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Schüchtern im Schlepptau? Horst Seehofer in Banz hinter Kanzlerin Angela Merkel.

CSU-Klausur mit Merkel

Seehofer: Schüchtern bis zur Bundestagswahl

Banz - CSU-Chef Seehofer entdeckt eine neue Tugend: Acht Wochen will er schüchtern sein und nichts Aufregendes mehr sagen – bis zur Bundestagswahl. Das bedeutet: Die CSU ordnet sich Kanzlerin Merkel unter.

CSU-Chef Horst Seehofer bringt dieser Tage bei jeder Gelegenheit eine neue Botschaft unters Volk: Nichts Schöneres als Wahlkampf. „Ich habe mich vorher noch nie auf solche Wochen gefreut wie dieses Mal“, flötet Seehofer am Dienstag zum Auftakt der CSU-Klausur in Kloster Banz. „Da macht es Spaß, bei dieser Geschlossenheit, bei dieser Eintracht.“ Doch der Spaß hat offensichtlich Grenzen: Seehofer ist von so unbedingtem Erfolgswillen beseelt, dass er sich für die nächsten acht Wochen zurücknehmen und als braves bayerisches Beiboot im Schlepptau der Kanzlerin schwimmen will.

Bis 22. September will Seehofer seiner Spezialdisziplin entsagen und keinerlei unionsinterne Aufregung mehr verursachen. „Sie müssen einfach mit dem schüchternen Seehofer die nächsten acht Wochen rechnen“, sagt Seehofer. „Ich werde jetzt erst mal schauen, dass ich das ausreichende Vertrauen der Bevölkerung bekomme und nicht Ihre berechtigten Anliegen erfülle, für ein bisschen Unterhaltung zu sorgen“, erklärt er den Journalisten.

Die große Hoffnung und der gar nicht so heimliche Traum vieler CSUler: Zuerst ein großer Sieg mit der Rück-eroberung der absoluten Mehrheit in Bayern bei der Landtagswahl am 15. September. Das soll das Trompetensignal für den Schlussspurt im Bundestagswahlkampf geben. Merkel spielt bei dieser Strategie eine entscheidende Rolle. „Du hast eine Präsenz in Bayern, wie sie vorher in dieser Dichte nicht da war“, sagt Seehofer. Merkel ist auch in Bayern inzwischen so beliebt, dass die CSU die CDU-Chefin als Zugpferd braucht. Deswegen wird Merkel in den kommenden zwei Monaten sehr viel häufiger in Bayern auftreten als in früheren Wahljahren. Die CSU ordnet sich unter.

Merkel macht in Banz diplomatisch klar, wer wichtiger ist: „Die Verbundenheit von Bundespolitik und Landespolitik zeigt sich auch durch die Anwesenheit des Ministerpräsidenten und gleichzeitig CSU-Vorsitzenden“ – Merkel ist die Bundespolitik und Seehofer Landespolitik. Dass die CSU im Bundestagswahlkampf eigene Forderungen hat, stört sie nicht weiter: „Damit es Unterschiede gibt, muss es ja auch Unterschiede geben.“

Der neuerdings schüchterne Seehofer demonstriert in Banz sogleich, was Zurückhaltung bedeutet: Das jüngste Aufregerthema war die Frage, ob die Union von der umstrittenen Vorratsdatenspeicherung abrückt. Seehofer reiht sich ein in die Disziplin und betont, es gebe keinen Kurswechsel. Aber mehr Datenschutz – das will er schon.

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Für die grüne Spitzenkandidatin zur Bundestagswahl, Katrin Göring-Eckardt, betreibt der CSU-Chef ohnehin nur Etikettenschwindel. „Seehofer spielt wie üblich und ganz unschüchtern Theater in der Union – ich finde, das ist ausreichend Unterhaltung, leider aber nicht komisch“, sagte die Grünen-Politikerin unserer Zeitung. Sein Wahlkampfmanöver beim Thema Vorratsdatenspeicherung sei durchschaubar: „Die CSU will kurz vor der Wahl so tun, als ob sie die berechtigten Sorgen der Menschen vor dem Ausspähen privater Daten ernst nähme.“

Ein Versprechen Seehofers darf man ihm aber ohne weiteres abnehmen: Dass seine Schüchternheit auf acht Wochen befristet sein wird.

Von Carsten Hoefer und Mike Schier

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