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Sebastian Kurz am Wahltag in Wien.

„Liste Kurz“ gewinnt Nationalrats-Wahl

Kurz könnte ein Glücksfall sein: Kommentar zur Wahl 2017 in Österreich

Sebastian Kurz könnte sich als Glückfall für sein Land erweisen, meint Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis in seinem Kommentar zur Wahl 2017 in Österreich.

Die Lage ist hoffnungslos, aber ned ernst, sagt der Wiener Schmäh gern in Umkehrung einer deutschen Redewendung. Ein hoffnungsloser Fall, das ist Österreich seit der Nationalratswahl wohl tatsächlich – zumindest aus Brüsseler und Berliner Sicht. Die politische Mitte des Landes hat sich, inklusive der sozialistischen SPÖ, nach einem mit beispielloser Härte geführten Zuwanderungswahlkampf massiv nach rechts verschoben. Allerdings haben die Österreicher das Kunststück geschafft, höchst inkorrekt und zugleich korrekt gewählt zu haben. Austria ist nach rechts gerückt – aber es hat dem hitzigen FPÖ-Chef Strache, der zwei Jahre lang alle Umfragen anführte, die Kanzlerschaft verwehrt. Und es hat für einen charismatischen Anführer gestimmt – aber keinem unberechenbaren Spinner wie Trump den Regierungsauftrag erteilt, sondern dem charmanten Kind-Kaiser Sebastian Kurz.

Wahl 2017 in Österreich: Vieles deutet auf schwarz-blaues Bündnis hin

Der könnte sich noch als Glücksfall für sein Land erweisen. Der 31-jährige Kurz hat das Paradox fertiggebracht, die teils aggressive Proteststimmung im Land ausgerechnet in Stimmen für die alte „Systempartei“ ÖVP umzumünzen, indem er sie als „Liste Kurz“ einfach neu erfand und komplett auf sich selbst zuschnitt: ein Husarenritt. Die neue ÖVP verfolgt zwar jetzt einen Kurs der strikten Migrationsbegrenzung, ist aber in ihrer Gesamtprogrammatik keine illiberale Kraft wie AfD oder FPÖ, die derzeit europaweit auf dem Vormarsch sind. Nach der durch ihre Wahlkampf-Schmutzeleien selbst verschuldeten Niederlage der SPÖ deutet nun vielesauf ein schwarz-blaues Bündnis in der Alpenrepublik hin.

Sanktionen wie weiland unter Kanzler Schüssel muss Wien diesmal nicht befürchten – die EU hat bereits alle Hände voll zu tun, der Orbans und Kaczynskis Herr zu werden. Umgekehrt gibt man bei der CSU in München die Hoffnung nicht auf, dass das von der Österreich-Wahl ausgehende Signal in Berlin nicht überhört wird: Der Siegeszug der Populisten ist aufzuhalten – wenn die Etablierten ihren Wählern wieder zuhören, statt sie als unbelehrbar aufzugeben.

Sie erreichen den Autor unter Georg.Anastasiadis@merkur.de

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