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Scholz wirft Reporter im Interview zur Impfpflicht Zynismus vor - später geht‘s um den General

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Von: Marcus Giebel

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Olaf Scholz steht an einem Pult vor einer roten Wand
Will sich nicht als Lügner betiteln lassen: Olaf Scholz spricht sich mittlerweile für eine Impfpflicht und de zeitnahen Booster aus. © picture alliance/dpa/TT NEWS AGENCY/AP/Adam Ihse

Im Live-Interview für die Bild wollte Olaf Scholz erklären, wie Deutschland unter seiner Führung die Corona-Krise bewältigen kann. Mit einigen Fragen sollte er aufs Glatteis geführt werden.

München - Ob er wirklich in der Lage ist, in einer der größten Krisen der Bundesgeschichte ein Dreierbündnis zu etablieren und anzuführen, muss Olaf Scholz noch beweisen. So schnell wird den in Osnabrück geborenen SPD-Politiker aber nichts aus der Ruhe bringen lassen. Weder verbale Schelten, derer er sich während des Corona-Gipfels erwehren musste. Noch provokante Fragen in Interviews.

Beides bewies der designierte Nachfolger von Angela Merkel binnen weniger Stunden. Denn im Anschluss an das „Kamingespräch“ - O-Ton Scholz - mit Kanzlerin und Länderchefs ging es direkt weiter zu „Bild live“, wo der stellvertretende Chefredakteur Paul Ronzheimer den in sich ruhenden Norddeutschen aus der Reserve locken wollte.

Vor drei Monaten wollte Scholz keine Debatte über Impfpflichten

Nach ein paar wenig bedrohlichen Fragen zu Beginn, wurde es in dem Gespräch bereits etwas heikler, als ein drei Monate zurückliegender Einspieler Scholz im Bundestag zeigte, wie er betonte: „Ich finde, es wäre falsch, wenn man eine Debatte beginnt über Impfpflichten und ähnliches.“

Problem: Kurz vor dem Termin bei der Bild hatte der ehemalige Hamburger Bürgermeister erklärt, sich eine Entscheidung darüber im Bundestag vorstellen zu können und dann für eine Impfpflicht votieren zu wollen. Für Ronzheimer ein gefundenes Fressen, denn er fragte ganz unverblümt: „Wer soll Ihnen als künftiger Kanzler vertrauen, wenn Sie das erste Versprechen jetzt schon brechen?“

Doch Scholz ließ sich nicht in die Ecke drängen und antwortete, während er auf den Bild-Journalisten zeigte: „Sie sollten mir vertrauen. Denn es geht ja darum, dass man mit einer sehr ernsthaften Lage auch ernsthaft umgeht.“ Die Politik habe „darauf gesetzt, dass sich möglichst viele überzeugen lassen“. Bei einer Impfquote von 80 Prozent oder mehr in der Bevölkerung „würde das eine andere Situation sein und hätte ich meine Meinung zu diesem Thema nicht geändert“.

Bild-Journalist verweist auf Vorhersagen von Verschwörungstheoretikern

Ronzheimer bohrte weiter nach, ein kausaler Zusammenhang zwischen Impfquote und Impfpflicht sei nie erwähnt worden: „Sie haben sich in den Bundestag gestellt und gesagt: ‚Wir garantieren, wir versprechen, es gibt keine Impfpflicht.‘ Da war nie davon die Rede: ‚Wenn wir Ziel xy nicht erreichen...‘“ So würden sich Verschwörungstheoretiker bestätigt fühlen, die genau diese Entwicklung vorhergesagt hätten.

Wieder blieb sich Scholz treu, schob stattdessen den Ungeimpften den Schwarzen Peter zu. Denn die vielen Bürger, die sich dem Pieks verweigern, seien die Ursache dafür, „dass wir heute als ganzes Land eine große Problemlage haben. (...) Es ist ja so, dass sich viele Bürgerinnen und Bürger haben impfen lassen und die müssen jetzt Einschränkungen akzeptieren...“

Diesmal ließ Ronzheimer seinen Gast gar nicht aussprechen, legte noch einmal nach: „Aber dennoch gab es das Versprechen von Ihnen, Herr Scholz. Das Versprechen zur Bevölkerung, dass es die Impfpflicht nicht geben wird. Das führt jetzt zu einer weiteren Spaltung in der Gesellschaft, dass jetzt diejenigen sagen können: ‚Ja, wir wurden angelogen.‘“

Scholz zu Ronzheimer: „Nicht mit ihrem Zynismus einverstanden“

Und nun verließ Scholz tatsächlich erstmals die Rolle des komplett kontrollierten Politikers, der einfach nur seine Botschaften an den Mann oder die Frau bringen will. Stattdessen warf er dem Bild-Redakteur vor: „Ich bin nicht mit Ihrem Zynismus einverstanden...“

Als Ronzheimer darauf entgegnete: „Das ist überhaupt kein Zynismus, das ist eine Tatsachenbeschreibung.“, entlockte er Scholz sogar ein verschmitztes Lächeln. Doch der Regierungschef in spe lenkte die Gesprächsrichtung geschickt in andere Bahnen.

„Gestatten Sie mir die kleine Bemerkung. Denn ich glaube, man kann nicht herzlos zugucken, wie die Situation jetzt ist. Und die hat eine klare, eindeutige Ursache“, zeigte er die Zwickmühle auf, um noch einmal die zu niedrige Impfquote in den Fokus zu rücken.

Scholz fordert „riesige Gemeinschaftsanstrengung in Deutschland“

Um dann zu unterstreichen, dass alle zusammenhalten müssten, um die Lage zu bessern: „Deshalb auch der General, deshalb der Krisenstab, deshalb Impfen und Boostern als große Herausforderung, als riesige Gemeinschaftsanstrengung von Bund, Ländern, Landkreisen, Städten und Gemeinden in Deutschland.“

Auch hier fand Ronzheimer gleich einen Ansatzpunkt: „Also sucht das Militär bald die Impfunwilligen? Oder was meinen Sie mit dem General?“ Gemeint war Generalmajor Carsten Breuer, der eine wichtige Rolle im Krisenstab übernehmen soll.

Scholz umschrieb dessen Aufgabengebiet so: „Der organisiert jetzt erstmal die Angebote. Denn in Ihrer Zeitung und überall wird berichtet über die Frage: Klappt das mit dem Impfstoff? Sind die Impfzentren groß genug? Gibt es genügend Leute, die das organisieren? Wie ist die Logistik?“

Video: Lockdown und Impfpflicht - Wie sieht der weitere Corona-Weg aus?

Frage nach Dauer.Impfabo kann Scholz noch nicht beantworten

Viele Fragen, denen sich der Logistik-Experte stellen muss. Auf Scholz kamen weitere von Ronzheimer zu. Diesmal ging es um ein aktuelles Zitat. „‚Weil der Schutz der Impfung über die Zeit deutlich nachlässt, wird der Impfstatus perspektivisch nach sechs Monaten seine Anerkennung als vollständiger Impfschutz verlieren.‘ Heißt das also, man braucht ein Dauer-Impfabo, alle sechs Monate erneut?“, fragte der Boulevard-Journalist geradeheraus.

Hier wollte Scholz keine falschen Hoffnungen machen: „Das wissen wir noch nicht. Aber wir wissen auf jeden Fall, dass der vollständige Impfschutz mit zwei Impfungen anders als gehofft im Frühjahr zum Beispiel nicht die Wirkung hat, dass er für so lange Zeit reicht.“

„Bürger ärgern sich, dass es nicht alles flutscht“

Folglich sei es nun „so wichtig, dass viele Bürgerinnen und Bürger sich anstellen, was sie machen, und sich ärgern, weil es nicht klappt...“ Einmal mehr unterbrach Ronzheimer den 63-Jährigen mit dem Einwurf: „Aber wie kommt das bei den Bürgern an, wenn Sie sagen, möglicherweise alle sechs Monate, und jetzt sehen wir Schlangen, wo die Menschen drei, vier Stunden auf den Impfstoff warten müssen?“

Scholz hatte kein Problem damit, der Wahrheit ins Auge zu blicken: „Das kommt bei den Bürgerinnen und Bürgern so an, dass sie sich darüber ärgern, dass es nicht alles flutscht.“ Frage beantwortet.

Zugleich betonte er, dass sich in der Corona-Politik etwas ändern müsse: „Wir brauchen einen neuen Anfang.“ Zentrales Element sei der Krisenstab. Der soll dafür sorgen, dass es flutscht. (mg)

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