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Exklusiv: Private Einblicke ins Hause Seehofer - Kinder machen Ausnahme, „weil der Papa aufhört“

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Von: Wolfgang Hauskrecht, Mike Schier, Georg Anastasiadis

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Innenminister Horst Seehofer (CSU) lehnt an einer Wand
Horst Seehofer (CSU) geht in den politischen Ruhestand. © Michael Kappeler/dpa

Über Jahrzehnte war Horst Seehofer eine prägende Figur der Bundespolitik und der bayerischen Landespolitik. Seine Kinder blicken zurück.

München – Es gibt wenige Politiker, die so viele Höhen und Tiefen durchlaufen haben wie Horst Seehofer. Und es gibt nur wenige, die ihre Kinder so aus der Öffentlichkeit gehalten haben. Keine Homestorys, keine Interviews. Nun aber machen Susanne (30), Ulrike (35) und Andreas Seehofer (33) eine Ausnahme. Während Mama Karin draußen den Enkel spazieren fährt, sprechen sie mit dem Münchner Merkur über ihren Vater und ihr Aufwachsen in einer Politiker-Familie.

Die Geschwister erscheinen ganz leger. Ulrike im blau-weißen Sommerkleid, Susanne im leichten Kostüm, Andreas trägt Bluejeans und ein Hemd über dem T-Shirt. Natürlich, ein bisschen nervös sind sie – immerhin ist das gemeinsame Interview eine Premiere. Aber sie sind bestens gelaunt, schenken allen am Tisch Kaffee ein – und plaudern los, bevor die erste Frage gestellt ist.

Susanne Seehofer: Das machen wir jetzt nur einmal, weil der Papa aufhört.

Ulrike Seehofer: Ja, genau. Damit wir zu seinem Abschied aus der Politik auch mal die andere Seite vom Papa zeigen können, eine privatere Seite.

Susanne: Es ist schon Wehmut dabei. Vor zwei Wochen war er das erste Mal seit Jahrzehnten mit seinen Geschwistern inkognito in Ingolstadt unterwegs und hat die Straße besucht, in der er früher gelebt hat. Da hat eine Frau aus dem Fenster geschaut und gesagt: Ja, wenn wir jetzt so hohen Besuch haben, dann kommen Sie mal rein. Dann ist er mit seinem Bruder in die Wohnung und hat sich angeschaut, wie die Frau lebt. Er war so begeistert. Ich glaube, das ist das, was er jetzt wieder machen will und wo er auch herkommt: den Leuten zuhören.

Seehofers Kinder im Interview: „Zu Hause engagieren - das ist nicht so seins“

In wenigen Wochen endet die Karriere von Horst Seehofer. Mit 72 Jahren. Wird er jetzt den heimischen Haushalt an sich reißen, der Partei aus dem Hintergrund Ratschläge erteilen - oder ein Buch schreiben?

Ulrike: Eher letzteres. Zu Hause engagieren - das ist nicht so seins. Da hat er auch nie einen Hehl draus gemacht. Aus dem Off kann ich mir auch nicht vorstellen. Der Papa ist Schwarz oder Weiß, da gibt es keinen Mittelweg.

Andreas Seehofer: Ich kann mich erinnern, dass wir mit einem Ex-Politiker unterwegs waren, der noch sehr aktiv war. Da hat der Papa gesagt: Wenn es mal für ihn so weit ist, möchte er das nicht mehr machen. Für ihn ist klar, dass er sich aus der aktiven Politik raushalten wird. Mit Ratschlägen hat er selber die Erfahrung gemacht, dass das meist eher Schläge als Rat sind.

Klar ist eine Integration nötig, wenn man nach so vielen Jahren wieder da ist.

Andreas Seehofer

Horst Seehofer (CSU) hört im Sommer auf - Sohn Andreas erinnert sich an „unmenschliches Pensum“

Und Gattin Karin? Kann sie jetzt noch Tennis spielen mit ihren Freundinnen oder muss sie sich um ihren Mann kümmern?

Andreas: (lacht) Klar ist eine Integration nötig, wenn man nach so vielen Jahren wieder da ist. Wobei es sich durch Corona schon eingespielt hat. Er hat viel von zu Hause gearbeitet. Keine Bierzelte, keine Wahlkampfauftritte. Schon als er den Parteivorsitz abgegeben hat, hat man das gemerkt. Ministerpräsident und Parteivorsitzender: Das war ein unmenschliches Pensum.

Ulrike: Der Job als Innenminister ist auch eine ständige Anspannung. Aber in den letzten Wochen ist er gelassener geworden.

Wie war das als Kind, als er ständig unterwegs war?

Susanne: Für uns war das normal, wir kannten das nur so. Klar: Wenn man bei Freundinnen war, ist es schon aufgefallen, dass der Vater um 17 oder 18 Uhr kam. Aber es gibt auch andere Mütter und Väter, die vielleicht Schichtarbeit haben und ihre Kinder weniger sehen. Da hat jede Familie ihr Modell - und das war unseres.

Ulrike: Er hat ein, zwei Mal die Woche angerufen. Da hat man dann telefoniert und die Vorfreude war groß, wenn die Mama gesagt hat, der Papa kommt am Freitagabend. Man ist an der Tür gestanden und hat schon gehört, wenn er reinkommt. Das war etwas Besonderes für uns. Er hat sich dann auch Zeit für uns genommen - aber er hat das Wochenende auch gebraucht, um zu regenerieren.

CSU-Politiker Horst Seehofer: Tochter Susanne ist FDP-Mitglied – „Zu Hause immer Raum für andere Meinungen“

Susanne, Sie sind als Tochter eines CSU*-Ministers vor Kurzem in die FDP eingetreten. Was ist denn da passiert?

Susanne: Ich habe schon immer mit der FDP sympathisiert - unabhängig davon, wo der Papa politisch beheimatet ist. Aber das spricht für einen offenen Diskurs. Zu Hause war immer Raum für andere Meinungen. Mama und Papa haben uns alle zu eigenständig denkenden Menschen erzogen.

Was hat er dazu gesagt?

Susanne: Er wusste es ja schon längst. Er hat gesagt: Willst du dir das echt antun?

Andreas: Er meinte aber nicht die FDP*, sondern das mit der Politik.

Ihr Kinder wurdet weitgehend rausgehalten aus der Karriere eures Vaters. Wissen die Leute trotzdem immer, wer Sie sind?

Ulrike: Unsere Eltern und Großeltern haben immer darauf geschaut, dass wir eine normale Kindheit haben. Aber der Name Seehofer war in Ingolstadt natürlich schon bekannt. Das prägt uns alle drei. Wenn man in Bayern irgendwo hingeht, hat jeder, oft unterbewusst, irgendeine Meinung von einem. Das ist ein Rucksack, den der Name mit sich bringt. Aber es ist kein Rucksack nur mit Steinen, sondern auch was Schönes. Es ist ja nicht so, dass man sich für den Namen genieren muss. Wir sind stolz auf unseren Papa und auf das, was er erreicht hat. Wir identifizieren uns damit - er ist Teil unserer Familie, unserer Geschichte. Aber bei manchen Themen war es bestimmt nicht schön, „das Kind von“ zu sein. Zum Beispiel beim Thema Zuwanderung.

Susanne: Man bekommt schon Einiges zu hören: „Dein Papa macht nur Mist“ oder so. Da bist du als Kind natürlich schon manchmal aufgelöst.

Ulrike: Das finde ich schade, wenn man als Kind immer mit der Meinung und dem Handeln der Eltern in Verbindung gebracht wird.

Interview mit den Kindern von Horst Seehofer: „Du solltest in die Politik gehen, da wird es auch immer mehr, wenn es weniger sein soll“

Wie war das mit Lehrern?

Andreas: Ich erinnere mich an eine Matheschulaufgabe. Mein Ergebnis war falsch und der Lehrer hat sinngemäß drunter geschrieben: Du solltest in die Politik gehen, da wird es auch immer mehr, wenn es weniger sein soll. Das hat mich und die Mama ziemlich geärgert.

Sie haben alle noch daheim gewohnt, als der Vater Ministerpräsident wurde. Was hat das in Sachen Personenschutz für die Familie bedeutet?

Andreas: Wenn er dabei war, hat man das gemerkt. Da waren dann zwei, drei Autos und viel Blaulicht - das war als kleiner Bub schon super aufregend. Wenn er nicht da war, hatten wir aber ein komplett normales Leben. Natürlich gab es technische Einrichtungen im Haus, aber Papa wollte nie, dass ständig Polizei vor dem Haus ist.

Und später als Bundesinnenminister*?

Andreas: Ist es schon extremer geworden. Vor einem Jahr im Sommer war ich auf der Terrasse und plötzlich hat mich ein Polizist gefragt, ob ich mich ausweisen kann. Wir sind inzwischen seltener zu Hause, da kennen uns eben nicht alle Polizisten.

Der Politiker Horst Seehofer hat viele Höhen, aber auch Tiefen erlebt. Leidet man da als Kind mit - und kann man helfen?

Andreas: Niemand liest gerne unschöne Sachen über den Vater. Die Kommentare in der Flüchtlingspolitik gingen ja meist in Richtung herzlos. Ohne Zweifel hat er Fehler gemacht, niemand ist ohne Fehler. Aber was man ihm nicht vorwerfen kann, ist, dass er kein Herz hat. Da leidet man schon mit, wenn er so hingestellt wird.

Es gab in dieser Zeit auch Illoyalität aus der CSU Horst Seehofer gegenüber.

Andreas: Wenn jemand, der mit ihm Karriere gemacht hat, öffentlich sagt, Horst Seehofer sehe ziemlich krank aus, tut das weh. Darüber ärgert man sich, das muss man nicht verhehlen. Aber so hart es ist: So ist das politische Geschäft, vieles wird öffentlich ausgetragen. Darum muss man nach vorne schauen.

Während der Schlammschlacht 2007 um den Parteivorsitz kam die Bild-Zeitung plötzlich mit der Geschichte der außerehelichen Affäre raus. Haben Sie jemals Kontakt aufgenommen zu Ihrer Halbschwester?

Andreas: Bei allen Familien gibt es Höhen und Tiefen. Es gab Diskussionen zu fünft, die nicht einfach waren. Aber letzten Endes sind wir zu fünft als Familie gestärkt aus der Sache raus. Und ich finde, das ist Privatsache.

Horst Seehofer (CSU): Beschwerde bei Tochter Ulrike, „wenn keine neuen Fotos kommen“

Sie sind beide Mutter geworden. Wie darf man sich Horst Seehofer als Großvater vorstellen?

Ulrike: Wenn wir ankommen, macht er selber die Tür auf. Das hat er bei uns Kindern nicht gemacht. Beim ersten Mal habe ich einen stolzen Opa gesehen, der mit leuchtenden Augen seinen Enkelsohn in Empfang nimmt. Klar ist er nicht der große Kinder-Entertainer (alle drei lachen), aber er ist sehr interessiert und fragt nach. Er ruft häufiger an - und es gibt Beschwerden, wenn keine neuen Fotos kommen. Ich glaube, in den Enkeln sieht er einen neuen Baustein seines Lebens in der Pension.

Susanne: Als ich ihm die ersten Bilder geschickt habe, hat er gesagt: Ah, die sieht ja aus wie der Opa (Riesengelächter). Also: Das stimmt überhaupt nicht - aber wir haben ihn alle in dem Glauben gelassen.

Seine berühmte Eisenbahn im Ferienhaus in Schamhaupten. Kommt die jetzt wieder zum Einsatz?

Ulrike: Ich hab ihn gestern gefragt - und er hat das mit Ja beantwortet. An uns ging das Interesse an der Eisenbahn leider vorbei. Jetzt liegt seine Hoffnung auf den beiden Enkelkindern.

Ich wünsche ihm, dass er sieht, dass neben der Politik auch ein anderes, schönes Leben existiert.

Andreas Seehofer

Was wünschen Sie Ihrem Vater für den Ruhestand?

Andreas: Ich wünsche ihm, dass er mit diesem wahnsinnigen Kapitel, das ihn über 40 Jahre begleitet hat, seinen Frieden macht und sieht, dass neben der Politik auch ein anderes, schönes Leben existiert. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Interview von Georg Anastasiadis, Mike Schier und Wolfgang Hauskrecht

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