1. Startseite
  2. Politik

„Die Flüchtlinge! Das Klima!“: Hypermoral trifft Wählernähe - Gegenkanzler zu Besuch bei Merkel

Erstellt:

Von: Georg Anastasiadis

Kommentare

Österreichs Bundeskanzler Kurz bei Merkel
Österreichs Bundeskanzler Kurz bei Merkel © dpa / Michael Kappeler

Die beiden Päpste und die beiden Kanzler haben eines gemeinsam: Sie sind, jenseits aller öffentlichen Verlautbarungen, Gegenspieler. Entsprechend misstrauisch beäugt Angela Merkel ihren Gast Sebastian Kurz. Kommentar von Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis.

Besuch aus Österreich hat man in Berlin zuletzt immer mit gemischten Gefühlen empfangen. Gleich, ob damals im Migrationsstreit oder heute im Zank um die neue Finanztransaktionssteuer für Aktiensparer: Einig sind sich die beiden Kanzler so gut wie nie. Angela Merkel ist die in Davos und New York hofierte „Miss World“ – aber Sebastian Kurz der Volksnähere. Und derjenige der beiden, der mit seiner Volkspartei noch Wahlerfolge feiert.

null
Georg Anastasiadis © Marcus Schlaf

Der junge Katholik aus dem kleinen Österreich verkörpert, obwohl wie Merkel Christdemokrat, in fast jeder Hinsicht den Gegenentwurf zur mit zunehmender Amtsdauer immer abgehobener wirkenden preußischen Protestantin im mächtigen Berliner Kanzleramt: Die sehr deutsche Weltenrettungsrhetorik Merkels und ihrer Entourage ist ihm fremd; er käme auch nie auf die Idee, ausgerechnet dem Sparerschreck Mario Draghi die höchste staatliche Ehrung zuteil werden zu lassen. Und während Berlin, um die Grundrente zu finanzieren, gerade die Kleinanleger schröpfen will, warnt Kurz genau davor.

Sebastian Kurz zu Besuch bei Angela Merkel: Er hat, was ihr fehlt

Warum gab es denn die enorme Aufregung um den deutschen Orden für Draghi? Weil er ein Symptom dafür ist, wie kühl und routiniert die politische Klasse in Berlin heute an den Menschen vorbeiregiert. Die Ordensverleihung steht exemplarisch für Vieles: natürlich für die Enteignung der Sparer. Aber auch für eine überzogene Willkommenskultur, galoppierende Strompreise, für das böse Spiel mit den Dieselfahrern. Kurzum: für eine Politik, die den Menschen nicht erklärt wird (und auch nicht erklärt werden kann). 

Sie findet ihre Rechtfertigung nur in der Proklamation einer Hypermoral (die Flüchtlinge! das Klima!), die aber am Fühlen vieler Bürger vorbeigeht. Daraus erwachsen Entfremdung und gesellschaftliche Spaltung, aber keine Wärme und kein Vertrauen. Der Wiener Kanzler genießt dieses Vertrauen; seine Machtbasis ist die Nähe zu seinen Wählern. Das macht ihn für Merkel zur wandelnden Provokation. Er hat, was ihr fehlt.

Große Hoffnungen unter konservativen CDU-Leuten hat am Montag ein anderer ausgelöst: Friedrich Merz.

Auch interessant

Kommentare