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Seehofer in der Sonntagnacht.

„Ich weiß es nicht. Ehrlich. Keiner weiß es“

Protokoll des Nervenkriegs: Als Seehofer die Bombe platzen ließ, reagierte Dobrindt am schnellsten

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Nach einer stundenlangen Sondersitzung der CSU-Spitze wirft Horst Seehofer zunächst hin. Die Parteifreunde reagieren schockiert, wollen ihn umstimmen. Dann nochmal vor die Kameras. Das Protokoll des Nervenkriegs.

München – Vom Lift zum Sitzungssaal sind es nur zehn Schritte, doch genug Raum für großes Theater. Mit leeren Augen und versteinerter Miene, wortlos wie auf einer Friedhofsprozession zum offenen Grabe, durchschreitet Horst Seehofer das Spalier aus Kameras. Kein Gruß, kein Spaß, nur tonnenschwere Last auf seinen Schultern. Ohne Worte legt der Bundesminister des Inneren, Vorsitzender der CSU, so sein Lagebild dar: Ernst. Sehr ernst.

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Der Text zum Bild folgt erst später an diesem seltsamen Sonntag in der Münchner Parteizentrale. Die CSU ist zusammengekommen, um zu erfahren, was sie zu halten hat von den Gipfelbeschlüssen zur Migration. Reicht’s für Frieden mit der Kanzlerin, oder für Krieg? Zu Seehofers großer Inszenierung gehört, dass er seit Freitagfrüh kein Wort verlauten ließ. Dass er offen hielt, ob seine Partei eskaliert oder entspannt. In der Politik, wo es um schnelle Deutungshoheit geht und um Medienpräsenz, sind solche Stunden selten, in denen eine Partei ratlos auf Erhellung durch den Chef wartet.

Umso kerniger fällt seine Analyse aus, berichten Zeugen der Sondersitzung des Parteivorstands am Nachmittag. „Abenteuerlich“ nennt er die Beschlüsse der Brüsseler Gipfelnacht. Punkt für Punkt zerpflückt er sie, man handele sich damit mehr Probleme ein als man löse. Die Lage bei der „Sekundärmigration“, also weiterziehenden Flüchtlingen, verschlechtere sich sogar. Immer klarer steuert er auf einen Schluss zu: Er will Zurückweisungen an der Grenze durchsetzen, auch gegen Merkels erklärten Willen. Dem Vorstand legt er sogar seinen über Wochen geheimen „Masterplan Migration“ hin, 22 Seiten, 63 Punkte, jetzt einfach als Tischvorlage. Die CDU hat das Papier noch immer nicht vorliegen.

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„Ich weiß es nicht. Ehrlich. Keiner weiß es“, schreibt einer per SMS

Das Gespräch mit Merkel am Samstag in Berlin, von dem seltsame Fotos kursieren, wie beide mit vom Wind zerzausten Haaren auf einem Balkon stehen, nennt er „wirkungslos“. Und bittet seine Parteifreunde, den Saal nicht zu verlassen – er werde noch am Abend eine „persönliche Erklärung“ abgeben. Den rund 100 Vorständlern und Abgeordneten, die vom Chef eigentlich viel gewohnt sind, stockt da der Atem.

Skurril: Niemand im Raum außer ihm weiß, was geschehen wird. Von Rücktritt raunen die ersten, wie 2004 im Streit um die Gesundheitspolitik. Ach was, ein großes Schauspiel diesmal, murmeln andere, auch sein allerengstes Umfeld. „Ich weiß es nicht. Ehrlich. Keiner weiß es“, schreibt einer per SMS. Doch beide Seiten haben Recht. Ja, ein aberwitziges Schauspiel bietet sich an diesem Tag im Münchner Norden. Und, ja, Seehofer kündigt am späten Abend seinen Rücktritt an.

Es ist ein Nervenkrieg mit Merkel. Der Tag beginnt mit einem Fehler ihrer Planer. Merkel soll kurz nach 19 Uhr ihr ZDF-Sommerinterview geben. Weil sie das aber bereits um 14 Uhr aufzeichnet, zu früh, kann sie im Fernsehen auf keinen Satz Seehofers direkt reagieren. Er weiß das genau. Er weiß auch, dass Merkel ab 17 Uhr mit ihrer CDU-Führung zusammensitzt, noch immer ahnungslos, was er genau plant. Verzweifelt suchen selbst gestandene CDU-Staatssekretäre auf Twitter, ob irgendwas von der CSU nach draußen dringt.

Seehofer nutzt die Zeit, um die Dramatik zu steigern. Und die Schwesterpartei zu quälen. Und nicht nur die. Er, von den Medien oft als „Spieler“ bezeichnen, kostet es aus, wie im Saal die CSUler kaum wagen, die üppigen Brotzeitbrettl anzufassen, wie draußen zwölf Kamerateams aufgeregt durch den wabernden Modergeruch des Rücktritts tigern, wie oben in Berlin die CDU versteinert: Seehofer schiebt seine „Erklärung“ ganz ans Ende, lässt erst vier Dutzend Parteifreunde zu Wort kommen, endlos. Landesgruppenchef Alexander Dobrindt erklärt dann etwa, er habe große Zweifel am Gipfel, es gehe jetzt um eine „Grundsatzdebatte über Glaubwürdigkeit“. Zwischendurch, damit die Spannung hält, orakelt Seehofer düster, es gehe „hier auch um die Glaubwürdigkeit eines Vorsitzenden“.

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Die Runde reagiert fassungslos. „Das kann ich nicht akzeptieren“, ruft Dobrindt als erster

Stimmt – aber nicht nur wegen der CDU. Mehrere Parteifreunde stellen den Kurs in Frage. Manfred Weber, der ruhige Europapolitiker und CSU-Vize, erklärt seit Freitag, die Kanzlerin habe „geliefert“, die CSU solle zufrieden sein. Theo Waigel, der Merkel-freundliche Ehrenvorsitzende, nennt „jede Eskalation selbstzerstörerisch“. Man solle „wenigstens einen Schnaps nachgeben“, sagt ein anderer bildhaft. Einzelne, die ihren Rat in der Sitzung vorbringen, staucht Seehofer zusammen, etwa Bundesminister Gerd Müller, der den Hinweis wagt, die CSU könne in der Regierung mehr erreichen als außerhalb. Und auch Waigel, „kontraproduktiv“ sei dessen Merkel-Initiative gewesen.

„Wirkungslos“: Horst Seehofer und Angela Merkel am Samstag im Berliner Kanzleramt. „Das kann ich nichtakzeptieren“, ruftAlexander Dobrindt

Dann, nach 22 Uhr, setzt er zu seiner eigenen Erklärung an. Zieht sie in die Länge, wird grundsätzlich, 45 Minuten lang. Ehe die entscheidenden Worte fallen: Man könne sich zwar zu einem Kompromiss beugen, das werde aber ein „Mischmasch“, wird er zitiert. Er könne auch als Minister alleine gegen die Anweisung der Kanzlerin handeln und womöglich die Regierung zerreißen. „Das hält keine Partei aus.“ Deshalb die Konsequenz: Rücktritt als Parteichef und Minister.

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Die Runde reagiert fassungslos. „Das kann ich nicht akzeptieren“, ruft Dobrindt als erster, „dass uns die Uneinsichtigkeit der Kanzlerin in so eine Situation bringt“. Teilnehmer berichten von langem Beifall. Man müsse reden, bitten Parteifreunde den Noch-Chef. Seehofer lässt sich auf ein letztes Gespräch ein, im Nebenzimmer.

Er kommt nach draußen, mehrere Parteifreunde im Schlepptau. Wieder reglos, wortlos, versteinerte Miene, vorbei an all den Kameras. Ist das inszeniert? Oder echt? Seehofer verkündet einen letzten Einigungsversuch in einem letzten Gespräch mit der Kanzlerin. Der Nervenkrieg um Seehofer und Merkel ist jedenfalls noch lange nicht zu Ende. Alles weitere Lesen Sie hier im Ticker.

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