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Mit den Fotografen in einem Boot: Markus Söder, als Finanzminister auch Herr über Schlösser und Parks, in einer Gondel im Nymphenburger Schlosspark.

Seehofer-Nachfolge scheint entschieden

Söder kann sich nur noch selbst gefährlich werden

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München - Die Nachfolge von Horst Seehofer scheint entschieden: Markus Söder gilt als der erste unter den Kronprinzen. Gefährlich werden kann er sich nur noch selbst. Aber diese Gefahr sollte man nicht unterschätzen.

Einmal im Jahr verkleidet sich Markus Söder und erklimmt in schmucker Lederhose die Bühne im Festsaal des Münchner Hofbräuhauses. Dort hält der Finanzminister dann so ein Mittelding aus politischem Kabarett und Regierungserklärung. Es sei ein „super Gefühl“, hat Söder im vergangenen Jahr verkündet, „dass man mal so richtig die Wahrheit sagen kann – ohne dass man Ärger kriegt“. Dann redete er ausdauernd über Horst Seehofer. Und gipfelte in dem Satz: „Unsere Sorge ist nicht, wann er aufhört. Unsere Sorge ist, ob er überhaupt irgendwann aufhört.“

Ein Jahr später wird Markus Söder heute Abend wieder den Maibock anzapfen. So mag er das: Im Saal, ihm zu Füßen also, sitzt die Prominenz, vor dem Fernseher das Volk. Und in der CSU wird man jedes Wort des Ministers genau sezieren. Denn erstens hat Söder beim letzten Mal natürlich doch Ärger bekommen. Und zweitens treibt ihn inzwischen nicht mehr die Sorge um, ob Seehofer aufhört. Ihm geht es nur noch um das: Wann?

Franke gilt als klarer Favorit

Seit fünf Monaten gilt der Franke nun als klarer Favorit auf das Amt des Ministerpräsidenten. Generalstabsmäßig hat sich Söder vorbereitet, seit mehr als einem Jahrzehnt bastelt er an seinem Lebenstraum. Selbst Gegner sind von dieser Akribie beeindruckt. Auf den ersten Blick scheint es nur noch ein Hindernis zu geben: Der Posten ist gerade besetzt. Auf den zweiten Blick gibt es ein weiteres Risiko: Mit jedem Tag fällt es ihm schwerer, die Beine still zu halten. In der Partei beginnt das Murren, ob der vermeintlich natürliche Erbe nicht gerade zu stark aufs Tempo drückt.

Peking, Ende März. Markus Söder besucht China. Es ist kein normaler Staatsbesuch mit Delegation und so. Söder hat sich etwas anderes ausgedacht: Auf den Spuren von Franz Josef Strauß, 40 Jahre nach dem großen Spiritus rector der CSU. Söder hat zwei Pressesprecher dabei, sie steuern die Berichterstattung zuhause über telefonische Interviews und Bilder vom eigens engagierten Fotografen. Der Minister hat ein überdimensionales Foto mitgebracht, das Strauß und Mao zeigt. Davor posiert er mit einem namentlich nicht genannten Chinesen. Es handelt sich, wie sich später herausstellt, um den stellvertretenden Flughafenchef von Peking. „Und davon gibt es nur sieben“, witzelt einer aus der CSU-Spitze. „PR-Tour auf Steuerzahlerkosten“, titelt die „Welt“ – was den Nachrichtenstrom aus Fernost nur kurz verstummen lässt.

Keine Woche vergeht derzeit, ohne dass Söder zur Pressekonferenz ruft. Seine Steuerfahnder („Steuer-FBI“) setzt er nun sogar zur Terrorjagd ein. Das WLan auf Schiffen eröffnete er per symbolischem Knopfdruck. Gondelfahrten am Nymphenburger Schloss – der Minister, als Ex-Fernsehredakteur ein Bilder-Profi, steigt für die Kameras in den Kahn. Selbst zum „Maibock“, bei dem einst das Derblecken des Kabarettisten (Django Asül) im Vordergrund stand, gibt es jetzt eine Vorab-Pressekonferenz. Söder posiert mit Zettel und Papier – so als schreibe er gerade seine Rede. „Gondoliere hier, WLan da – im Moment überzieht er“, sagt ein eigentlich wohlmeinender Kollege. „Allmählich geht er uns auf den Senkel“, ergänzt einer aus der Jungen Union genervt.

Die Show ist das, was die Parteifreunde stört

Was die Parteifreunde stört, ist die Show. Dabei ist das bei Söder nur ein Teil. Dahinter steckt, was auch anerkannt wird, Fleiß. Der einstige Haudrauf arbeitet echt an sich, tritt staatstragender auf, büffelt mit einem Lehrer Englisch. Er fuchst sich in die komplexe Materie der Landesbank, fast perfekt plant er eine Behördenverlagerung, die kaum jemanden vor den Kopf stößt. Er befriedet die Beamten, saniert Schlösser. Hinzu kommt Glück, weil der Steuerregen den Haushalt ausgleicht und noch großzügige Geschenke ermöglicht. Sogar eine hohe Schuldentilgung darf er verkünden. Inhaltlich kommt selbst Seehofer nicht umhin, die solide Arbeit zu loben. „Danke für die perfekte Arbeit“, pinselte er zum Jahreswechsel handschriftlich auf eine Glückwunschkarte.

In den Umfragen schlägt sich das nieder: Im Januar, pünktlich zur CSU-Klausur in Kreuth, veröffentlicht das BR-Magazin „Kontrovers“ eine Erhebung, die Söder zum Favoriten macht. 41 Prozent sehen in ihm den besseren Kandidaten, nur 24 Prozent setzen auf Wirtschaftsministerin Ilse Aigner. Bemerkenswert ist die Dynamik – im Jahr davor lagen beide noch fast gleichauf.

Söder arbeitet also an den Themen, an sich – und am Umfeld. Um sich herum pflegt er ein Netz aufopferungsbereiter Mitarbeiter, sorgfältig ausgewählt. Büroleiter Gregor Biebl und Amtschef Wolfgang Lazik begleiten ihn seit Jahren und haben das schwierige Ministerium im Griff. Die drei Pressesprecher sind strikt loyal und zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar, der Einsatz reicht weit übers Übliche hinaus. Zu ihren Jobs gehört zum Beispiel, sich im Landtag diskret zwischen die Journalisten zu stellen, wenn die mit Aigner oder Seehofer reden. Auftrag: abhören, weitermelden. Kein anderer Pressesprecher würde das wagen. Als neuen Berater hat Söder außerdem Michael Backhaus geholt, langjährigen Vize-Chef der „Bild am Sonntag“. Für den schaufelt er eine gut dotierte B6-Stelle frei, rund 10.000 Euro im Monat.

Wenn er schon mal da ist, macht er eine kleine Pressekonferenz

Söder kümmert sich derweil mit hohem Fleiß um die Parteifreunde, vor allem in Oberbayern. Er weiß genau, dass bei Wahlen dort und nicht in Hof oder Aschaffenburg die absolute CSU-Mehrheit steht und fällt. Rein zufällig verbrachte er den Oster-Urlaub in Berchtesgaden, schwärmt nun ausdauernd vom Königssee. Ja mei, und wo er schon mal da war, machte er halt eine kleine Pressekonferenz mit der örtlichen Abgeordneten.

Seine Landtagskollegen aus Oberbayern, die bei der Wahl des Ministerpräsidenten die meisten Stimmen haben, bearbeitet er intensiver, als Ilse Aigner ahnt. Abgeordnete, die sie auf ihrer Seite glaubt, haben sich längst auf seine geschlagen. Der Rosenheimer Klaus Stöttner zum Beispiel steht in engem Kontakt zu Söder, berichtet ihm auch mal von kritischen Journalisten-Anfragen. Zur Erinnerung: Aigner hatte einst, wenn auch vergeblich, Stöttner einen Beauftragten-Posten in ihrem Ministerium zu verschaffen versucht. Auch andere Oberbayern wackeln, weil sie sich bei Söder Karrierechancen ausrechnen. Aigner hat hier etliche vergrätzt, als sie die unerfahrene, aber loyale Ulrike Scharf zur Umweltministerin berief. Manche fühlen sich übergangen, andere zu schlecht eingebunden.

Die Mehrheit also wächst. Die Franken hatte Söder schon immer mehr oder weniger stabil bei sich. Sein Staatssekretär Albert Füracker, ein ebenso nüchterner wie loyaler Zuarbeiter, hat die Oberpfälzer auf Linie gebracht. Das größte Widerstandsnest scheint es noch in Niederbayern zu geben, wo sowohl der Bezirksvorsitzende Manfred Weber als auch der ebenso umtriebige wie einflussreiche Erwin Huber als Kritiker gelten.

Kühl und mathematisch betrachtet, kann da für Söder wenig schiefgehen. Er müsste einfach leise bis 2018 abwarten. Nur: Leise ist halt nicht seine Stärke. Und auch nicht die seines Chefs. Stattdessen zeigt sich Seehofer genervt von den Auftritten des ungeduldigen Erben. Bisher gab es ja nur alle zwei Jahre einen richtig großen Krach zwischen Chef und Chefchen: Ende 2012, als Seehofer das Wort von den „Schmutzeleien“ prägte, und Ende 2014 beim Ärger über forsche Forderungen zum Finanzausgleich. Nun könnte der Rhythmus schneller werden. Seit Tagen deutet Seehofer an, wie sehr ihn der übereifrige Kronprinz irritiert. „Die Spannungen zwischen den beiden steigen spürbar an“, sagen Abgeordnete.

Beim Maibock will Söder diesmal Altersmilde walten lassen

Bei der CSU-Klausur am Wochenende in Andechs gerieten beide abseits der Öffentlichkeit frontal aneinander. Söder wollte die interne Sitzung verlassen, Klo, Handy, was auch immer, er war schon an der Tür – da stauchte ihn Seehofer zusammen. „Dableiben!“ Söder maulte zurück: „Wir sind doch keine Schulkinder!“ Aber er blieb. „Der hat gekocht“, sagt ein Augenzeuge. Auch äußerte sich Seehofer demonstrativ lang über „Glaubwürdigkeit“ und „Zuverlässigkeit“ in der Politik.

Angestachelt wird der Groll des Chefs durch eine angebliche Äußerung aus Söders Lager. Backhaus, obwohl erst ab Freitag im Dienst, soll vor Journalisten schon mal über einen Stabwechsel 2016 orakelt haben – mit ihm als neuem Regierungssprecher. Seehofer ließ sich sogar in der Kabinettssitzung darüber aus. Kein Zufall: Zur Sicherheit will er den Vertrag mit der aktuellen Regierungssprecherin Daniela Philippi, heuer 66, um ein weiteres Jahr verlängern. Und am Wochenende betonte er nochmal in einem Interview, keinen Tag vor Ende 2018 die Staatskanzlei räumen zu wollen.

Söder hat das alles zur Kenntnis genommen. Vielleicht weiß er sogar schon, dass Seehofers Leute in einige Ohren etwas vom „Aigner-Revival“ murmeln. Für den Maibock verspricht Söder, 48 Jahre alt, wohl nicht zufällig, er werde diesmal Altersmilde walten lassen. Sein Chef wird es sich trotzdem nicht antun. Seehofer hat für heute abgesagt. Terminprobleme. Leider, leider.

Der Maibock

mit den Reden von Markus Söder und Django Asül ist am Mittwoch Abend von 22 bis 23 Uhr im Bayerischen Fernsehen zu sehen.

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