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Mögliche Nachfolger (v.l. oben): Albert Füracker, Angelika Niebler und Kerstin Schreyer-Stäblein, (v.l. unten) Georg Eisenreich, Florian Herrmann und Marcel Huber.

Seehofer sucht Büronachbarn

Wer folgt auf Christine Haderthauer?

München - Wer leitet künftig Horst Seehofers Staatskanzlei? Der Ministerpräsident sucht eine Nachfolge für Christine Haderthauer. Angesichts der stürmischen Zeiten für die CSU gilt als oberstes Gebot: Keinen verärgern, alle bei Laune halten.

Es gibt sicher schlechtere Arbeitsplätze in dieser Stadt. Durch die große Glasfront blickt man vom obersten Stock der Staatskanzlei über den Hofgarten hinweg bis zur Münchner Theatinerkirche. Über einen kleinen Steg kann man auf dem ganz kurzen Dienstweg an die Balkontür des Ministerpräsidenten klopfen – nur für den Fall, dass etwas Dringendes zu besprechen wäre. Und das kann öfter vorkommen, der Job als Leiter der Staatskanzlei ist nämlich ziemlich wichtig. Theoretisch zumindest.

In der Praxis aber heißt der Ministerpräsident Horst Seehofer und leitet zur Not die Staatskanzlei gleich mit. Derzeit gehört es zu seinen vordringlichsten Aufgaben, sein Nachbarbüro neu zu besetzen. Einen stillen Manager dürfte er suchen. Einen, der ihm den Alltagskram abnimmt, damit sich Seehofer auf die großen Linien konzentrieren kann. In Berlin gilt der Kanzleramtschef als absolute Instanz jenseits der Öffentlichkeit. Als Paradebeispiel dient Frank-Walter Steinmeier, der geräuschlos Gerhard Schröders Hartz-Reformen organisierte. Erst als ihn Angela Merkel zum Außenminister berief, wurde sein Name bekannter. In München dagegen hat es unter Seehofer noch keiner geschafft, zum Chefstrategen aufzusteigen. Die meisten zogen rasch weiter: Siegfried Schneider, Marcel Huber, Thomas Kreuzer und jetzt eben Christine Haderthauer. Nach nicht einmal elf Monaten.

Die 51-Jährige interpretierte den Job in Bayern von Anfang an anders. Seehofer hatte nach der Wahl den Posten für sie aufgewertet: Zur Leitung der Staatskanzlei kam die Zuständigkeit für den Bundesrat sowie ominöse „Sonderaufgaben“. Dazu setzte Haderthauer durch, dass nur sie allein nach Kabinettssitzungen die Öffentlichkeit informierte – wobei sie sich als thematisch nicht immer sattelfest erwies. Bei den Ministern sorgte das für Ärger, einige lästerten über „Seehofers Pressesprecherin“.

Jetzt dürfte ein ruhigerer Zeitgenosse das Amt übernehmen. Aber so richtig drängt sich keiner auf. Der große Zuschnitt mit Aufgaben in München und Berlin macht die Auswahl schwierig. In der CSU-Spitze sind die meisten der Meinung, der Nachfolger müsse Regierungserfahrung mitbringen – wer Ministerien koordinieren will, sollte zumindest eines von Innen kennen. Heißeste Kandidaten wären dann die Staatssekretäre Georg Eisenreich (Kultus) aus München und der Oberpfälzer Albert Füracker, der derzeit seinen Dienstsitz im Nürnberger Heimatministerium hat.

Es ist ein schwieriges Puzzle, vor dem Seehofer da sitzt: In der CSU wird der Regionalproporz hochgehalten. Für die Oberbayerin Haderthauer müsste ein Oberbayer ins Kabinett nachrücken. Am besten wieder eine Frau. Kerstin Schreyer-Stäblein (München Land), Ingrid Heckner (Mühldorf) oder Ulrike Scharf (Erding) werden genannt – allerdings nicht gleich als Leiterin der Staatskanzlei, sondern höchstens als Nachfolgerin für einen beförderten Staatssekretär. Zumindest auf Füracker aber darf kein Oberbayer folgen, schließlich soll von Nürnberg aus Nordbayern gefördert werden. Das stärkt die Chancen von Eisenreich: Der gilt nicht nur in Sachen Selbstdarstellung als Gegenteil von Haderthauer – sondern beeindruckte Seehofer als stiller Organisator des hochgelobten OB-Wahlkampfs in München.

Prominentere Lösungen, wie eine Rückkehr von Umweltminister Marcel Huber in die Staatskanzlei oder ein Wechsel der neuen Europagruppenchefin Angelika Niebler, werden ausgeschlossen. Bliebe noch die steile Beförderung von Abgeordneten: Immer genannt wird Markus Blume (er wäre allerdings der dritte Münchner im Kabinett) oder der Chef des Innenausschusses Florian Herrmann (Freising). Ihm trauen viele den anspruchsvollen Posten zu – er ist aber keine Frau.

Das sind die Überlegungen, die Seehofer nicht erst seit Haderthauers Rücktritt hin- und herwälzen dürfte. Öffentliche Termine hat er keine. Gestern Nachmittag bespricht er sich mit Stellvertreterin Ilse Aigner in der Staatskanzlei. Der Rest der CSU-Spitze ist in der Weltgeschichte unterwegs: Fraktionschef Kreuzer fliegt zurück ins Feriendomizil nach Italien, Finanzminister Söder landet vormittags aus dem USA-Urlaub. Innenminister Herrmann nimmt als Major der Reserve an einer Wehrübung in Nordbayern teil. Kampfesmut kann die CSU brauchen – denn eigentlich müsste sie in Berlin dringend den Untergang der Pkw-Maut verhindern. In der Partei beginnt es deshalb zu Grummeln. Seehofer braucht rasch Ruhe.

Formal eilt die Zeit nicht: Seehofer könnte den Nachfolger zwar am Dienstag bei der ersten Kabinettssitzung nach der Sommerpause präsentieren. Muss er aber nicht. Denn die Vereidigung vor dem Landtag kann frühestens Mitte September erfolgen. Die Opposition hält trotz des Rücktritts am Plan fest, wegen der Causa Haderthauer eine Sondersitzung einzuberufen – auch wenn einzelne Abgeordnete dazu auf Steuerzahlerkosten aus dem Ausland eingeflogen werden. Landtagspräsidentin Barbara Stamm hält davon wenig: „Das Hauptanliegen des Antrags ist entfallen. Eine politische Debatte kann auch 14 Tage später am ersten regulären Plenartag stattfinden.“

Die Opposition macht dafür andere Einsparvorschläge. Sie hält ein Ministeramt für die Leitung der Staatskanzlei übertrieben. Das könne auch ein anderer nebenbei machen. Seehofer meint sie wohl nicht.

Mike Schier

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