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Hat er sie noch? Horst Seehofer braucht die Boxhandschuhe, die ihm Hans Reichhart 2013 schenkte.

Ein ungemütliches Wochenende

Seehofer am Samstag bei der Jungen Union - „ehrliche Debatte“ verheißt nichts Gutes

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Horst Seehofer stellt sich am Samstag der Jungen Union. Die kündigt eine „ehrliche Debatte“ an – für den angeschlagenen CSU-Chef heißt das nichts Gutes. Der Termin kann den Streit um Seehofers Zukunft entscheidend beeinflussen.

München – Der Jungen Union (JU) wird ja eine konservative Einstellung nachgesagt, beim Rederecht auf ihren Versammlungen ist sie extrem liberal. Festlegung der Wortmeldungen im Vorfeld, Maulkörbe – gibt es alles nicht. Wer bei der Landesversammlung das Glück hat, als Erster am Mikrofon zu stehen, kommt auch als Erster dran. Genau das kann für Horst Seehofer am Samstag zum Problem werden.

Es hat sich einiges aufgestaut. Das schlechte Bundestagswahlergebnis ist nicht vergessen, und in der Frage zum künftigen Parteipersonal ist die mächtige Jugendbewegung genauso gespalten wie die gesamte CSU. Intern fordern viele den Rückzug von Horst Seehofer. Er steht massiv unter Druck. Wie ein Übergang aussehen könnte, weiß aber niemand so recht. In der Heinrich-Lades-Halle in Erlangen dürften die rund 300 Delegierten draufhauen. Gibt es eine Revolte? Mäßigen sich die Kritiker? Es wird ein richtungsweisendes Wochenende.

„Jetzt reden wir wirklich mal: Was denken die Leute da draußen?“

JU-Landeschef Hans Reichhart erwartet, dass „sehr offen und sehr viel diskutiert wird“. Die CSU habe versprochen, in die Basis hineinzuhorchen – jetzt sei der Zeitpunkt gekommen. „Das gibt das erste Bild seit der Bundestagswahl wieder“, sagt Reichhart im Vorfeld. „Jetzt reden wir wirklich mal: Was denken die Leute da draußen?“ Man könne die Diskussion zur Zukunft beginnen, um rechtzeitig vor dem Parteitag Mitte Dezember in Nürnberg eine gemeinsame Linie wiederzufinden. „Das Wohl der CSU geht vor Einzelinteressen.“ Am Parteitag solle dann auch über den möglichen Koalitionsvertrag eines Jamaika-Bündnisses gesprochen werden. Ein Antrag zur Mitgliederbefragung liegt im CSU-Vorstand, das Gleiche fordert ein Positionspapier der niederbayerischen JU.

Bei der Landesversammlung wird am Freitag zunächst der Vorstand neu gewählt. Reichhart steht vor der Wiederwahl, einen Gegenkandidaten gibt es bis jetzt nicht. Seehofer ist in Erlangen für Samstag um 13 Uhr angekündigt. Terminlich wird es eng: Um 12 Uhr ist er auch noch 190 Kilometer südlich beim Familientag der Polizei im Landtag angekündigt. Zu beiden Veranstaltungen wird er nicht können. Und die Jamaika-Sondierung in Berlin wäre ein gutes Argument, die unangenehme Aussprache mit dem Nachwuchs zu umgehen. „Ich gehe davon aus, dass in zweieinhalb Tagen ein Zeitfenster von zwei Stunden möglich ist“, sagt Reichhart zu solchen Spekulationen. Man erwarte, dass der CSU-Chef kommt. „Er hat die Pflicht dazu, das muss er auch machen.“

„Weichen stellen“: Die JU befasst sich mit der Zukunft

Im Vorfeld wird viel interpretiert, etwa was die Gästeliste angeht. Vor Seehofer spricht Generalsekretär Andreas Scheuer, danach Innenminister Joachim Herrmann. Er ist als Chef des Bezirksverbands Mittelfranken sozusagen Gastgeber. Ilse Aigner, Bezirksvorsitzende in Oberbayern, spricht diesmal dagegen nicht. Und Markus Söder, Rivale Seehofers und aussichtsreichster Kandidat auf seine Nachfolge, spricht als Einziger der politischen Spitze am Sonntag. Landesgeschäftsführer Stephan Ebner wiegelt ab, dass Söder die große Bühne bekommt. Die Termine seien „ewig lang angefragt“ und im Frühjahr lange vor dem Wahldebakel vereinbart worden. Söder habe schon die vorigen Jahre immer sonntags gesprochen. Er nehme damit in Kauf, dass am Morgen die Anwesenden womöglich noch nicht konzentriert sind.

Was für die Personaldebatte gilt, gilt übrigens auch inhaltlich: Die JU befasst sich mit der Zukunft. Im Leitantrag „Weichen stellen“ geht es um Bayern im Jahr 2030. Mehr Informatikunterricht soll es geben, die Förderung der Gründerkultur, ein Bekenntnis zur dualen Ausbildung und die Vernetzung von Städten bei Mobilität und Digitalem. In der „Erlanger Erklärung“, vier Seiten lang, arbeitet der Nachwuchs die Bundestagswahl auf und stellt Forderungen an ein mögliches Jamaika-Bündnis. „Ein ,Weiter so‘ dürfen wir nicht hinnehmen“, heißt es im Vorwort, man müsse „Konsequenzen“ ziehen. Dazu gehört für die JU auch eine „spürbare Verjüngung“ auf allen politischen Ebenen. Seehofer ist 68.

von Sebastian Dorn

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