Nach Spahn äußert sich auch Laschet

„Unsinn“: Scholz-Appell an Impfunwillige geht nach hinten los

  • Marcus Giebel
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Deutschland impft im Angesicht der vierten Corona-Welle viel zu langsam. Deshalb wendet sich Olaf Scholz an die Unwilligen. Dabei rutscht dem Vize-Kanzler ein Wort heraus, dass ihm die Union direkt um die Ohren haut.

München - Es ist eine große Stärke von Olaf Scholz. Nicht nur im Hinblick auf die Bundestagswahl, sondern seiner gesamten Politiker-Laufbahn. Der SPD-Kanzlerkandidat wägt jedes Wort genau ab, verbale Ausrutscher sind von ihm kaum überliefert. Dann lieber weniger sagen, bei heiklen Themen ausweichen.

Bestes Beispiel war jüngst das erste TV-Triell bei RTL, als er sich vornehm zurückhielt und damit punktete. Auch diese staatsmännische Attitüde dürfte dem Finanzminister und Vize-Kanzler im Dreikampf mit Annalena Baerbock und Armin Laschet so deutlich auf die Pole Position gespült haben. Doch natürlich lechzt die politische Konkurrenz umso mehr auf eine Entgleisung des in sich ruhenden Norddeutschen.

Scholz und die Versuchskaninchen: Unglückliche Wortwahl bei Appell an Impfunwillige

Tatsächlich hat Scholz den konkurrierenden Lagern nun unfreiwillig Munition geliefert. Als er einmal mehr Impfunwillige zum Piks ermutigen wollte, ließ sich der 63-Jährige in einem Interview mit NRW-Lokalradios zu dieser Aussage hinreißen: „50 Millionen sind jetzt zweimal geimpft. Wir waren ja alle die Versuchskaninchen für diejenigen, die bisher abgewartet haben. Deshalb sage ich als einer dieser 50 Millionen: Es ist gut gegangen, bitte macht mit!“ Eine Ermunterung, ein Appell. Um gemeinsam die Corona-Krise schneller zu bewältigen.

Doch beim Wort „Versuchskaninchen“ stellten speziell führende Politiker der Union ihre Ohren auf. Denn das würde ja suggerieren, es hätten durchaus Zweifel mitgeschwungen bei der Verabreichung der Vakzine. Als hätte das reale Risiko bestanden, dass Impfungen flächendeckend schwerwiegende Nebenwirkungen haben könnten. Und sich die Regierung quasi gedacht hätte: Wir schauen uns einfach mal an, ob alles gut ausgeht. Was natürlich absoluter Wahnsinn gewesen wäre. Deshalb schaltete die CDU auf Angriff.

Böse Nachrichten von der Union eingetrudelt? SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz bietet im Wahlkampf plötzlich Angriffsfläche.

Scholz und die Versuchskaninchen: Spahn sieht „Steilvorlage“ für Impfgegner

Jens Spahn wetterte via Twitter: „Das ist nun wirklich Unsinn. Der Impfstoff ist zugelassen, sicher und wirksam. So eine Wortwahl ist eine Steilvorlage für die, die mit Halb- und Unwahrheiten Vertrauen untergraben wollen. Die Impfung schützt und hat bereits viele tausende Leben gerettet.“ Klar, dass der Gesundheitsminister besonders angefasst auf die Scholz-Aussage reagierte.

Auch CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak nahm sich den aktuellen Koalitionspartner zur Brust, monierte laut Focus: „Von einem Vize-Kanzler muss man bei einem solch sensiblen Thema Ernsthaftigkeit und sorgfältige Wortwahl erwarten können.“ Eben ganz so, wie man es von Scholz seit Jahren gewohnt ist. Auch wenn er vor einigen Wochen beim selben Thema in der Neuen Osnabrücker Zeitung etwas augenzwinkernd erwähnte, „niemand ist ein Alien geworden“.

Diese Frotzelei tat seiner Popularität keinen Abbruch. Mutmaßlich wird ihm auch das „Versuchskaninchen“ schnell verziehen. Aber die Union muss natürlich alles probieren, um daraus einen Skandal zu entfachen. So gab sich Scholz-Kontrahent Laschet beim Landesparteitag der Brandenburger CDU in Potsdam am Samstag noch ein bisschen volksnäher als gewohnt und schrieb dem SPD-Mann ins Stammbuch: „Menschen sind keine Versuchskaninchen in diesem Land.“ (mg)

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

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