Seehofer im Vatikan

Zwei Päpste und kleine Teufelchen

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Rom - Mit Blaulicht rast die Staatsregierung zur Erleuchtung. In einer abenteuerlichen 19-Stunden-Tour nach Rom trifft Horst Seehofer – was bisher unmöglich war – zwei Päpste. Der Ärger daheim holt ihn trotzdem manchmal ein.

Die Bayern wollen gerade vor dem Petersdom in ihre Limousinen springen, mit Blaulicht und jaulender Eskorte zum nächsten Termin rasen, da öffnet sich hinten am anderen Ende des Platzes eine Tür. Und alles wird still. Der Papst kommt nach draußen, schlendert über den fast leeren Platz, winkt freundlich. Seine Soutane leuchtet in der Vormittagssonne. Er geht ins Büro. Zu Fuß. Ein paar hundert Meter. Ohne Sicherheitsleute, einfach so.

Die Audienz, zu der Horst Seehofer gerade flitzen wollte, ist noch zehn Minuten entfernt – aber schon gab es vom Heiligen Vater drüben an der anderen Straßenseite eine Lektion in Sachen Hektik und Demut. Die Delegation wird sie lange nicht vergessen, und der Termin im Apostolischen Palast beginnt trotzdem pünktlich.

Im Wohnzimmer des emeritierten Papstes Benedikt: Horst Seehofer am Montag im Vatikan.

Für eine kurze Nacht und einen halben Tag ist Seehofer nach Rom geflogen, um den neuen volksnahen Papst Franziskus zu erleben. Der Aufwand mit Charterflugzeug und durch die Gassen rasenden Kolonnen wirkt fast absurd für ein Höflichkeitsgespräch von 25 Minuten Dauer. Doch für die regierenden Bayern ist es die Chance, mal wieder Außenpolitik zu schnuppern. Die CSU schien sich länger auf die Welt diesseits von Weilheim und Wunsiedel zu beschränken. Jetzt wird endlich wieder ein „Presidente Baviera“ empfangen.

Tatsächlich erlebt Seehofer an diesem Tag, was keinem Staatsgast gelang, auch nicht der Kanzlerin neulich: Er trifft zwei Heilige Väter in einer Stunde. Nach dem Termin bei Papst Franziskus fährt der Ministerpräsident zum zurückgezogen lebenden emeritierten Papst Benedikt XVI. „Hat noch kein europäischer Spitzenpolitiker zustande bekommen“, murmeln Diplomaten anerkennend.

Weißblaue Extrawurst also. Das traditionell enge Verhältnis Bayerns zum Vatikan half. Seehofer, sonst sehr abgeklärt unterwegs, spielt gar nicht erst den Gelassenen. „Anspannung ist schon da. Auch nach 40 Jahren in der Politik“, sagt er auf dem Weg durch Rom.

Zumal es keine einfachen Gespräche werden. Franziskus freut sich zwar über den bayerischen Geschenkkorb. „Bier?“, fragt er auf Deutsch und lächelt. Aber er geht dann präzise ein auf heikle Fragen der Flüchtlingspolitik. Er lässt Seehofer erklären, wie Bayern auf Druck auch der Kirchen den Umgang mit Asylbewerbern lockerte. Stacheldrahtzäune und die Residenzpflicht fielen, die Essens-pakete sind abgeschafft. „Man muss das Schicksal der einzelnen Menschen in den Mittelpunkt stellen“, sagt ihm der Papst im kleinen Kreis, „nicht ökonomische Interessen“. Der Gast gelobt, seine Staatsregierung höre auf Kritik der Kirchen, auch wenn sie sehr rigoros daherkomme.

Minuten später sitzt Seehofer beim emeritierten Papst Benedikt im schlichten Wohnzimmer im Kloster Mater Ecclesiae. Auch hier läuft das Gespräch nicht voll planmäßig. Benedikt schlägt eine Einladung nach Bayern unmissverständlich aus. Er werde nie wieder in seine Heimat zurückkehren. „Ich bin jetzt Mönch“, zitiert ihn Seehofer. Wie ein Neben-Papst durch die Welt reisen, das will der 87-Jährige nicht.

Benedikt hält sich nur aus der Ferne über Bayern auf dem Laufenden. Das aber genauer, als sein Gast erwartet. Seehofer will gerade erzählen von seinem Erfolg bei der Landtagswahl im September, da wirft der hellwache Benedikt ein: „Aber bei der Europawahl war es etwas anders, Herr Ministerpräsident.“

Da ist er wieder, der Ärger von daheim: Nach der 40-Prozent-Wahlschlappe nölen Parteifreunde über seine Fehler, bei der Vorstandsklausur am Samstag droht eine ruppige Aussprache. Seehofer entkommt den kleinen schwarzen Teufelchen auch in Rom nicht. Immerhin, der CSU-Chef erzählt die Anekdote von Benedikt nachher selbst, er lacht darüber.

Es wäre boshaft, Seehofer die Stunden in Rom nun als erste Abschiedstour auszulegen, wie jene legendären Auslandsreisen des fallenden Vorgängers Stoiber 2007. Seehofer brennt und macht das mit vielen kleinen Bemerkungen am Rand der Reise klar. Er sei ja hier „unter Freunden“ scherzt er über die Reisegruppe aus den allesamt loyalen Parteifreunden – Landtagspräsidentin Barbara Stamm, die Minister Ilse Aigner, Ludwig Spaenle, Beate Merk und der Integrationsbeauftragte Martin Neumeyer.

Die römische Botschaft lautet also auch: Zermürben lässt er sich nicht. „Wir haben einen Papst, der auch mir persönlich Mut und Zuversicht schenkt“, sagt Seehofer beim Mittagessen mit bayerischen Kardinälen. Deshalb kommt die Reise gerade recht. Er genießt, wie sich ihm Türen öffnen: die großen Portale zum Papst, die unscheinbaren Geheimtüren bei der Privatführung durch den Petersdom.

An eine Szene dort wird man sich aber in zwei, drei Jahren wieder erinnern. Im Petersdom sitzt Seehofer vor dem Grab von Johannes Paul II., erzählt von einer Audienz einst bei ihm und sinniert über die Vergänglichkeit von Führungsfiguren: „Ich habe ihn als unersetzbar eingestuft. Ich dachte immer – danach kann es gar nicht weitergehen. Und doch ging es immer weiter.“

Christian Deutschländer

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