Pornografie

Schmutzige Geschäfte mit Kindern

München – Er filmte Kinder nackt und verkaufte die Aufnahmen: Markus R. verdiente in Rumänien viel Geld, bis er aufflog und mit ihm die Firma Azov sowie SPD-Mann Edathy. R. lebt jetzt in München und ist untergetaucht – sein Fall zeigt, wie die Branche funktioniert.

Markus R. lebt in einem Mehrfamilienhaus, in einer Münchner Siedlung, Nachbarn hat er sich als Student vorgestellt. Als Reporter von Spiegel TV vorige Woche bei ihm klingeln, öffnet er nicht – an der Tür hängt ein Zettel, er wohne nicht mehr hier. Markus R. ist untergetaucht, vermutlich um dem Wirbel zu entgehen, den er indirekt ausgelöst hat: Der Münchner spielt eine Schlüsselrolle in der Kinderporno-Affäre um den SPD-Politiker Sebastian Edathy.

Die Geschichte zeigt, wie skrupellos das Geschäft mit ahnungslosen Kindern läuft – und sie beginnt 2001. Markus R., heute 35, zieht nach Rumänien und arbeitet dort für eine deutsche Firma. In seiner Freizeit bietet er Kindern aus der Nachbarschaft und auch an Schulen Karatekurse an. Eltern und Kinder schätzen ihn und seine kumpelhafte Art – doch das Vertrauen nützt R. irgendwann aus. Er baut einen Zaun um seinen Garten, stellt einen aufblasbaren Pool auf und lädt Buben ein. Er filmt, wie sie plantschen, nackt raufen, sich berühren – und bläut ihnen ein, ja nichts den Eltern zu verraten. Dafür belohnt er sie mit Pizza, Limo und manchmal ein bisschen Geld. Die schmierigen Filme verkauft er an die Firma Azov in Kanada, später wird eine Polizistin dem Toronto Star sagen, R.s Filme seien unter den beliebtesten und eindeutigsten auf der Internetseite. Azov – das ist die Firma, bei der auch Edathy mehrmals bestellte.

Markus R. fliegt zwei Mal auf: Eltern erwischen ihn mit einer Kamera und Kinderunterhosen in der Hand, um sich herum nackte Buben. R. zieht in eine andere Stadt – und macht weiter. Doch als er sich 2010 mit drei Buben und eindeutigen Film-Requisiten nach Deutschland absetzen will, verhaftet ihn die rumänische Polizei an der Grenze. Bis dahin hat er 150 000 Euro mit den Filmen verdient. Daheim, in Deutschland, läuft ein Insolvenzverfahren gegen ihn – offiziell besitzt R. keinen Cent, sagt sein Insolvenzverwalter, ein Landshuter Anwalt, Spiegel TV.

R. wird verurteilt, seit August 2013 ist er auf freiem Fuß, lebt in München, hat einen Büro-Job und kümmert sich ehrenamtlich um einen älteren Mann. Das alles erzählt er im November freimütig dem Toronto Star, bei seinen Opfern entschuldigt sich R. in einem offenen Brief – zu einem Zeitpunkt, als die Azov-Affäre nur in Kanada spielt. Doch jetzt spricht ganz Deutschland darüber, sogar Gesetzesänderungen werden gefordert: Denn nicht alles, was an einschlägigen Filmen und Fotos im Internet kursiert, ist eindeutig strafbar.

Gegen Edathy ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover wegen des Kaufs und Besitzes von Bildern mit nackten Buben zwischen etwa 9 und 13 Jahren. Ist das Kinderpornografie? Aus Expertensicht eine rechtliche Grauzone. Diese „Posing“-Bilder gelten nur dann als pornografisch, wenn eine „geschlechtsbetonte Pose“ dargestellt ist und sie zur sexuellen Erregung Erwachsener gefertigt wurden – auch wenn auf ihnen keine direkte aktive sexuelle Handlung zu sehen ist. Doch die rechtliche Abgrenzung ist oft schwierig.

Damit ist auch die bayerische Polizei konfrontiert. Beim Landeskriminalamt gibt es eine Abteilung für Cybercrime, also Verbrechen im Netz. Informatiker fahnden mit Polizisten nach Kinderpornografie – oft nach Hinweisen auf verdächtige Seiten oder Personen. Oft aber stöbern die Beamten in mühevoller und technisch anspruchsvoller Recherche Betreiber von Seiten auf, die Bilder von leichtbekleideten oder nackten Kinder zum Tausch anbieten oder verkaufen. Ob ein Straftatbestand vorliegt oder nicht, entscheidet die Staatsanwaltschaft.

Wäre die Polizei-Arbeit leichter, wenn „Posing“-Bilder eindeutig unter Pornografie fallen würde? „Für die Ermittlungen ist das nicht relevant“, sagt Hans Wengenmeir, Bayern-Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Viel wichtiger sei, dass länderübergreifend einfacher ermittelt werden könne. „Eine isolierte Gesetzgebung in Deutschland bringt nichts“, sagt Wengenmeir – das Internet kennt keine Grenzen. Stehen die Server in einem Land, das kein entsprechendes Abkommen mit Deutschland unterzeichnet haben, haben die Fahnder keine Chance. Eines aber steht fest, sagt der Kripo-Beamte aus Augsburg: Wenn auf einer Seite vermeintlich harmlose „Posing“-Bilder von Kindern angeboten werden, dann ist meistens auch härteres Material im Angebot.

Carina Lechner

Rubriklistenbild: © dpa

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