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Bricht Schweden auseinander? Ein Sehnsuchtsland bereitet Sorge

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Von: Florian Naumann

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Schweden-Wahl 2022: Ein Riss geht durch das Land - die Politik hat nun zwei Aufgaben, kommentiert Merkur.de-Politikchef Florian Naumann.
Schweden-Wahl 2022: Ein Riss geht durch das Land - die Politik hat nun zwei Aufgaben, kommentiert Merkur.de-Politikchef Florian Naumann. © George Mdivanian/Panthermedia/Imago/Schlaf/fn

Die Wahl zeigt: Ein Riss geht durch Schweden. Das Land, das einst Bullerbü-Klischee war, taumelt in die Extreme. Die Politik hat nun zwei Aufgaben, kommentiert Florian Naumann.

Noch ist der Ausgang der Schweden-Wahl unklar. Aber schon die vorläufigen Zahlen irritieren: Selten schien ein Riss so mittig durch ein ganzes Land zu gehen. Ein linkes Lager bei knapp 49 Prozent, ein rechtes Lager bei gut 49 Prozent. Und das, obwohl die Parteien rechts der Mitte offen erklärten, mit einer ebenso offen rechtspopulistischen Partei paktieren zu wollen – was schwerer wiegt, als die eher oberflächliche Links-Rechts-Dichotomie. Denn das schien in Schweden bis kurzem ebenso undenkbar wie in Deutschland.

Dabei sind die Fragen der Regierungsbildung noch das geringste Problem. Je eingehender der Blick auf das Wahlergebnis, desto größer der Schmerz beim Gedanken an das Land, dass für viele Deutsche ein Sehnsuchtsort ist. Schließlich haben die Rechtspopulisten nicht nur das konservative Lager in ihren Bann gezogen. Auch die Sozialdemokraten spielten mit Verbal-Zündeleien („Schweden will keine Somalitown“) mit. Und auf der gegenüberliegenden Seite feiert in den Problemvierteln eine offenbar von bedenklichen Tendenzen und Persönlichkeiten durchzogene Partei „der Migranten“ Erfolge. Dieser Riss zwischen einer offenbar verängstigten Mehrheits- und einer ebenso verängstigten Minderheits-Gesellschaft ist der eigentliche Abgrund.

Schweden-Wahl 2022: Rechtspopulisten und Verschwörungstheoretiker feiern Erfolge

Schon das offenbart: In Schweden ist einiges schiefgelaufen. Dabei sind einige Schreckens-Szenarien zu relativieren. Und auch der Zuspruch für Schwedendemokraten und die „Nyans“ („die Neuen“) getaufte Einwandererpartei ist mit Vorsicht zu genießen. Aber am Ende der Betrachung steht dann doch der Blick in den Abgrund einer zumindest teilweise schieflaufenden (Nicht-)Integrationsgeschichte.

Zunächst die Relativierung: Die Orte, die die Behörden selbst im bisweilen eigentümlichen schwedischen Slang der Vorsicht „utsatta områden“ - „exponierte Gegenden“ - nennen, sind zumindest nicht in der teils kolportierten drastischen Weise Orte der Anarchie. Aus eigener Anschauung: Wer in Schweden zu Gast ist, kann durchaus durch Rosengård in Malmö, durch Hisingen in Göteborg oder Helsingborg spazieren, ohne Angst zu leiden. Sogar bei Nacht. (Was anders gelagerte Erlebnisse nicht ausschließt.) Übrigens ist auch die Mär vom arglos migrationsfreundlichen Schweden eben das: Eine Mär. Mitten im Schengenraum hat Schweden 2015 Gitterkäfige um seinen Grenzbahnhof zu Dänemark errichtet und schärfste Grenzkontrollen eingeführt. Sie verschwanden so schnell nicht mehr.

Zugleich sind die als extrem gefürchteten Exponenten dieser Wahl zumindest in ihrem offiziellen Auftreten nach außen nicht besonders erschreckend. Die Schwedendemokraten hatten zwar laut Medienrecherchen (Ex-)Nazis in Reihen ihrer Kandidaten, sie geben sich aber längst zivilisiert. Statt Fackeln prangen Blümchen im Parteiemblem. Auch die Nyans klingen in ihrer Außendarstellung wie eine Partei der Versöhnung. Das heißt nicht, dass es sich nicht in beiden Fällen um Wölfe im Schafspelz handelt. Aber es kann Wahlergebnisse miterklären.

Schweden droht ein Abgrund: Die Politik hat nun zwei Aufgaben

Nun zur dunklen Seite: Ja, in Schweden treiben Gangs ihr Unwesen und wiederholt wurden Unschuldige Zufallsopfer ihrer Gewalt. Zugleich fühlen sich Migranten im Land offenbar derart abgehängt oder gegängelt, dass sie Verschwörungstheorien Glauben schenken. Die Behörden „kidnappten“ Einwanderer-Kinder, behaupteten Politiker der Nyans. Und fanden offenbar Gehör. Auch das spricht für sich.

Es ist nun an der Zeit, einzuräumen: Schweden hat seine Hausaufgaben nicht gemacht. Einerseits sind gewalttätige Umtriebe längst außer Kontrolle geraten. Andererseits regiert in den Vororten Hoffnungslosigkeit. Das Land der Krimis muss nun wohl die harte Hand gegen brutale Clans und Gangster finden. Und andererseits sehr ernsthaft die andere Hand in Richtung abgedrängter, aber im Prinzip integrationswilliger Minderheiten-Gruppen ausstrecken. Ob Zweiteres just mit den Schwedendemokraten gelingt, ist sehr fraglich. Das sollte es aber in jedem Fall. Sonst tun sich noch gähnendere Abgründe auf. In den Wahlergebnissen. Vor allem aber in den Straßen und auch Gefühlswelten Malmös, Göteborgs und Stockholms.

Florian Naumann

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