Dann hätten Polizisten die Toilettentür geöffnet und ihn aufgefordert herauszukommen. Vorher musste er aber seinen Oberkörper freimachen - die Polizisten wollten sichergehen, dass er keine Bombe dabei hatte.

Retten konnten sich auch die Mitglieder der Rockband "Eagles of Death Metal", deren Konzert im Bataclan mit seinen 1500 Plätzen ausverkauft war. Die Mutter eines Musikers berichtete der "Washington Post", ihr Sohn und die anderen Bandmitglieder hätten aus dem Konzertsaal flüchten können, als der Angriff begann. "Es war schrecklich", sagte Mary Lou Dorio. Unklar war aber noch das Schicksal mehrerer Mitglieder der Crew der Band.

Augenzeuge Marc Coupris berichtet dem britischen „Guardian“, Angreifer feuerten auch von der Galerie herunter.

Schwester von Frankreich-Nationalspier Griezman im "Bataclan"

Frankreichs Nationalspieler Antoine Griezman hat nach dem Ende der Partie gegen Fußball-Weltmeister Deutschland um das Leben seiner Schwester gebangt. Sie gehörte nach Angaben des 24-Jährigen zu den Besuchern in der Konzerthalle in Paris, in der mindestens 70 Menschen bei einem Attentat getötet wurden. „Gott sei Dank hat meine Schwester aus dem Bataclan rauskommen können“, schrieb Griezman in der Nacht auf Samstag bei Twitter.

Während des Fußball-Länderspiels von Deutschland mit EM-Gastgeber Frankreich hatte es in unmittelbarer Nähe zum Stade de Paris im Pariser Vorort Saint-Denis mehrere Explosionen gegeben. Insgesamt kamen bei der beispiellosen Terrorserie am Freitagabend mindestens 120 Menschen ums Leben.

Terror in Paris: News-Ticker und die wichtigsten Fakten

Das Wichtigste im Überblick: Wir haben bereits einen Artikel mit den wichtigsten Fakten zum Terror in Paris. Die aktuellen Enwicklungen finden Sie im News-Ticker zum Terror in Paris.

dpa/AFP

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