CSU-Parteitag

Seehofer bittet zum Wettlauf

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München - Mit dünner Stimme und dickem Programm meldet sich Horst Seehofer in der CSU zurück. Er will die Parteispitze umbauen und fordert Disziplin ein. Die Kronprinzen lässt er schaulaufen.

Die Stimme verlässt Horst Seehofer, aber er nicht das Pult. Seine Rede dreht eine Schleife, und noch eine. Er beugt sich dichter ans Mikrofon, dann kann er leiser reden, noch eine Mahnung und noch ein Dank und noch ein Selbstlob. „Die Frage ,Wo ist Seehofer?’ ist beantwortet“, stellt er schließlich fest.

Ach, da ist er also. Nach einigen Wochen mit Erkältung, Terminabsagen und Medienscheu zeigt sich der CSU-Chef mal wieder ausführlich, er nutzt seine Rede auf dem kleinen Parteitag zur Standortbestimmung. Nein, er sei nicht krank, nicht matt, nicht blass, will er mitteilen, es gebe nur gerade viel zu tun und wenig Ruhe. Aber: „Auch wenn wir nicht schlafen, sind wir besser als andere, die ausgeschlafen haben“, sagt er den Delegierten in Bamberg.

Im Kammerton, weil Stimme und Stimmung mehr nicht hergeben, redet er seiner Partei mal wieder ins Gewissen. Die „Koalition mit dem Bürger“, die er nach 2013 in der Alleinregierung ausrief, müsse man leben und auf die Leute zugehen. Seehofer wiederholt, wie wichtig das Arbeitsjahr 2015 sei, verlangt Disziplin und Fleiß. „Es geht in diesem Jahr nicht um Mätzchen, sondern um Erfolg.“

Auch auf dem Parteitag geht es nur ein bisschen um Mätzchen. Die Kronprinzen-Debatte ist allgegenwärtig, sie wird den CSU-Chef auch bis Amtsabtritt (geplant: 2018) nicht mehr verlassen. Diesmal dürfen sechs Minister zu Zehn-Minuten-Reden antreten. Direkt hintereinander, eine Art christsozialer Song-Contest („Speed Dating“ und „Rattenrennen“, witzeln Parteifreunde). Natürlich wird da verglichen. Und gestichelt.

Ilse Aigner, die über Wirtschaft reden soll, tritt robust und betont selbstbewusst auf. „Es gibt zwei Punkte, die Bayerns Zukunft prägen: Energiewende und Digitalisierung. Für beides bin ich verantwortlich“, sagt sie forsch. Es ist eine neue Tonart der früher recht braven Ministerin, ein Fingerzeig an den Konkurrenten Markus Söder, der auch für Digitales verantwortlich ist. „Ich“, sagt sie oft.

Söder betont, wie er sich für den Mittelstand einsetze (Aigners Revier), widmet sich dann dem großen Ganzen: Währung, Griechen, Europa. Leidenschaftlich redet er, die volle Bandbreite von Flüstern bis Fauchen. Seine Fingerzeige: Er zieht indirekt eine Linie Strauß, Seehofer, Söder. Betont aber, Politik sei „viel zu ernst“, um jetzt zu diskutieren, wer zwei Sekunden mehr Applaus bekommt. Er nämlich, und mehr als zwei.

Kenner staunen auch über den Auftritt von Innenminister Joachim Herrmann. Emotional und frei redet er über Innere Sicherheit. „Wir sehen uns einem frontalen Angriffskrieg brutaler Islamisten weltweit ausgesetzt“, sagt er und betont sein Politikfeld. Er fordert von der CSU „Leidenschaft, die die Menschen spüren können“. Wer den bisweilen als behäbig geltenden Herrmann (Spitzname: „Balu, der Bär“) da erlebt, ist überrascht. Vor allem, als er gazellengleich jenseits der Treppe aufs Podium springt – Szenenapplaus.

Seehofer verfolgt das allseits entfachte Engagement freudig – der Wettbewerb ist genau in seinem Sinn. Jetzt erklärt er auch zur Strategie, sich medial zurückzuhalten, um den Ministern mehr Bühne zu überlassen. Tenor: Lauft ihr mal, mich kennen die Leute eh. Für den großen Parteitag im Herbst kündigt er sogar einen großen Umbau der Parteispitze an, will ein „Kompetenzteam“ zur Vorbereitung der Wahlkämpfe 2017/18. Die Delegierten, auf dem kleinen Parteitag eh mehr das Establishment, nehmen die Auftritte mit Wohlwollen hin, auch Seehofers kratzige Stimme.

Die geforderte Disziplin bieten sie schon vormittags in der Antragsdebatte. Da setzt sich die Frauen-Union zum Beispiel mit dem umstrittenen Plan durch, bedürftigen Frauen die Verhütung zu zahlen. „Wir wollen Abtreibungen verhindern, das ist die zentrale Aussage“, erklärt Landtags-Fraktionsvize Kerstin Schreyer-Stäblein. Vor zehn Jahren wäre das in der CSU noch undenkbar gewesen („Ja zu Kindern!“) – heute stimmt auch Seehofer dafür.

Dass er und seine Leute das Strippenziehen beherrschen, zeigt sich bei einem umstrittenen Stromtrassen-Antrag. Eigentlich hatten Delegierte um den redefreudigen Erlanger Kommunalpolitiker Siegfried Balleis sinngemäß beantragt, Seehofer solle sich nicht so anstellen und die Trassen akzeptieren. Die wolle ja „keiner aus Jux und Dollerei bauen“, sagt Balleis. In letzter Minute zieht er das Papier aber zurück, „um die Verhandlungsmacht unseres Vorsitzenden nicht zu gefährden“.

Rubriklistenbild: © dpa

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