Bundeskanzler Österreichs: Sebastian Kurz von der ÖVP.
+
Bundeskanzler Österreichs: Sebastian Kurz von der ÖVP. Können die Deutschen bald wieder in seinem Land Urlaub machen?

Merkur-Interview mit Österreichs Kanzler

„Das ist dramatisch“: Kurz alarmiert bei Impfstoffen und macht den Deutschen Hoffnung auf baldigen Urlaub

  • Georg Anastasiadis
    vonGeorg Anastasiadis
    schließen
  • Christian Deutschländer
    Christian Deutschländer
    schließen

Österreich macht den Deutschen bei den Schnelltests vor, wie es gehen kann. Im Interview spricht Kanzler Sebastian Kurz außerdem über den von ihm vorgeschlagenen „grünen Pass“.

München/Wien - Europa schaut auf Österreich: Mit einem Strategiewechsel in der Corona-Politik sucht Bundeskanzler Sebastian Kurz (34, ÖVP) einen Ausweg aus der Dauer-Krise. Die Zahl der Tests wird radikal erhöht, Schnelltests sowie Selbsttests ergänzen die PCR-Analysen. Im Gegenzug haben Teile der Schulen und der Handel bereits wieder geöffnet. Die Inzidenzen im Land steigen, Kurz macht deutlich, ein moderater Anstieg sei eingepreist.

Im nächsten spektakulären Schritt fordert der junge Konservative einen europaweiten „grünen Pass“ für Geimpfte, Genesene und Getestete – Basis für weitere Öffnungen. Vor allem deutsche Vorbehalte will er ausräumen. Wir haben mit dem Bundeskanzler kurz vor dem virtuellen EU-Gipfel am Donnerstagmittag telefoniert.

Deutschland berät, debattiert, erwägt und zögert, ob uns Schnelltests vielleicht durch die Pandemie helfen. Sie nutzen das längst, millionenfach. Wie läuft’s im Alltag?
Wir sind wirklich sehr zufrieden. Unser Motto lautet: Testen, testen, testen, und dafür mehr an Freiheit. Wir sind ein kleines Land mit neun Millionen Einwohnern und führen jede Woche über 2,5 Millionen Tests durch – in Schulen, Betrieben, in Teststraßen im ganzen Land. Mittlerweile gibt es in Apotheken auch gratis Selbsttests für Zuhause.
Konkret: Wie oft wird ein Schulkind getestet?
Ein Testergebnis ist 48 Stunden lang relevant. Deswegen testen wir die Schulkinder zweimal die Woche. Tests am Montag und am Mittwoch ermöglichen uns vier Werktage sicheren Schulbetrieb.
Warum geht das bei Ihnen und bei uns nicht?
Ich glaube, dass die Konzepte in Österreich und Deutschland gar nicht so unterschiedlich sind. Wir haben beide zweimal auf Lockdowns setzen müssen, um die Ansteckungszahlen zu senken. Für uns war aber klar, dass das immer nur die Ultima Ratio ist. Deswegen haben wir versucht, seit November das Konzept der Testungen auszurollen. Da gab es zunächst starken Widerstand. Die FPÖ in Österreich hat gar von „Zwang“ und „Ständestaat-Methoden“ gesprochen. Mittlerweile werden die Tests sehr gut angenommen. Weil sie uns trotz Pandemie mehr Freiheit geben.
Die Tests kommen zum Teil aus Bayern, stecken aber bei uns in einem langen Zulassungsverfahren. Sind wir übervorsichtig?
Es hat in Österreich auch das Bohren dicker Bretter gebraucht. Was glauben Sie, wie viele gesagt haben, die Selbsttests in der Schule seien den Kindern doch nicht zumutbar, das würden die Eltern nie erlauben? Mittlerweile wissen wir: Es funktioniert, am Markt sind genügend Tests verfügbar, und 99 Prozent der Eltern unterstützen die Test-Aktion.
Zahlt der Staat 100 Prozent der Kosten, oder ist mein Selbsttest vor dem Termin beim Friseur oder bei Oma meine Sache?
Jeder Tag Lockdown kostet mehr als unendlich viele Tests. Für uns war die Entscheidung einfach: Wir bieten die Tests gratis an und sind jedem Bürger dankbar, der sich testen lässt.
In Deutschland wird Ihre Öffnungsstrategie scharf kritisiert. Sie seien direkt auf dem Weg in den dritten Lockdown, sagte Markus Söder kürzlich. Irrt er?
Niemand kann vorhersagen, ob es noch einen Lockdown braucht. Das Virus ist sehr unberechenbar. Uns ist klar: Beim Öffnen steigen auch die Ansteckungszahlen, bisher aber nicht in dramatisch exponentiellem Ausmaß. Die Tests helfen, das Wachstum abzuflachen. Die einzige Garantie, einen weiteren Lockdown auszuschließen, wäre, dauerhaft im bisherigen Lockdown zu bleiben und nie mehr aufzumachen. Das halte ich aus wirtschaftlichen und sozialen Aspekten für höchst problematisch.
Was wird Ihr nächster Öffnungsschritt sein? Kultur? Sport? Hotels?
Wir haben Schulen, Handel und körpernahe Dienstleister geöffnet. Wir werden weiter sehr behutsam vorgehen. Details der weiteren Schritte beraten wir nächste Woche.
In Tirol grassiert die Südafrika-Mutante. Ist die Lage so schlimm wie befürchtet?
Es ist gottseidank gelungen, die Ausbreitung auf stabilem Niveau zu halten. Tirol ist unter den Bundesländern mit der niedrigsten Sieben-Tage-Inzidenz deutlich unter 100. Gleichzeitig testen wir enorm viel, um die Dunkelziffer klein zu halten. Die Situation in Tirol ist stabil.
Deutschland hat, auf Bayerns Betreiben, die Schlagbäume gesenkt. Fordern Sie eine schnelle Rückkehr zur ganz offenen Grenze?
Es ist absolut sinnvoll, dass man in Zeiten einer Pandemie auf ein Sicherheitsnetz mit Tests, Masken und anderem setzt. Aber Maßnahmen, die dazu führen, dass der Binnenmarkt gefährdet wird, Menschen nicht mehr zu ihrem Arbeitsplatz kommen und Familien auseinandergerissen werden, halte ich nicht für sinnvoll. Ich hoffe, dass Europa bald ein einheitliches Vorgehen an den Grenzen zustande bringt. Es gibt ja auch in Deutschland unterschiedlich strenge Grenzregelung, je nach Himmelsrichtung.
Blicken wir in die Himmelsrichtung Süd: Sind Sie ein bisserl sauer auf Söder?
Nein. Alle Politiker sind in einer extrem herausfordernden Situation. Es wäre gut, wenn wir Regelungen bekommen, die mehr Sicherheit bieten – das wollen wir alle –, aber gleichzeitig nicht unnötige Bürokratie und Unverständnis bei der Bevölkerung mit sich bringen.
Schauen wir auf Brüssel: In Deutschland ist der Zorn groß, weil die EU zu geizig Impfstoff bestellt hat. Treibt das Ihre Mitbürger auch so um, oder nehmen Sie’s gelassen hin?
Wir sind da alles andere als gelassen. Mich stört besonders die EMA als zuständige Agentur, die langsam und bürokratisch bei der Zulassung von Impfstoffen arbeitet. Wir verlieren im Vergleich zu Großbritannien und anderen Ländern wertvolle Zeit – das ist dramatisch! Die Abläufe müssen endlich beschleunigt werden. Ich erwarte, dass jetzt auch die Zulassung für Johnson & Johnson unbürokratisch erfolgt. Je schneller Impfstoff zugelassen und geliefert wird, desto mehr Leben können wir retten.
Sie wollen heute beim EU-Gipfel für einen europaweiten Impfpass kämpfen, digital und auch für frisch Getestete. Ist das der Schlüssel für die Tür zurück in unser altes Leben?
Wir brauchen wieder ein Europa, in dem der Binnenmarkt funktioniert, in dem sich jeder frei bewegen kann, geschäftlich oder für den Urlaub. Die Menschen mussten jetzt schon ein Jahr lang extrem viel ertragen. Sie wollen zurecht eine Perspektive, wann man auch wieder Kultur, Sport, Gastronomie genießen kann. Dafür braucht es eine gute und praktikable technische Lösung. Wir machen uns stark für einen EU-weiten digitalen grünen Pass, wo jeder mit dem Handy einfach nachweisen kann, ob er geimpft, genesen oder frisch getestet wurde. Damit sollte man überall vollen Zutritt haben.
Da müssen Sie unsere Kanzlerin noch überzeugen, oder?
Es gibt da und dort noch etwas Skepsis. Ich glaube, dass es ein sinnvolles Projekt für Europa ist. Wenn das nicht gelingt, werden wir das national in Österreich umsetzen.
Noch ist der Tourismus dicht. Ab wann sind wir bei Ihnen wieder willkommen? Ostern, Pfingsten, erst im Sommer 2021?
Willkommen sind uns Gäste immer. Dass wir in der Pandemie Hotels und Gastronomie schließen mussten, schmerzt sehr. Natürlich ist unser Ziel, zeitnah die Betriebe wieder zu öffnen. Es gibt sehr gute Schutzkonzepte, wir werden auch hier auf Testungen setzen. In Hotels sollen ausschließlich Menschen kommen, die entweder geimpft, genesen oder aktuell negativ getestet sind. Ich hoffe, dass das im Frühling schon gelingt.

Interview: Georg Anastasiadis und Christian Deutschländer

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare