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Auf dem Dach ihres Ministeriums: Die junge Ärztin Melanie Huml (38) kümmert sich um Gesundheit und Pflege.

Es ist still um Melanie Huml

Was macht eigentlich Seehofers Gesundheits-Ministerin?

München - Bayern hat seit Herbst eine Ministerin nur für Gesundheit und Pflege. Die junge Ärztin Melanie Huml baut ein neues Ministerium auf. Bisher gelingt ihr das in aller Stille. Kann sie das auch lauter?

Die Damen und Herren Minister blicken nobel auf Hofgarten, Odeonsplatz, Nationalmuseum. Vor Melanie Humls Fenster: die hässlichen Dächer des Arabellaparks. Ihr Büro zieren ein unförmiger Multifunktionsdrucker, eine traurige Zimmerpflanze und ein Plakat über das Wesen des Buchenwaldes. Selten sind in Amtszimmern Protz und Prunk so fern wie im Büro der neuen Ministerin für Gesundheit und Pflege. „Ja. Mei. Funktional“, sagt Huml. Und lässt keinen Zweifel: Ihr ist das völlig wurscht.

Das hier ist eh nicht das Amt des Schönen und Edlen, sondern die Lobbystelle für Kranke und Alte. Die junge Ministerin hat im Herbst das Ressort bekommen. Eitelkeit wirft ihr niemand vor. Für sie muss sich aber allmählich die Richtung entscheiden: Wird sie eine starke Ressortchefin oder folgt sie vielen Jung-Ministern in die Versenkung?

Vor ein paar Jahren schien die Sache noch recht klar. Ins glücklose Kabinett Beckstein stolperte Huml 2007 als Arbeits-Staatssekretärin – ein Proporz-Posten für eine junge Frau aus Oberfranken, fachlich so sinnfrei wie Becksteins Personalauswahl oft. Den alternden Regenten „reitet der Jugendwahn“, maulten eifersüchtige Abgeordnete. Die 32-Jährige mit Dienstwagen und Fahrer sehe aus, als bringe Papa seine Tochter zur Schule, spöttelte die „SZ“. Heimlich fing sich Huml „Biene Maja“ als Spitzname ein, weil sie auch so lieb mit den Augen klimpert. Nett halt.

Sie klimpert jetzt weniger, Sprüche über sie sind seltener. Huml, inzwischen 38, hat sich im Kabinett langsam vorgearbeitet. Als sie 2008 als Staatssekretärin ins Ressort für Umwelt und Gesundheit wechselte, fiel angenehm auf, dass sie ja vollapprobierte Ärztin ist. Es waren lustige Jahre. Der fachfremde Markus Söder machte Riesenwirbel um sein „Lebensministerium“. So viel, dass eines Tages sogar ein Glastisch unter seinem Temperament zerbarst. Muss ein Materialfehler gewesen sein. Huml blieb still, lernte von ihm, jammerte nie, und hätte seine blutende Hand fachgerecht verarzten können.

Söder zog weiter, Huml blieb. Seit Oktober ist sie Chefin, bei erschwerten Umständen: Ihr Ministerium ist neu erfunden aus Gesundheit und Pflege. Mit Umweltminister Marcel Huber muss sie sich ein Haus teilen. Als Amtschefin wurde ihr eine Personalerin aus der nicht immer für glückliche Personalien bekannten Staatskanzlei hingesetzt. Alle 250 Mitarbeiter, bis hin zur Registratur, müssen besetzt werden. Das ist schwieriger, als ein gut geöltes Ministerium zu übernehmen.

Huml hat auch privat viel um die Ohren. Sie ist eine junge Mutter – sie war die erste Schwangere im Kabinett –, rast oft spät die 231 Kilometer nach Bamberg zurück, um nachts beim Kleinen zu sein. Einen „Familientag“ am Wochenende will sie freihalten. „Ich war nicht die erste berufstätige Frau, die Mutter wird“, sagt Huml knapp. Sie lernte bald, welches Rad vom Kinderwagen sie abschrauben muss, damit er notfalls in den Dienst-BMW passt.

Das klappt; doch die Außenwirkung fehlt. Um Huml ist es leise geblieben. Sie höre viel und genau zu, loben Gesprächspartner. „Aber aus Bayern kommen schon lang keine Akzente mehr“, klagt ein Ärztefunktionär. Er erinnert verträumt an die Ära, als Christa Stewens mit starken Beamten in Bayern Gesundheit verantwortete. Das ist auch die Zielvorgabe von Ministerpräsident Horst Seehofer: Er hat seine Ministerien parallel zu jenen im Bund zugeschnitten, ein weißblaues Schattenkabinett, das weit vor der nächsten Wahl 2017 bundesweit röhren soll.

Huml kennen nur 29 Prozent der Bayern, das ist ein Drittel Söder. Ihr Glück: Auch den Bundesgesundheitsminister kennt kaum einer, dem Vernehmen nach ist es der frühere CDU-General Hermann Gröhe. Huml sagt, sie setze sich „sehr klar“ mit ihm auseinander, trieb ihn zuletzt im Streit um Hausarzt-Honorare zur Eile: „Das macht man dann nicht unbedingt gleich über die Medien.“

Was man über die Medien macht, wird sich noch einpendeln, sie hat jetzt einen erfahrenen Journalisten als Sprecher. Per Pressemitteilung warnte Huml zuletzt, Kinder sollten Haushaltsreiniger nie mit bunter Limo verwechseln. Dicken riet sie, mehr Obst statt Diät-Pillen zu futtern. „Weg mit dem Speck ohne Anstrengung gibt es leider nicht.“ Braucht’s für diese Erkenntnis Minister? „Unser Ministerium ist ganz nah am Menschen dran“, sagt Huml.

Auf Dauer wird das nicht reichen. Bayerische Ressortchefs müssen unmittelbar für die Umsetzung ihrer Politik einstehen. Schafft es Huml also, den Wegzug der Landärzte in Bayern zu stoppen? Sie will das bestehende Förderprogramm aufbohren, auch Kinderärzte (und damit Familien) fördern. Wird sie ein klares Ja oder Nein zu einer Pflegekammer sagen? Sie zögert. Bringt sie Ordnung in die zerstrittenen oberfränkischen Abgeordneten im Landtag, die gern über sie lästern? „Wir wissen uns zu schätzen und kennen die Eigenheiten voneinander“, untertreibt sie.

Nebenbei zieht sie mit den 250 Mitarbeitern im Sommer um. Das Ministerium mietet ein eigenes Haus. Bei der bescheidenen Aussicht bleibt sich Huml treu. Das neue Büro liegt am Ostbahnhof.

Von Christian Deutschländer

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