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Nachdrücklich hat Wirtin Marianne Bösl (rechts) Seehofer zum Weißbier-Trinken in der Sonne überredet.

Merkur-Experiment in Titting

Wir schicken Seehofer zum Überraschungs-Besuch

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Titting - Der Merkur hat's vorgeschlagen und Horst Seehofer ließ sich darauf ein: Einen halben Tag musste der Ministerpräsident aufs Dorf, unangemeldet, ohne roten Teppich und Blaskapelle. Wir begleiteten den Besuch in Titting:

Der Tag, den das Dorf lange nicht vergessen wird, beginnt ganz unauffällig. Eigentlich fast wie immer. Der Brunnen am Marktplatz plätschert, die Morgensonne blinzelt auf den Maibaum, sie erwischt zuerst die zwei Taferl ganz oben, Sparkasse und Raiffeisen. Der Kramer macht auf, „olonialladen“ steht am Haus, hier gibt es alles außer „K“. Der Bäcker legt frische Brezn in die Auslage. Der eine Metzger öffnet, der andere hat heute zu. An der Tankstelle schlendert der Lehrling mit einer großen „2“ zur Preistafel, der Diesel wird teurer, aber er lässt den nächsten Kunden noch zum alten Preis tanken. So ruhig ist es im Dorf. Nur auf der Bank am Brunnen sitzen drei Auswärtige und grinsen. Weil sie als Einzige wissen, was gleich passieren wird.

Ein paar Minuten dauert es aber noch. Das ist grad genug Zeit, um kurz zu erklären, wo wir sind. Titting: Ein Markt im Anlautertal, Landkreis Eichstätt in Oberbayern. 675 Einwohner im Dorf, einige mehr in den Ortsteilen, Kindergarten, Volksschule, Pfarrei, Rathaus. Postleitzahl 85135, Vorwahl 08423.

Dann fahren langsam zwei schwere Autos um die Kurve vorn beim Wirt, sie halten am Marktplatz. Aus dem vorderen schält sich Horst Seehofer, schmunzelt, sagt „Grüß Gott“. Die Limousinen rollen weiter, verschwinden dezent hinterm Eck. Er bleibt da. Das Experiment kann beginnen. Und noch immer hat es keiner bemerkt.

„Ach Du Scheiße!“ In der Bäckerei erschrecken die Mitarbeiter, haben dann aber mit dem prominenten Kunden eine ziemliche Gaudi. Und er verabschiedet sich von allen per Handschlag.

Er soll mal einen halben Tag mit uns in ein Dorf kommen, hat unsere Zeitung den Ministerpräsidenten aufgefordert. Unangemeldet. Kein roter Teppich, keine Blaskapelle, kein Bürgermeister mit Amtskette und Goldenem Buch. Kein Jubelverein von der Jungen Union, kein ins Foto drängelnder Bezirkstagslistenkandidat, keine Bugwelle mit Blaulicht. Seehofer, allein, plötzlich als Kunde in der Post, Apotheke, beim Kramerladen, Gärtner und im Wirtshaus. Wir wollen mal wissen, was ihm die Menschen spontan sagen – und zwar nicht die, die sonst zu seinen Wahlkampfreden kommen. Ob sie ihn anraunzen für seine Politik, ob sie wegschauen oder hinlaufen, ob sie ihm von ihren Sorgen und Nöten erzählen. Und wie lang er ihnen zuhört. Er hat sich darauf eingelassen.

„Ach du Scheiße“, sagt die Verkäuferin in der Bäckerei, als die Tür aufgeht. „Oh Gott“, ruft eine Kundin. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. Der Ministerpräsident ist nämlich ein durchaus höflicher Besucher, er drängelt sich nicht vor die Kundin mit dem Bauernbrot. Er will ja nur mal kurz fragen, wie es so geht. Ob alles in Ordnung ist. „Seid’s zufrieden?“, fragt er in die Runde, und das Eis ist gebrochen. Es dauert nicht lang, und dann ratschen sie alle miteinander. Über die Feuerwehr, über die Gemeinschaft, über das Volksfest.

Zugegeben: Titting ist das perfekte Dorf für diesen Ausflug. Beschaulich ist es hier, gleichzeitig aber die Gemeinde mit der höchsten Wahlbeteiligung in Oberbayern, die Leute scheinen sich also schon zu interessieren für die da in München und Berlin. Die Verkäuferin beim Bäcker weiß sogar, dass Seehofer privat in Gerolfing wohnt, einen Landkreis weiter. Sie flachst mit ihm („Titting is’ viel schöner, gell?“). Ein bisschen ist ihr auch der erste Ausruf peinlich. Seehofer lacht. „Bleiben’S so fröhlich, wie Sie sind“, sagt er und reicht ihr zum Abschied seine große Pranke über die Brezntheke.

Er hält hier keine Volksreden, zuhören soll er ja. Und wer genauer hinhört im Ort, merkt: Es geht oft um mehr als Plauderei. Die großen abstrakten Themen der fernen Politik sind hier im Dorfalltag ganz konkret. Im wunderschönen Marktladen, zwischen Egerlingen, saftigen Melonenvierteln und dem Regal mit den Rätselheften, trifft Seehofer auf eine sehr nachdenkliche Chefin. Sie ist überhaupt nicht beeindruckt vom hohen Besuch. Christa Baumann heißt sie, hat vor anderthalb Jahren aufgemacht – und kämpft. „Wirtschaftlich geht’s uns nicht so gut“, berichtet sie ihm. Die kleinen Märkte könnten im Leben nicht mithalten bei den Einkaufspreisen der Ketten. „Wir haben den Großen gegenüber keine Chance.“ Warum die Politik nicht hilft?

„Wenn wir in den Wirtschaftsprozess eingreifen, des is gefährlich“, antwortet Seehofer: „Was sollma machen?“ Sie reden über die Alten im Dorf, die das Geschäft brauchen, weil sie keine acht Kilometer zum nächsten Ort radeln können. „Die Läden werden wieder aufblühen“, macht ihr der Regierungschef Mut, „wegen der Altersstruktur. Die Menschen werden älter, sie wollen am Ort einkaufen.“

In der großen Politik heißt das „Demographischer Wandel“ und interessiert bei den Wählern niemand. Hier im Dorfladen wird das plötzlich greifbar in der Frage, wie sich Strukturen und der Alltag ändern müssen, wenn immer mehr Alte als Junge da sind. Und ob man sich mit schmaler Rente den Einkauf im teureren Dorfladen noch leisten kann. Und wie viel Rente die Ladenchefin mal kriegt, falls sie so lang durchhält mit dem Geschäft.

Seehofer tritt in Titting gar nicht auf wie einer, der alles lösen könnte. Als er den Laden verlässt, hat Christa Baumann mit ihm keinen Euro Umsatz gemacht. Aber ihn zum Nachdenken gebracht. „Ich nehm’ das mit“, sagt er, was wie eine Floskel klingt, aber keine sein muss. Seehofer hat immer dieses Talent, Leuten tief in die Augen zu schauen und den Eindruck zu geben, dass er sich ehrlich mit ihnen befasst. Als Minister konnte er das immer schon, und auch als VdK-Chef. An der Tür humpelt ihm noch ein altes Mutterl in den Weg. „Viel Glück und viel Segen“, wünscht sie ihm und lässt seine Hände nicht mehr los.

In der Autowerkstatt schauen ihn die ölverschmierten Lehrlinge erst an, als flöge ein Ufo zur Tür rein, bald aber fachsimpeln sie über Lehre, Jobs, Arbeitsmarkt. „Mehr Gradlinigkeit“, verlangt der Juniorchef, und jetzt schaut Seehofer wirklich wie ein Ufo. Das mit den Studiengebühren verstehen sie in der Werkstatt gar nicht, die Wende hin zur Abschaffung. Warum um Himmels willen er den Studenten die Beiträge erlassen hat? „Über den neuen Meister-Bonus redet’s nicht?“, kontert Seehofer. Den habe er doch damals noch nicht gekriegt, klagt der Junior.

In der Gärtnerei gibt’s für den Regierungschef ein Lehrstück in Globalisierung und Heimat. „Mir richten grad Edelweiß her“, erzählt ihm Seniorchef Wolfgang Bauer: „Des geht nach Meran, da verkaufen sie’s den Touris.“ Als ein Stück original Südtiroler Heimat. Seehofer lacht, zupft an einer Blüte.

In der Zwischenzeit spricht sich im Dorf wie ein Lauffeuer herum, dass ein Promi da ist: „Da Seehofa!“ Er versteckt sich ja auch nicht, sondern setzt sich einfach auf die Holzbank vorm Wirtshaus an der Hauptstraße. Was selbst die resolute Wirtin verdutzt: „I muaß erst abputzen. – Oh! Jetzt hockt der scho!“ Er hockt, er bleibt hocken und schaut vergnügt zu, wie überraschte Autofahrer ihn erkennen und in die Eisen steigen. Wie ein Kipper-Fahrer ihm zuruft, dass „de Maut a guade Sach“ ist.

Und wie sich die Wirtin Marianne Bösl an ihm abmüht. Sie wischt um ihn herum. Ein Weißbier bringt sie dann unaufgefordert, es ist ja jetzt immerhin schon elf Uhr vormittags. „Naaaa, I muaß noch arbeiten“, wehrt er ab. „Na servus!“, schimpft sie ihn und verschwindet in der Küche. Sie kommt aber bald mit der nächsten Flasche zurück: „Des is jetzt a Leichtes, Herr Seehofer.“ Er kapituliert. „Sie san fei ganz schee....“, setzt er an, das Wort „stur“ geht aber unter, weil grad der Holzlaster vorbeirattert.

Sie haben dann eh eine ziemliche Gaudi miteinander. Die Wirtin holt nämlich den Glasrahmen mit den gesammelten Polit-Autogrammen von der Wand im Saal. Waigel ist da noch drin, Strauß, und ein Jugendfoto von Angela Merkel mit Topffrisur. Die neue Autogrammkarte muss sofort auch mit rein, deshalb hilft Seehofer persönlich beim Umordnen. „Oh, jetzt ist der Beckstein rausgefallen“, ruft sie. „So war’s ja auch“, antwortet er trocken.

Der Brauereichef schaut noch eilig auf der groben Holzbank vorbei, der Vizebürgermeister auch. Wäre der erste Rathauschef nicht grad auf Wallfahrt, würden sie jetzt wahrscheinlich doch noch mit dem Goldenen Gästebuch angerannt kommen. Es ist deswegen auch wieder Zeit für den Rückweg. Seehofer schlendert zurück zum Marktplatz. „Mahlzeit“, ruft er unterwegs einer jungen Blonden mit Wurstsemmel zu, und sie wird rot.

Richtig angeschnauzt hat ihn jetzt keiner, was nicht dran liegt, dass sich die selbstbewussten Tittinger nicht trauen würden. Manche haben sich weggedreht, andere nicken ihm zu, aber wollen kein Gespräch, die meisten waren herzlich. Repräsentativ ist das nicht, doch Seehofer kennt es weit schlimmer, als er noch Bundesgesundheitsminister war und den Leuten die Kuren gestrichen wurden. „Da war a andre Stimmung.“ Es sind Zeiten, die er nicht wiederhaben will.

Die zwei Limousinen kommen langsam angerollt. In drei Minuten wird wieder Ruhe sein im Dorf Titting, wo sie jetzt viel neuen Gesprächsstoff haben. Die resolute Wirtin ruft Seehofer noch freundlich zu, er soll gern mal wiederkommen. Aber sich vorher anmelden.

Christian Deutschländer

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