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„Für meine Verhältnisse ein freundlicher Empfang.“ CSU-Chef Horst Seehofer zu Gast bei seiner Schwesterpartei, der CDU, in Karlsruhe. 

CSU-Besuch in Karlsruhe

Seehofer beim CDU-Parteitag: Von Rache keine Spur

Karlsruhe - Am Montag wurde die Kanzlerin gefeiert, am Dienstag musste sich Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer vor der CDU in Karlsruhe beweisen. Bei seinem eigenen Parteitag hatte er Angela Merkel noch brüskiert. Aber CDU und CSU brauchen sich – mehr als sie manchmal selbst meinen.

Es ist eine Verfolgungsjagd der kuriosen Art. Horst Seehofer eilt zwischen den Messeständen umher, links rum, rechts rum. Kameraleute hinterher. Einige rennen an Ständen vorbei, um ihn dann wieder von vorne filmen zu können. Auch die Ulk-Journalisten von der ZDF-„heute show“ sind da. Einer wedelt mit dem Time-Magazin, auf dem Angela Merkel abgebildet ist: „Herr Seehofer, ein Autogramm bitte!“ Zwischendrin rennt irgendjemand im Pandabärenkostüm herum.

Seehofer ist gerade auf dem CDU-Parteitag auf der Karlsruher Messe angekommen. Reden will er noch nicht. Nicht im Vorraum. Er will „das Nötige“ im Plenarsaal vor den Delegierten sagen. Kurz darauf verschwindet er in einem weißen Blechcontainer: die Maske. Ein paar Minuten später kommt die Kanzlerin. Auch Angela Merkel schlüpft in den Container. Tür zu. Vorbesprechung bei Puder und Schminke.

Nationalkonservative AfD sitzt CDU und CSU im Nacken

Zu klären gibt es einiges. Die Flüchtlingspolitik spaltet die Schwestern der Union seit Monaten. Hier die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende mit ihren Willkommensgesten und ihrer Weigerung, ein Zeichen zu setzen, um den Strom an Migranten zu stoppen. Dort Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef, der die Zahl der Flüchtlinge begrenzen will. Der die Krise auch politisch als Gefahr für die Union sieht. Die nationalkonservative AfD sitzt CDU und CSU im Nacken.

Auf dem CSU-Parteitag im November war der Konflikt aus dem Ruder gelaufen. Auf offener Bühne hatte Seehofer Merkel minutenlang widersprochen. Die Kanzlerin musste es ertragen. Ein Affront (siehe Kasten). Nun ist Seehofer der Gast. Am Montag hatte die CDU ihre Kanzlerin auf dem Parteitag gefeiert, ihr Leitantrag zur Flüchtlingspolitik ging mit nur zwei Gegenstimmen durch. Für die CDU die Gelegenheit zur Retourkutsche.

Parole: Geschlossenheit

Es ist kurz nach elf, als Seehofer den Saal betritt. Müdes Klatschen, als sich der Tross um ihn und Merkel langsam Richtung Bühne schiebt. Aber keine Pfiffe, keine Buhrufe. „Für meine Verhältnisse ein freundlicher Empfang“, sagt Seehofer, als er oben steht. Lacher im Publikum. Der CSU-Chef sucht rasch die Gemeinsamkeiten. Es gebe „ein hohes Maß an Übereinstimmung“. Die Anhänger der Union erwarteten, dass CDU und CSU es „gemeinsam schaffen“.

Geschlossenheit. Die Parole beschwören führende CDU-Politiker in der Halle immer wieder. Erst recht nach dem holprigen Parteitag der SPD und der Wahlschlappe für ihren Chef Sigmar Gabriel am Wochenende. Ein Gegenbeispiel müsse die Union setzen. Merkel hatte Seehofer am Vortag die Hand ausgestreckt. Es komme auf CDU und CSU an, „egal, was es mal für einen Parteitag gibt“. Schwamm drüber und nach vorne schauen. Die Kanzlerin gilt nicht als nachtragend. Auch Seehofer werde jetzt Einheit demonstrieren, meinen Parteistrategen. Andererseits: „Bei Horst weiß man es immer erst hinterher“, unkt der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier.

Verhältnis zwischen CDU und CSU war selten so kompliziert

Leicht macht die CDU es ihm nicht. Von einer Obergrenze für Flüchtlinge steht in den Beschlüssen von Karlsruhe kein Wort. Die Formulierung im Antrag ist weich: Auch Deutschland könnte auf Dauer überfordert werden, heißt es. Deshalb wolle man die Zahl der Flüchtlinge „spürbar reduzieren“. Die Unterschiede greift Seehofer auf. Der CSU-Beschluss für eine Obergrenze gelte. „Es gibt kein Land auf dieser Erde, das Flüchtlinge unbegrenzt aufnimmt“, ruft er. Aber er lobt auch den CDU-Beschluss. Damit könne man „gemeinsam die nächsten Wochen und Monate gestalten“. Aber darüber hinaus?

Lesen Sie hier:

CDU-Parteitag: Merkel hat sich nur eine Atempause verschafft 

Merkel beendet CDU-Parteitag mit „gutem Gefühl“

Das Verhältnis der Schwesterparteien war selten so kompliziert. Man braucht sich, so viel steht fest. Regieren kann man nur, wenn die CDU nicht schwächelt und die CSU in Bayern stark ist. Der große Unterschied zwischen den Schwestern: In den Ländern hat die CDU viele potenzielle Regierungspartner. Sie könnte sich ein Erstarken der AfD leisten. Die CSU kann ihren Machtanspruch aber nur sichern, wenn sie in Bayern alleine regiert. Dafür darf die rechtsnationale Konkurrenz aber nicht zu viel Zuspruch bekommen. Doch genau dazu könnte Merkels Politik der offenen Grenzen aber führen, fürchtet man.

"Macht mir da drinnen keine Dummheiten"

In Karlsruhe ist erstmal Versöhnung angesagt. Seehofer lobt Merkel überschwänglich. „Wir haben einen exzellente Kanzlerin“, schwärmt er. „Sie ist in Deutschland hoch geschätzt, und ich sage ausdrücklich dazu, auch im Freistaat Bayern.“ Beifall im Saal. Mit Abstand der lauteste an diesem Tag. Auch Merkels Lächeln ist kurz auf den Bühnenmonitoren zu sehen. Dass Seehofer statt 30 am Ende fast 50 Minuten redet, nimmt ihm offensichtlich keiner übel.

Der Applaus ist am Ende nicht überschwänglich, aber wohlwollend. Man versteht sich, fällt sich aber nicht um den Hals. Seehofer steht lange alleine da. Merkel kommt ihm nicht entgegen, bleibt auf der Präsidiumsbank am Rand der Bühne sitzen. Seehofer muss sich den Dank abholen. Händeschütteln. Dann winkt Seehofer noch die Spitzenkandidaten für die kommenden Landtagswahlen heran. Merkel zögert kurz, kommt dazu. Vor der Bühne dokumentieren Fotografen die wiederhergestellte Einigkeit.

Beim Gang aus der Halle, schauen Merkel und Seehofer noch an einem Messestand vorbei. Ein Mittelständler, der Marktführer für irgendwas ist. Kurzes Geplänkel. Ein bisschen Normalität. Am Ausgang bleiben beide dann noch kurz stehen. „Wir telefonieren“, sagt sie. Seehofer nickt. „Und macht mir da drinnen keine Dummheiten.“ Merkel lächelt, winkt ab und geht zurück zu ihren Leuten.

Rückblick: Der Eklat von München

Es ist ein Eklat auf offener Bühne: Am 20. November widerspricht Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer Bundeskanzlerin Angela Merkel vor gut 1000 Delegierten. Merkel hatte auf dem CSU-Parteitag in München zuvor eine Obergrenze für Flüchtlinge abgelehnt. „Wir sehen uns zu diesem Thema wieder. Wir werden es weiter einfordern“, poltert Seehofer daraufhin, während Merkel neben ihm steht wie ein Schulmädchen, das die Leviten gelesen bekommt. Kurz darauf drückt er der Kanzlerin einen Blumenstrauß in die Hand, dann verlässt sie die Messehalle durch den Seiteneingang. Es ist gespenstisch still, keiner klatscht – und es ist ein Tiefpunkt in der Beziehung der Schwesterparteien. 

Das Foto, das den CSU-Chef neben der Kanzlerin zeigt, spricht Bände (rechts). Nach dem Auftritt sagt ein CSU-Abgeordneter: „Wenn sie so weitermacht, ist sie Weihnachten nicht mehr Kanzlerin.“ Ein Präsidiumsmitglied sagt: „Das war der dramatischste Parteitag, den ich je erlebt habe.“ So kurzlebig ist Politik, so verschieden sind CDU und CSU manchmal: Gestern stimmten in Karlsruhe von 1000 CDU-Delegierten gerade einmal zwei gegen eine Flüchtlings-Obergrenze. Die Partei hat Angela Merkel den Rücken gestärkt. Von Kanzlerinnendämmerung keine Spur. Stattdessen gab es minutenlangen Applaus.

Til Huber

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