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Zwei Fotos, zwischen denen gut 50 Jahre liegen: Horst Seehofer wird morgen 60, feiert aber nur ungern.

Seehofer: Ein Alpha-Tier von 60 Jahren

Und jetzt auch noch dieser Geburtstag. Auf eine Feier zu seinem 60. hat Horst Seehofer eigentlich gar keine Lust. Er steckt mitten in politischen und privaten Turbulenzen. Der Ministerpräsident lässt alle Glückwünsche tapfer über sich ergehen.

Seine heile Welt liegt drei Meter unter der Erdoberfläche. Er hat sie selbst gebastelt, anderthalb Jahrzehnte lang. Im Keller seines Ferienhauses im Altmühltal lässt Horst Seehofer 16 kleine Züge fahren. Computergesteuert sausen sie im Kreis, passieren Bäumchen, Berge, Bahnhöfe. Die Modelleisenbahn, Maßstab 1:80, ist ein letzter Rückzugsraum für einen Politiker, der eigentlich keine Privatsphäre mehr hat.

In dem unscheinbaren Haus in Schamhaupten, Kreis Eichstätt, hat Seehofer sein Leben nachgebaut. Der Hauptbahnhof Bonn ist dort, einen Meter lang. In der alten Bundeshauptstadt wurde er Staatssekretär. Für den Posten als Gesundheitsminister in Berlin steht am Gleisrand ein Krankenhaus. Sogar eine kleine Merkel-Figur will Seehofer in der Anlage aufstellen, die Kanzlerin bekommt auf eigenen Wunsch einen Posten als Lokomotivführerin.

Seehofers Augen leuchten, wenn es um die Eisenbahn geht. Er ist seit den 90ern kaum mehr in den Urlaub gefahren. Die wenigen freien Tage an Weihnachten, Fasching, Ostern und im August sitzt er im Keller. Da baut er den Bahnhof „Schwarzburg“, ein Synonym für seine Arbeit in der CSU. Er stellt kleine Kühe und Mähdrescher auf, für den Posten als Bundesagrarminister. „Der Horsti kann nirgends so gut ausspannen wie da unten“, sagt ein enger Bekannter.

Am liebsten würde er dort auch morgen sitzen. Es gäbe so viel zu tun. Man könnte eine Staatskanzlei basteln. Oder Merkel bemalen. Aber er hat ja keine Zeit. Die Welt oberhalb der engen Kellertreppe ist nämlich gnadenlos. Horst Seehofer, Sohn eines Lastwagenfahrers aus Gerolfing, ist pünktlich zu seinem 60. Geburtstag am politischen Höhepunkt seines Lebens angekommen – aber es fühlt sich nicht danach an. Der Mann, der das laut Strauß schönste Amt der Welt hat, ist blasser geworden, grauer, dünnhäutiger – und das ist nur die Oberfläche.

Eigentlich passt sein Leben gar nicht in die Eisenbahnwelt. Es gibt keinen geschlossenen Kreis, keine langen Geraden, stattdessen Zickzack und überfahrene Signale. Seehofer kämpfte sich aus ärmlichen Verhältnissen hoch, er trug Zeitschriften aus und machte Mittlere Reife auf der Knabenrealschule. Er kokettiert damit, kein Abitur zu haben. Vater Lorenz starb früh an Krebs. Seehofer begann eine Lehre als Amtsbote.

Der Eintritt in die Junge Union war eher Zufall, bei einem Kegelabend. 1980 kandidierte er für den Bundestag, bekam früh Posten im Kabinett. Aber als Gesundheitsminister wurde er 1998 mit dem Kabinett Kohl krachend abgewählt. Als Unionsfraktionsvize im Bundestag trat er 2004 aus Protest gegen die Gesundheitspolitik von Merkel und Stoiber zurück.

„Er ist ein Alphatier“, sagt sein zwei Jahre jüngerer Bruder Dieter, „das war er schon immer“. Als Kind, beim Tippkick oder beim Fußball, habe der Horst schon immer riesigen Ehrgeiz gehabt. „Was er macht, macht er mit vollem Herzen.“ Sonst lässt er es.

Jetzt also Ministerpräsident, ein Amt, nach dem er angeblich nie trachtete. Parteichef wollte er werden, scheiterte im ersten Anlauf Ende 2007 aber klar an Erwin Huber und an Turbulenzen in seinem Privatleben. Fühlt er nun Genugtuung, wie ihn die nach der Landtagswahl demoralisierte CSU auf Knien nach München bat?

Es ist keine dankbare Aufgabe. Seine Arbeitsbedingungen sind härter als die alle seiner Vorgänger. Kaum im Amt, musste er eine Koalition formen, in Bayern ein für die CSU unerhörter Vorgang. Er musste Steuermilliarden in das Landesbank-Desaster pumpen („alles Erbschaft“, mault er leise), eine beispiellose Wirtschaftskrise brach über die Welt herein. Seehofer sollte Wahlen gewinnen, die über die Existenz der CSU entscheiden können. All das inmitten von Parteifreunden, die ihn als Messias feiern, aber in der nächsten Minute bereit wären, die noch blutigen Messer neu zu wetzen.

Er siegte im Juni bei der Europawahl, aber drei Tage später der Nackenschlag: Ein Magazin berichtete, seine Affäre mit einer Bundestagsmitarbeiterin in Berlin sei wieder aktuell. Seehofer schweigt dazu eisern. Wenn er und seine Frau Karin jetzt gemeinsam auftreten, halten Fotografen jede Geste unbarmherzig fest.

Seehofer ist wahrlich nicht menschenscheu, er kann Leute für sich einnehmen wie kaum ein Zweiter. Es ist nur etwas viel im Moment. „Mörderisch“, sagt er über die Zeit seit Spätherbst 2008. „Das geht jetzt seit acht Monaten ohne Pause.“ Er sei in der Doppelrolle Parteichef/Ministerpräsident ans Limit gegangen, und manchmal habe er das Limit überschritten. Etwa als er grippekrank, unter Medikamenten stehend, die Aschermittwochsrede in Passau hielt. Seehofer weiß, welches Risiko er da einging. Er wäre 2002 fast an einer Herzmuskelentzündung gestorben – die Folge einer verschleppten Grippe. „Im Moment eskalieren manche Belastungen“, sagt Dieter Seehofer, „das hat eine neue Dimension für ihn. Ich hoffe, dass ihm der liebe Gott die wiedergewonnene Gesundheit lässt.“

Die Gesundheit derzeit schon, die gute Laune nicht. Der Regierungschef absolviert seine Auftritte tapfer, doch wer genau zu den 1,92 Metern aufblickt, stellt fest: Da brodelt es. Der Beruf und das Private nagen an ihm. Es ärgert ihn massiv, wenn beschrieben wird, wie er seine Positionen von heute auf morgen ändert, Hü-Hott-Politik betreibe. Von Journalisten, die seine Taktik nicht begreifen. Er hasst die Etiketten, die sie ihm alle paar Wochen anheften, als Eigenbrötler, als Wackelpudding oder CSU-Diktator. Er ist (nächstes Etikett) in Bayern der große Unverstandene. Er sieht auch nicht, dass seine Witzchen über Parteifreunde von den Betroffenen als Häme empfunden werden. „Ja liebe Leute, auf welchem Niveau diskutieren wir eigentlich?!“, poltert er dann los. Wahlweise auch: „...in welchem Land leben wir eigentlich?!“

Seehofer ist entschlossener geworden. Er versteckt seinen Ärger kaum. Meist schiebt er ein kurzes Lächeln hinterher, das nicht darüber hinwegtäuscht, dass Seehofer sauer ist, stinksauer. Auf Journalisten, auf Bundesminister, auf Wirtschaftsweise, auf alle. Seine SMS-Botschaften, derzeit ein gutes Dutzend am Tag, sind zunehmend spitz, manchmal bissig, immer mit knappem Gruß „HS“.

„Ich habe mich entschlossen, mir weniger gefallen zu lassen“, sagt Seehofer knapp: „Ich stecke nicht alles ein, nur damit ich überall wohlwollend begleitet werde. Da geht’s auch um die Selbstachtung.“ Der Regent, zu Amtsantritt allseits als offen und jovial beschrieben, kann eiskalt sein. Am Mittwochmorgen zum Beispiel feuerte er seinen Büroleiter in der Staatskanzlei. Das Gespräch dauerte 15 Sekunden. Seehofer war unzufrieden mit seinem überladenen Kalender, wütend über Terminkollisionen von Kabinett und einem Staatsbesuch.

Seehofer weiß, dass das seine letzte politische Station ist. Eine Rückkehr nach Berlin schließt er aus. Er muss sich einrichten in München, also auch diesen Geburtstag überstehen. „Ich wollte eigentlich an diesem Tag mal weg sein“, sagt er nachdenklich. Vielleicht im Keller. Der Amtschef der Staatskanzlei redete aber lang auf ihn ein: „Herr Ministerpräsident, das geht nicht.“

Immerhin – eine große Jubelparty wird es am Samstag nicht geben. Seehofer verlegte den Tag der Offenen Tür der Staatskanzlei auf seinen Geburtstag, wird dort ein Bierfass anzapfen. Anschließend lässt er einen Empfang des Heimatorts Ingolstadt über sich ergehen. „Meine Geburtstage waren mir noch nie wichtig“, sagte Seehofer neulich: „Zum 50. gab es ein Weißwurstessen. Nach zwei Stunden war Schluss.“

Von Christian Deutschländer

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