Krisengipfel und Umzugspläne

Seehofer will Loewe-Pleite verhindern

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München/Kronach - Der Kampf um Loewe läuft. Mit einem Krisengipfel in der Staatskanzlei schaltet sich die Politik in die Rettung ein. Wenn der Traditionsbetrieb schließt, sieht es düster aus in Kronach. Notfalls sollen Beamte aushelfen.

Schönfärberei kann man den Herren der bunten Bilder nicht mehr vorwerfen. Es drohe „der Tod auf Raten“, teilte das Loewe-Management jüngst düster mit. Der traditionsreiche Hersteller teurer TV-Geräte müsse „radikal umgebaut“ werden, so die schonungslose Selbst-Analyse, sonst sei die Insolvenz unvermeidbar.

Zwischen Tod und Radikalreform – jetzt wird gezittert im oberfränkischen Kronach. 800 Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Loewe war vor zwei Wochen unter gerichtlichen Gläubigerschutz geschlüpft. Drei Jahre tiefrote Zahlen waren das Ergebnis der Strategie, sich auf den Verkauf von Premium-Geräten über den schrumpfenden Fachhandel zu beschränken. Eine neue Ausrichtung muss her. Vielleicht gibt es günstigere Loewe-Geräte bald sogar im Media-Markt.

Vorerst aber bleiben nur drei Monate Zeit, um frisches Kapital aufzutreiben – sonst muss die Insolvenz folgen. Immerhin ist ein Partner gefunden. Der chinesische Elektronikkonzern Hisense kooperiert bei Einkauf, Produktion, Entwicklung und Vertrieb. Der Loewe-Aktienkurs schoss umgehend um 30 Prozent nach oben. Hisense allerdings ist bisher kein Investor. Geld wollen die Chinesen nicht liefern, auch der japanische Branchenriese Sharp nicht, der 13 Prozent an Loewe hält.

Hinter den Kulissen hat sich die oberste Ebene der Politik in Bayern eingeschaltet. Ministerpräsident Horst Seehofer lud dem Vernehmen nach am Dienstag zu einem vertraulichen Krisengipfel in die Staatskanzlei. Strukturpolitisch nämlich wäre Loewes Ende fatal für Oberfranken. Jobs sind dort knapp. „Es wäre eine Katastrophe“, sagt Kronachs Bürgermeister Wolfgang Beiergrößlein. Diskret wird mit den Banken, allen voran der Deutschen Bank, darüber verhandelt, die Kreditlinien zu verlängern.

Die Staatsregierung lotet aus, wie sie helfen kann. „Ich bin mit dem Vorstand seit längerem in engem Kontakt“, sagt Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP). Die Hisense-Partnerschaft, von ihm mit vermittelt, sei ein „Meilenstein – im Moment ist Loewe ein ganzes Stück mehr von der Insolvenz entfernt“. Eine Staatsbürgschaft oder gar Hilfen sind derzeit offiziell kein Thema. Zeil klingt da aber nicht kategorisch, sagt nur: „Für andere Aktionen, etwa staatliche Finanzierungshilfen, sehe ich in der momentanen Situation keinen Anhaltspunkt.“

Vorbild für Loewe-Schritte könnte die Quelle-Rettung 2009 sein. Damals hatte Seehofer ein Maßnahmenpaket für die Region Fürth geschnürt, darin Straßenausbau und höhere Fördersätze. Gegen parteiinterne Widerstände drückte er auch einen staatlichen Notkredit an das Versandhaus durch. Quelle hat die 50 Millionen Euro inzwischen mit Zinsen zurückgezahlt. Seehofer hält sich zumindest eine Staatsbürgschaft auch bei Loewe im Extremfall offen: „Wir überlegen uns, in welcher Form wir helfen können.“ Man lasse „nichts unversucht“. Seehofer hebt hervor, dass Loewe „erstklassige Technologie“ biete.

Er plant sogar ein Paket an Behördenverlagerungen nach Franken. Ende nächster Woche will er intern einen Entwurf sehen, welche Stellen in Nordbayern angesiedelt werden können. Am 13. August tagt dann ein Kabinetts-Ausschuss zu dem Thema, wohl sogar in Kronach. „Unabhängig vom Fall Loewe entwickeln wir Gedanken, welche strukturellen Unterstützungen wir für Kronach geben können“, bestätigte Seehofer unserer Zeitung. Er verlangt von jedem Ressort Ideen.

Das könnte direkte Auswirkungen auf Oberbayern haben: Gut informierte Kreise rechnen unter anderem mit einem Teilabzug der Finanz-Fachhochschule aus Herrsching. Am Ammersee werden Bayerns Finanzbeamte in einem Internat ausgebildet. Bis zu 200 Ausbildungsplätze für Studenten – bisher sind es 1100 in Herrsching und eine kleinere Außenstelle in Kaufbeuern – könnten nach Kronach ziehen. Im Nachbarlandkreis Hof werden ja bereits die Verwaltungsschüler ausgebildet. Die Boomregion Oberbayern könne den Teil–umzug verkraften, heißt es. Seehofer sagt: „Herrsching ist eine der Möglichkeiten.“

Dort hatte der Freistaat gerade erst 15 Millionen Euro in einen Anbau gepackt, drei Lehrsäle und 120 Betten für die Beamten-Schüler. Die Hoffnung war, dass die immer wieder herumgeisternden Gerüchte über eine Verlagerung nach Franken so vom Tisch wären. Kronachs Bürgermeister Beiergrößlein bietet indes an: „Wir haben Grundstücke, wir haben Gebäude, wo verschiedene Behörden ansässig werden könnten.“

Christian Deutschländer

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