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Scholz bei Corona-PK „erfrischend langweilig“: Rhetorik-Experte urteilt über Kanzler - ein Moment sticht heraus

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Von: Cindy Boden

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Kanzler Olaf Scholz (SPD): Bei der Corona-Pressekonferenz bleibt er sich rhetorisch treu.
Kanzler Olaf Scholz (SPD): Bei der Corona-Pressekonferenz bleibt er sich rhetorisch treu. © Hannibal Hanschke/dpa

Olaf Scholz ist mehr Technokrat als brillanter Redner. Bei den Pressekonferenzen zum Corona-Gipfel wird das deutlich. Doch seine Art hat auch gute Seiten, analysiert ein Rhetorik-Experte für Merkur.de.

München/Berlin - Es war ein bisschen so, als ob der Rhetorik-Geist von Markus Söder (CSU) noch im Kanzleramt schwebte. „Unser letztendliches Motto für heute: Es geht um weder lockern, noch verschärfen“, sagte etwa Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) als ersten Satz bei der Pressekonferenz nach dem Corona-Gipfel am Montag (24. Januar). Einprägsame Worte wählen, kurz und knackig Kernpunkte formulieren. Auch Kanzler Olaf Scholz (SPD) betonte ganz in Söder-Manier einen Punkt, der bei den Zuhörern hängen bleiben sollte: „Kurs halten“. Ansonsten ähnelte das Podium den Redegewohnheiten des CSU-Chefs aber kaum noch.

Olaf Scholz im Rhetorik-Check: „Er strahlt Ruhe aus“

„Bundeskanzler Olaf Scholz bleibt sich treu“, analysiert Ortwin Lämke vom Centrum für Rhetorik, Kommunikation und Theaterpraxis in Münster im Gespräch mit Merkur.de. Scholz habe langsam, verständlich gesprochen. Manchmal aber sprach Scholz bei der Corona-PK auch sehr leise, nuschelte fast ein wenig. Die monotone Stimmlage kommentierte ein Twitter-Nutzer mit einer Folge monotoner G-Noten und vereinzelten Pausen auf einem Notenblatt.

„Er strahlt Ruhe aus, ist dabei zugleich hellwach und wägt seine Worte sehr genau ab, noch während er eine Antwort formuliert. Man kann ihm quasi beim Sprechdenken, wie wir das nennen, zusehen. Sein über längere Phasen ins Leere vor ihm gerichtete Blick verrät das“, bemerkt Rhetorik-Experte Lämke zum Auftritt von Scholz. Auch als Wissenschaftler gibt Lämke hierbei wohlgemerkt einen subjektiven Eindruck wieder. Er nennt Scholz aber auch „erfrischend langweilig“, schließlich hätten viele den aufgeregten Ton in der Corona-Debatte vermutlich längst satt. Da sei Ruhe wohltuend.

Kanzler Scholz bei der Corona-Pressekonferenz - Plötzlich eine dynamische Bewegung mit der Faust

Ortwin Lämke
Ortwin Lämke vom Centrum für Rhetorik, Kommunikation und Theaterpraxis in Münster © Privat

Auch in der Gestik blieb Scholz ruhig. „Umso mehr fallen konzentriert zusammengekniffene Augen, ein Stirnrunzeln oder ein Lächeln auf. Der Beobachter versucht, daraus etwas abzuleiten, kann sich aber meist nicht der Bedeutung sicher sein.“

An einer Stelle wurde am Montagabend aber schnell klar, was Scholz untermauern wollte: „Einmal geht ein wirklich erfreutes Lächeln über sein Gesicht, dazu eine dynamische Bewegung mit der Faust, als er von der überparteilichen Zustimmung für Gesundheitsminister Karl Lauterbach in der Konferenz berichtet. Es wirkt, als sei er fast stolz auf seinen Minister.“ Schließlich sei Lauterbach „ein ganz großartiger Minister“, formulierte Scholz für seine Art fast überschwänglich. In kaum einem anderen Moment des Abends wirkte der SPD-Politiker so euphorisch.

Nur als es um die Impfkampagne ging, rang sich Scholz noch einmal dazu durch, mehr Aktionen zu zeigen. Er setzte sich aufrecht hin, hielt ein Schild der neuen Kampagne in die Kamera und ballte die Faust. „Ein sehr lebendiger Moment“, kommentiert Lämke. Der Impf-Appell fiel dann aber wieder nüchtern aus.

Pressekonferenz statt Wahlkampf: Kanzler „Scholzomat“?

Neben Olaf Scholz wirkt sogar Hendrik Wüst sprecherisch lebendig und Franziska Giffey glänzt da schon fast.

Ortwin Lämke von der WWU Münster

Eine Pressekonferenz ist selbstverständlich keine Wahlkampfrede. „Wenn dem Kanzler hier Polemik unterliefe, eine undiplomatische Formel, ein Lachen an der falschen Stelle oder gar eine ungefilterte Offenheit, wäre das Bundespresseamt die nächsten Tage mit reiner Schadensbegrenzung ausgelastet“, erklärt der Experte der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster die Zurückhaltung. Doch die Rhetorik von Scholz ist schon lange Thema. Seit Jahren trägt er den Beinamen „Scholzomat“. Typischen Politiker-Sprech beherrscht Scholz eben auch.

„Neben Scholz wirkt sogar Hendrik Wüst sprecherisch lebendig und Franziska Giffey glänzt da schon fast“, meint Lämke sogar. Worte wie „dramatisch“ nutzte Scholz nur bedacht. Während andere von harten Attacken berichteten, sprach Scholz von „solidarischen Diskussion“ oder sagt einfach nur: „Da hat es noch mal eine Diskussion gegeben.“

Scholz nutzt Journalisten-Fragen, um Corona-Standpunkt noch einmal klarzumachen

Eine wichtige Klärung, die Zuschauer womöglich bei der Pressekonferenz erwarteten: Wieso bleiben die Regeln weitgehend gleich, wenn die Corona-Zahlen zurzeit in nie dagewesene Höhen schnellen? In seinem Anfangsstatement ging Scholz auf diese Tatsache wenig ein. Die Ministerpräsidenten neben ihm sprachen da mehr von bislang niedrigeren Zahlen auf Intensivstationen und die veränderte Lage durch Omikron. Journalisten-Fragen nutzte der SPD-Kanzler dann doch, um hierzu noch Aussagen loszuwerden. „Wir wollen jetzt nicht den Eindruck erwecken, als ob das der Moment für Lockerungen wäre. Das ist er nicht“ oder: „Das ist jetzt nicht der Moment, wo man sagt: ‚Naja.‘ Sondern das ist der Moment, wo man Kurs hält“, unterstrich Scholz sodann.

Video: Kanzler Olaf Scholz gibt nach dem Corona-Gipfel sein Statement ab

All das zeigt ihn, den Habitus „der Aktenkenntnis, der Sachlichkeit, des abgewogenen Wortes“, wie Lämke es nennt. „Der Habitus von Olaf Scholz nun ist nicht der des öffentlichen Redners im Sinne desjenigen, der Menschen begeistert und mitreißt.“ Doch die Wähler hätten gewusst, dass sie mit Scholz einen Kanzler der leisen Worte wählen, „keinen politischen Großsprecher“.

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Rhetorik von Kanzler Scholz: „Er könnte stimmlich mit der Melodie mehr machen“

Einen Rhetorik-Coaching brauche Scholz deshalb nicht. Aber: „Er könnte stimmlich mit der Melodie mehr machen, ein bisschen an Verständlichkeit gewinnen, sodass man ihm vielleicht auch ein bisschen lieber zuhört und sich nicht immer so konzentrieren muss, dabeizubleiben. Das würde die Sache erleichtern.“ Lämke hatte Scholz-Reden schon im Bundestagswahlkampf wissenschaftlich analysiert. „Aber es ist nicht das, was die Leute, glaube ich, von einem Bundeskanzler erwarten. Das Amt hat andere Aufgaben als auch noch den Gefühlshaushalt der Wähler zu bedienen.“

Da Scholz als Kanzler noch einige Zeit im Rampenlicht stehen wird, ist absehbar: „Es wird vermutlich noch Krisen geben, in denen Olaf Scholz, wie Angela Merkel auch, Gefühle zeigt. Aber das ist im Grunde nicht seine öffentliche Aufgabe. Politiker sollen im stillen Kämmerlein weinen. Tun sie es öffentlich, sind es meist Krokodilstränen.“ (cibo)

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