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„Fit, vor allem im Kopf“: Joachim Herrmann und Horst Seehofer am Montagnachmittag in München. 

CSU-Spitze

Seehofer bleibt: Pensionierung verschoben - doch wie lange?

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Seehofer macht in München weiter, nach Berlin schickt er seinen Innenminister Herrmann. Die CSU-Spitze nimmt das Personalpaket klaglos zur Kenntnis. Wie lange Seehofer bleiben wird, lässt er aber offen.

München – Was für ein schöner Zufall: Kurz vor der Treppe in der CSU-Zentrale begegnen sich Horst Seehofer und Joachim Herrmann, die zwei Hauptfiguren des Tages, um gemeinsam vor einem halben Dutzend Kameras zum Sitzungssaal zu schreiten. Schulter an Schulter. Nur: Zufall ist es nicht. Kurz vorher ist ein schneidiges „Joachim!“ auf dem Flur zu hören – das Kommando des Chefs an seinen Minister, jetzt sofort gemeinsam aufzumarschieren.

Zufall ist bei näherem Hinsehen nichts an diesem Tag – sondern die Inszenierung zweier gereifter Personalentscheidungen. Seit zwei Monaten ist in etlichen Einzelgesprächen ausgehandelt, dass Herrmann für die CSU nach Berlin geht. Und seit einigen Wochen nähert sich Seehofer dem Beschluss, im Herbst wieder als Parteichef und 2018 wieder als Ministerpräsident zu kandidieren. Über Tage sickerten immer mehr Einzelheiten durch. Partei-Urgesteine machen mit! Arzt einverstanden! Ehefrau stimmt zu, zumindest nach einer gemeinsamen Flasche Rotwein!

„Niemand hat je gefordert, dass Seehofer aufhört“

An diesem sonnigen Montag soll das der Welt groß verkündet werden. Der Ingolstädter Seehofer übernachtet eigens in München, um ja nicht auf der A9 im Stau zu stehen. Die Parteifreunde sind alle einbestellt, der Rundfunk überträgt live und ausdauernd. Gemessenen Schrittes tritt Seehofer am Nachmittag vor die Presse. „Ich will. Die Leidenschaft hat mich keinen Tag losgelassen.“ Fit sei er auch, „vor allem im Kopf“. Und er glaube, die Wahlen gewinnen und Bayern neue Impulse geben zu können.

Die Gründe für die Verlängerung liegen auf der Hand: Seehofer ist in der CSU derzeit die stärkste Figur, und an die zweitstärkste – Markus Söder – mag er auf gar keinen Fall Macht abgeben. Diese Motivlage genügt nicht für Euphorie in der Partei, aber für Zustimmung. In der CSU probt keiner den Aufstand. Sogar im engsten Umfeld von Söder, der lieber morgen als übermorgen die Nachfolge anträte, wird die Entscheidung akzeptiert. Söders Staatssekretär Albert Füracker, ein Meister freundlich verpackter Spitzen, sagt nur achselzuckend: „Niemand hat je gefordert, dass Seehofer aufhören muss. Der Einzige, der das gesagt hat, war er selbst. Wenn er jetzt sagt, er mache weiter, nehme ich das zur Kenntnis und unterstütze das.“

Von Berlin nach München: Horst Seehofers Karriere in Bildern

Rückzug sei ein Fehler gewesen

Genau das ist der Pferdefuß an Seehofers großer Erklärung: Dass er vor vier Jahren zugesagt hatte, 2018 aufzuhören. So etwas müsse man „immer im Lichte der Aktualität überprüfen“, verteidigt ihn Ex-Regierungschef Edmund Stoiber. Übrigens mitten auf der Straße vor der CSU-Zentrale, wo die Kamerateams Stoiber abpassen; der Verkehr ruht so lange.

Seehofer selbst räumt mehrfach ein, die Festlegung auf den Rückzug sei ein „Fehler“ gewesen. Er werde eine solche Zeitangabe nie mehr wiederholen. Also lässt er mit seinen 67 Lenzen offen, wie lange er im Fall seiner Wiederwahl Ministerpräsident bleiben will. In der Politik ist diese Frage ja tückisch: Manche in der CSU wollen sich 2023 keinen 74-Jährigen als Regierungschef vorstellen. Ein Kandidat sagt aber fast nie zu, vorzeitig abzutreten, weil ihn sonst die Opposition Tag und Nacht an seine Halbwertszeit erinnern würde.

Entscheidung bringt wenig Klarheit

Das Personalpaket bringt also weniger Klarheit als auf den ersten Blick gedacht. Offen ist nämlich auch, ob Herrmann wirklich nach Berlin geht, auch falls er nicht Bundesinnenminister wird. Eine entsprechende Zusage der Kanzlerin für den Posten gebe es nicht, sagt Seehofer intern. Herrmann mag sich vorerst nicht festlegen. Als wahrscheinlicher gilt, dass er dann Minister in München bliebe.

Alle Ereignisse von Montag können Sie hier in unserem Ticker nachlesen.

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