+
Zum Abwinken: Horst Seehofer bei einem seiner letzten Auftritte als Ministerpräsident .

Letzte Tage im Amt

Seehofer und der Landtag: Die Geschichte einer Entfremdung

  • schließen
  • Sebastian Dorn
    Sebastian Dorn
    schließen

Im Herbst seiner Amtszeit hat sich Horst Seehofer von der Landespolitiktotal entfremdet. Erwartet ab, bis es zu Ende ist und er nach Berlin wechseln kann. Dem Landtag bleibt er fern. Was ist passiert?

München – Aus einem kurzen Grußwort wird eine Laudatio auf den Hausherrn. Eigentlich wollte Horst Seehofer dem Konsularischen Korps beim traditionellen Empfang in der Staatskanzlei Danke sagen, aber auf einmal dreht sich alles um ihn. Der britische Generalkonsul doziert über Seehofers Erfolge: wie er in der Flüchtlingsfrage hart blieb, wie Bayern zum Topstandort wurde. „Und zwischendurch haben Sie wieder die absolute Mehrheit in Bayern gewonnen.“ Seehofer sitzt im Publikum und hört zu, stützt sein Kinn mit der linken Hand und nickt zufrieden. Solche Momente der völligen Anerkennung sind selten geworden.

Er gibt ein zwiespältiges Bild ab auf den letzten Metern als Ministerpräsident. Zufrieden lächelnd wie bei den Diplomaten sieht man ihn nicht oft. Eigentlich sieht man ihn eh fast nie mehr, jedenfalls nicht im Landtag. Wegen einer schweren Erkältung tauchte er nach den Koalitionsverhandlungen in Berlin eine Woche komplett ab, nun ist er wieder in München, aber irgendwie auch nicht. Mit Schniefnase und ein paar Hustern wirkt er grummelig und grantig, von der Landespolitik will er offenbar nichts mehr wissen.

Im Oktober war Seehofer zuletzt im Plenarsaal

Das ist neu. Früher war Seehofer ein Vorzeige-Parlamentarier – immer am Platz, auch wenn die Opposition sprach, aufmerksam, nie von Akten oder Handy abgelenkt. Jetzt bleibt er fern. Am 12. Oktober, vor viereinhalb Monaten, habe er zuletzt den Plenarsaal betreten, rekonstruiert der „BR“ aus seinem Bildarchiv. Im Dezember sah man ihn kurz auf einer Feier. „Es steht ja nichts Wichtiges an“, sagt er.

Nun ja, gestern die Verabschiedung des Nachtragshaushalts, ein Milliardenpaket. Im Landtag sind einige irritiert. Sein letzter Haushalt, staunt Ex-CSU-Chef Erwin Huber, das „wäre für den Ministerpräsidenten ein Anlass gewesen, diesen Akt mit Stolz und Freude persönlich zu begleiten. So etwas sollte man sich nicht entgehen lassen.“

Ministeriumszuschnitt hat Vorrang

Seehofer kontert, vor seinem Wechsel ins Bundeskabinett habe er „noch mehr zu tun, komischerweise“. Er gehe nicht „zum Zeitvertreib“ hin. Logisch, dass es jetzt Priorität hat, den Ministeriumszuschnitt in Berlin gut zu verhandeln, sich von den Kollegen im Kabinett ja nicht aufs Kreuz legen zu lassen. Als Alleinargument zählt das aber nicht, denn für repräsentative Termine wie den Empfang eines Augsburger Ehrenordens hat er ausführlich Zeit, für heute Mittag schiebt er sogar spontan eine Gesprächsrunde im Münchner Presseclub ein. 

Auch elf Verdienstorden will er vormittags persönlich übergeben. Die wahren Gründe liegen tiefer: Seehofer hat mit seiner CSU-Landtagsfraktion gebrochen. So sehr, dass er sie nicht mehr sehen mag. „Er kapselt sich komplett ab, zurück ins Schneckenhaus“, sagt einer, der früher endlose Abende lang mit dem Parteichef zusammensaß. „Da paart sich Wehmut mit Enttäuschung.“

Undank der „Pyjama-Strategen“

Seehofer trägt den Abgeordneten nach, wie ungeduldig viele von ihnen auf den Wechsel hinarbeiteten. Auch während er wehrlos in Berlin in den Sondierungen saß. Markus Söders Getreue vermuteten, Seehofer wolle nie im Leben den Weg frei machen. Seehofer hält sie seinerseits für „Pyjama-Strategen“ – Kleingeister, die keinen Blick dafür haben, was er für Bayern und Deutschland mit Härte rausgeholt hat. Undank warf er ihnen neulich vor. Es ist ja auch kurios, wenn einem die Kanzlerin in nächtlichen Verhandlungen mit Ehrfurcht begegnet, in München aber jeder Hinterbänkler seinen Rücktritt verlangen kann.

„So was geht an niemandem spurlos vorbei“, sagt einer, der den Ingolstädter seit drei Jahrzehnten kennt. Jetzt bricht wieder auf, was vor seiner Ministerpräsidenten-Zeit war: Da hielt er die Landespolitik für Regionalliga. Und sie ihn für einen Sonderling aus Berlin, der zwar Hallen füllen kann – aber doch gern auch wieder abreisen darf.

Formaler Rücktritt am 14. März

Zwei Wochen sind es wohl noch, in der die Landespolitik apathisch zwischen alter und neuer Regierung hängt. „Minister-Mikado“, sagen sie im Landtag dazu, ja keine falsche Bewegung machen, die Söder oder Seehofer verärgert. Am 14. März, wenn in Berlin voraussichtlich Kanzlerwahl ist und er im Bundeskabinett vereidigt wird, muss Seehofer formal zurücktreten. Schriftlich soll’s erfolgen, ein Wechsel „mit Anstand und Würde“, sagt er.

Am Montag will er dem Parteivorstand endlich mitteilen, wie er den Rückzug zeitlich genau plant. Vielleicht ist Söders Wahl bei einer Sondersitzung am oder um den 19. März. Seehofer nahestehende Parteifreunde raten sehr, er möge dann selbst ein letztes Mal in den Plenarsaal kommen. Es wird ihn viel Überwindung kosten.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Was macht der nochmal? Wirtschaftsministerium blamiert sich mit Tweet
Neuer Umfrage-Schock für die große Koalition, die AfD ist dagegen weiter im Aufwind. Protest regt sich gegen SPD-Chefin Nahles. Angela Merkel trifft sich unterdessen mit …
Was macht der nochmal? Wirtschaftsministerium blamiert sich mit Tweet
Wegen Erdogan-Besuch: Fallen sogar Bundesligaspiele aus?
Der türkische Präsident Erdogan besucht Ende September Angela Merkel und hat eine Währungskrise zu meistern. Nun drohen sogar Bundesligaspiele auszufallen. Der …
Wegen Erdogan-Besuch: Fallen sogar Bundesligaspiele aus?
Peinlicher Fehler im „Morgenmagazin“: ARD fällt auf Satire-Tweet herein
Das ARD-“Morgenmagazin” ist auf einen offensichtlichen Satire-Tweet einer falschen Andrea Nahles hereingefallen. Inzwischen hat sich die ARD entschuldigt. 
Peinlicher Fehler im „Morgenmagazin“: ARD fällt auf Satire-Tweet herein
Albayrak: "Neue Ära" in Beziehungen zu Deutschland
Nächste Woche kommt der türkische Präsident Erdogan nach Berlin. Um seinen umstrittenen Staatsbesuch vorzubereiten, schickt er seinen Finanzminister und Schwiegersohn …
Albayrak: "Neue Ära" in Beziehungen zu Deutschland

Kommentare