Seehofer als CSU-Vorsitzender bestätigt - mit seinem mit Abstand schlechtesten Ergebnis

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Wahlkampf um Schwabing: "Eine Plakatschlacht", sagt der bisherige Sieger Ludwig Spaenle. Der Herr Kultusminister ist übrigens der Plakatkleber auf dem Foto.

Bayerns spannendster Stimmkreis

Wahlkampf-Schlacht um Schwabing

München - An der Leopoldstraße tobt die härteste Polit-Schlacht Bayerns. Um den Sieg im Stimmkreis Schwabing kämpfen zwei Minister, eine sehr laute Rote und eine sehr rote Grüne. Und noch ein paar mehr. Nirgends muss die CSU so um ihr Direktmandat zittern.

Am Steuer bricht es aus ihm heraus. „Dreckbären!“, ruft der Herr Minister, „dieses Gschwerl!“, und noch ein, zwei hässliche Worte. Sein Kinn weist leicht bebend nach vorn. Da steht: nichts. Da liegt nur was. Ein Plakatständer, zertreten. Ein CSU-Papiergesicht, zerfetzt. Einige Drahtreste, per Zange zerteilt. Ludwig Spaenle steigt aus, inspiziert kurz, was von seinem Gesicht übrig ist. Nicht viel. Er bückt sich, sammelt die Trümmer auf, bindet Fragmente zusammen und pappt ein neues Plakat drauf. Er ist es ja gewohnt – den Vandalismus, die Bärtchen am Plakat, die Fuck-you-Schriftzüge. Er hat sich gleich wieder beruhigt. Das mit den Dreckbären musste einfach mal raus.

Ein Nachmittag in Schwabing: Der Kandidat klebt sich selbst. Er bindet sein Gesicht an Bäume, er wieselt über die Grünstreifen, von einem Hundeklo ins nächste. Wer glaubt, dass der Wahlkampf eines Herrn Staatsministers etwas Abgehobenes sei mit TV-Duell und PR-Beratern, der soll mal mit Spaenle Plakate kleben gehen. Er fährt allein in einem verbeulten VW-Bus durchs Viertel, trägt ein Polohemd voll Kleisterflecken, recht knapp am Bauchansatz, er schiebt sich drei Dutzend Kabelbinder in den Hosenbund.

Grüne Prominenz: Margarete Bause spielt mit Claudia Roth in der ersten Reihe der Partei.

In diesem Aufzug führt der 52-Jährige einen Kampf, den sonst kaum ein Parteifreund so fürchten muss wie er. Im Herzen von München droht ausgerechnet dem CSU-Bezirksvorsitzenden der Machtverlust. Im Stimmkreis Schwabing mit seinen Künstlern und Studenten, mit dem bunten Glockenbachviertel, ist ein CSU-Sieg kein Naturgesetz. 2008 hatte Spaenle 725 Stimmen Vorsprung vor der SPD, das ist ein Wimpernschlag bei 117 000 Wahlberechtigten. Das Bild, wie er spät nachts mit leerem Blick auf einem Stuhl im Kreisverwaltungsreferat sitzt, ist unvergessen. Keine Kraft mehr zum Feiern. Wenn’s blöd läuft, wird Spaenle diesmal der einzige CSUler, der sein Direktmandat nicht holt. Deshalb klebt er jetzt Plakate.

Alles nur Show, sagt Isabell Zacharias. Die resolute SPD-Abgeordnete steht in der Germaniastraße nördlich der Münchner Freiheit und drückt einer Passantin einen Flyer in die Hand. „Ich war da“, steht drauf. 24 000 davon hat Zacharias schon verteilt. Drei Stunden geht sie täglich von Tür zu Tür. Wer nicht zuhause ist, dem hinterlässt sie den Zettel im Briefkasten. „Beim Spaenle hab ich vorhin auch einen reingeworfen“, gluckst sie vergnügt.

Zacharias hat gute Laune. Nur über diese Plakatier-Geschichte des Konkurrenten Spaenle, da kann sie sich echt aufregen. Das mache der nämlich nur, wenn Fernsehteams oder Zeitungen dabei seien – ansonsten habe der professionelle Plakatierer angeheuert. Wie die anderen auch. „Wenn er Tatendrang signalisieren will, dann hätte er das mal als Kultusminister tun sollen.“ Die 48-jährige Nordfriesin klingelt an der nächsten Tür. Ein junger Mann öffnet verschlafen. Es ist Montag kurz nach 11. Zacharias entschuldigt sich kurz, um dann klare Anweisungen zu geben: „Wenn Sie am Sonntag so um 12 ausgeschlafen haben, gehen Sie zur Wahl. Ja?“ Klar, verspricht er artig. Zacharias trifft den Ton. Das Feedback ist gut. Sie hat ein sehr gutes Gefühl: „Wenn ich es diesmal nicht schaffe . . .“, sagt sie beim Rausgehen und lässt den Satz unvollendet. Draußen wartet schon ihr nächstes Opfer. „Grüß Gott, ich bin Ihre Landtagsabgeordnete von der SPD. . .“, fängt sie an. „Ich mag die SPD nicht“, kommt es zurück. „Aber ich wähl’ sie trotzdem, weil der Ude ein Guter ist.“

Vielleicht ist das Zacharias’ größter Trumpf. Udes Wohnung am Kaiserplatz liegt nur ein paar Meter außerhalb des Wahlkreises. Aber Schwabing ist Schwabing. „Leider kann ich nicht selber mitabstimmen, weil ich auf der anderen Seite der Wahlkreisgrenze an der Victoriastraße wohne“, sagt der SPD-Spitzenkandidat. „Aber ich hoffe, dass meine Schwabinger Nachbarn den G8-Murks und Spaenles Verwandtenaffäre noch nicht vergessen haben.“ Er selbst posiert mit Zacharias auf den Plakaten. Und die gibt zu: „Klar bau ich auf den Ude-Effekt!“

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Seit 20 Tagen klingelt sie an Haustüren. Er klebt Plakate, hat seit Winter alten Schnaps gesammelt für den Kleister. Beide setzen voll auf ihre Taktik. Beim Besuch an der Haustür, sagt Zacharias, stoße sie auf positive Resonanz. Zu den Infoständen kämen doch nur diejenigen, die sich beschweren wollen. Spaenle hingegen glaubt ans Plakat. „Es gibt keine Stadt, in der so eine Plakatschlacht herrscht wie in München“, sagt er. „Es geht um die Straßenhoheit. Wenn die Leute sagen: ,Ich kann dich nicht mehr sehen‘ – dann bin ich glücklich.“ Man merkt es dem Stadtviertel an. Schöner wird es durch all die geklebten Gesichter nicht. Aber Schwabing ist für Wahlkämpfer eben die Mutter aller Schlachten. Mag sein, dass es anderswo reicht, sich bei der eigenen Klientel blicken zu lassen und im Wahljahr beim Pfarrfest. Hier geht es wirklich um jede Stimme. Das zeigt schon ein Blick auf die Ergebnisse 2008. Bei den Erststimmen, das sind die für den Direktkandidaten, holte Spaenle 28,9 Prozent, Zacharias 27,6 Prozent. Doch auch die anderen Kandidaten sind nicht zu unterschätzen: 18,1 Prozent sammelten die Grünen, 13,7 die FDP.

Kollegen und Konkurrenten: Wolfgang Heubisch genießt die Kunst. Unten: Spaenle nach dem Wahlsieg 2008.

Auch das macht diesen Stimmkreis, offizielle Nummer 108, so unberechenbar: Die besten Freunde sind die größten Konkurrenten. FDP-Kandidat Wolfgang Heubisch ist Ministerkollege mit den Büros fast Tür an Tür. Er kann Spaenle im bürgerlichen Lager die entscheidenden Stimmen wegnehmen. Genau das hat er auch vor, denn der 67-Jährige kämpft mit seiner FDP ums Überleben. Heubisch ist Kunstminister, zuständig für all die schönen Museen, Pinakotheken und Eliteuniversitäten. Es gehört zur Ironie dieser Geschichte, dass die natürlich alle im Stimmkreis stehen. Nicht zuständig ist Heubisch für jammernde Lehrer-, Schüler- und Elternverbände, denn das macht ja Spaenle.

Auch Zacharias hat Konkurrenz aus dem eigenen Lager: die grüne Fraktionschefin Margarete Bause. Beide zielen nach links. Vor allem um den Gärtnerplatz könnte die Grüne der Roten wichtige Stimmen wegnehmen. „Das ist nicht das, was ich angepeilt habe“, hatte sie nach den 18,1 Prozent beim letzten Mal gegrantelt. Damit es diesmal mehr werden, zieht auch sie von Tür zu Tür, gestern Abend in der Isarvorstadt. Heute steht sie mit Katrin Göring-Eckardt auf dem Marienplatz. Aber als Fraktionsvorsitzende muss sie auch quer durch Bayern. Bauernmarkt in Ottobrunn und so. Ob sie in Schwabing über 20 Prozent kommt?

Doch es gibt weitere Konkurrenz für die Platzhirsche: Der Arzt Otto Bertermann tritt für die Freien Wähler an. Im Landtag ist er zwar keine große Nummer, aber durch einen überraschenden Fraktionswechsel von der FDP, wo er immerhin Fraktionsvize war, lieferte er jüngst Schlagzeilen. In anderen Regionen ginge der Mann als Polit-Promi durch. Auch der seit dem Rauchverbot bayernweit polarisierende ÖDP-Promi Sebastian Frankenberger tritt hier an. Nichts, wirklich nichts an diesem Stimmkreis ist langweilig: Für die rechten Republikaner kandidiert ein Schwarzafrikaner.

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„Der Wahlkreis-Schwabing-Freimann gehört zu den spannendsten des Freistaats – mit den prominentesten Kandidaturen bei allen Parteien“, findet auch Christian Ude. „Umso spektakulärer und bedeutender wäre es, wenn Isabell Zacharias es diesmal schaffen könnte.“ Man könnte nun rechnen: Ministerbonus für Spaenle. Gleichzeitig Malus, weil er mit seiner Frau in die Verwandtenaffäre des Landtags gerutscht ist. Die Rechnung aber ist das Papier nicht wert. Der Stimmkreis wurde neu zugeschnitten und dadurch noch schwerer kalkulierbar. Teile von Neuhausen sind jetzt weg, dafür plötzlich das bunte Glockenbachviertel dabei – über das Bause sagt, „der Herr Spaenle“ brauche da gar nicht erst spazieren gehen. Die grüne Isarvorstadt ist jetzt im „108er“, und das geldig-schicke Lehel, wo sich Zacharias das Klingeln spart, teilt sich den Direktabgeordneten mit Gebieten wie dem Euro-Industriepark.

Hochfliegende Pläne: Isabell Zacharias will dieses Mal in Schwabing das Direktmandat

Auf jeden Fall ist es kein Stimmkreis für abgehobene Politiker. In ihrem Mikrokosmos Schwabing erleben sie all das, was Wahlkämpfer in der ganzen Republik erwartet. Blödes Geglotze. Zugeknallte Türen und Beschimpfungen durch die Gegensprechanlage. Oder einen kleinen Flirt. Am Max-II-Denkmal lacht eine hübsche Blonde Spaenle an: „Selbst ist der Mann, gell?“ An der Prinzregentenstraße, Ampel Wagmüller, stellt ein Tourist die saudumme Frage: „Wahlkampf, wa?“ Nein, ich plakatiere mich für einen Model-Contest, hätte Spaenle zurückraunzen können, aber er sagt nur schneidig: „Wahlkampf, jawoll.“

Noch fünf Tage. Zacharias gehen bald die Handzettel aus. Hoffentlich langen sie bis Sonntagabend. Spaenle kann dann aus seinem Beulenbus die Krawatte wieder rausholen. Sie ist unter die Handbremse gerutscht, er wird dann merken, dass sie sehr staubig ist. Er hofft nur inständig, dass er sie nachher noch braucht.

Von Christian Deutschländer und Mike Schier

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