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Immer unter Beobachtung: Peer Steinbrück und Horst Seehofer – beide genießen das Rampenlicht. Und beklagen sich über unfaire Berichterstattung von Journalisten.

Eine Analyse

Seehofers Medien-Schelte: Der Frust der Politiker

München - Er lässt nicht locker: Horst Seehofer beklagt erneut den Umgang der Medien mit Politikern. Einigen Kollegen spricht er damit aus dem Herzen. Doch nicht nur Journalisten haben sich geändert – es ist das ganze System. Politiker eingeschlossen.

Es geht schon auf Mitternacht zu, als Peer Steinbrück den ersten Weißwein bekommt. Es ist der Abend vor Aschermittwoch. Der SPD-Spitzenkandidat sitzt in einem Hotel in Vilshofen, wo er morgen vor 5000 Leuten reden soll. Draußen schneit es heftig. Steinbrück hat sich von Berlin nach Niederbayern gekämpft. Jetzt gewährt er den Journalisten kleine Einblicke in seine Seele. Es sind Gespräche, aus denen man eigentlich nicht zitieren darf. Das sind leider oft die interessantesten. An diesem Abend wird mit jedem Glas Weißwein deutlicher, wie sehr Steinbrück an der Berichterstattung über ihn verzweifelt. Das Rennen ums Kanzleramt scheint schon Monate vor der Wahl verloren. „Irgendwann, wenn das alles vorbei ist, sollten wir mal eine breite Debatte über das Verhältnis von Journalisten und Politikern führen“, sagt er.

Wer könnte was in einer Großen Koalition werden?

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Inzwischen ist alles vorbei. Und Steinbrück hat sich unlängst in der „Zeit“ den Frust vom Herzen geredet. Die breite Debatte aber blieb aus. Wenn man genau ist, hat Steinbrück den Journalisten schon mit dem Stinkefinger auf dem Titelblatt des Magazins der „Süddeutschen Zeitung“ gezeigt, was er von ihnen hält. Jetzt aber bekommt er Unterstützung von unerwarteter Seite. Horst Seehofer. Ein Wahlsieger, der schon mehrfach mit dem ZDF aneinander geraten ist. Nun äußert sich der CSU-Chef im „Spiegel“-Interview grundsätzlich. „Es gibt einen Qualitätsverlust in manchen Medien. Und die Herabsetzung von Politikern und Parteien nimmt zu“, sagt Seehofer.  Auslöser ist das umstrittene Interview des „heute-journal“ mit Sigmar Gabriel (wir berichteten). Aber Seehofer meint die Medienlandschaft insgesamt. Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ beispielsweise, die einen Artikel über ihn mit „Crazy Horst“ überschrieb. „Für mich ist da eine Grenze überschritten.“

Das Internet verändert den Journalismus, aber auch die Politik

Schon immer haben sich Politiker als Opfer einer Kampagne gesehen. Neu ist in Zeiten des Internets, dass darüber offen diskutiert wird.  Da wäre Rainer Brüderle, den der „Stern“ mit einem ein Jahr alten Zitat von der nächtlichen Hotelbar erledigte. Die FDP fühlte sich von Journalisten insgesamt verfolgt. Auch der bayerische SPD-Spitzenkandidat Christian Ude, selbst Journalist, schimpfte im Wahlkampf über ungerechte Behandlung.

Den größten Frust aber schob Peer Steinbrück.  Das zeigte sich nicht nur im Februar in Vilshofen. Nils Minkmar, Feuilleton-Chef der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, hat den Kandidat während des Wahlkampfes begleitet. „Der Zirkus“ lautet der passende Titel seines Buches (S.-Fischer-Verlag, 17,99 Euro). Es ist ein spannender Einblick in die Absurditäten des modernen Wahlkampfes, in dem ein Kandidat mit seinem Tross in einer Blase durchs Land hetzt. Ein kleines Team unter maximaler Beobachtung. Minkmar deckt auf, wie schlecht die SPD organisiert war, aber er zeigt auch, welches Zerrbild zuweilen entstand. Steinbrück wurde nicht mehr über seine Inhalte wahrgenommen, sondern durch Äußerungen über fünf Euro teuren Pinot Grigio oder das zu niedrige Kanzlergehalt. Die einen Journalisten recherchierten wegen einer angeblichen Farm Steinbrücks in Namibia, andere schnüffelten in der neuen Wohnung, bevor die Steinbrücks einzogen. Der Kandidat verzweifelte daran.

Hat sich der Journalismus wirklich so verändert?

Doch ist das neu? Hat sich der Journalismus wirklich so verändert? Schon Helmut Schmidt, heute immerhin „Zeit“-Herausgeber , schimpfte über die „Wegelagerer“. Helmut Kohl über „Gesinnungsjournalisten“. Von Oskar Lafontaine stammt der Begriff „Schweinejournalismus“. Mitunter wurden so große Skandale aufgedeckt. All diese Begriffe stammen aus einer Zeit vor dem Internet. Dieses hat den Journalismus verändert und vor allem das Tempo erhöht, aber auch den politischen Betrieb: Politik ist in Zeiten von Sozialen Medien transparenter denn je. Jede Koaltionsverhandlung wird von außen im Live-Ticker verfolgt, zugleich twittern Politiker aus dem Innersten der Macht. Im Wahlkampf läuft die Maschinerie noch erhitzter: Jede Nebensächlichkeit verbreitet sich in Windeseile – ein Artikel mit der Überschrift „Crazy Horst“ wird tausendfach geteilt. Gleiches gilt für Versprecher und andere Peinlichkeiten. Man kann das alles ernst nehmen – was im Netz zu Shitstorms führt. Oder mit Humor. Inzwischen hat der politische Betrieb mit der „heute-show“ sogar eine Satiresendung mit journalistischem Anspruch. Beim FDP-Parteitag am Wochenende wurde der Mitarbeiter der Sendung gar auf die Bühne gebeten.

Doch durch das Netz verändert sich nicht nur die journalistische Arbeit. Sie wird auch in Foren, Blogs und Netzwerken stärker hinterfragt. Beispielsweise die Rolle der „Bild“ im Fall Christian Wulff. Erst schrieb die „Bild“ Wulff systematisch nach oben, um ihn dann genauso systematisch aus dem Amt des Bundespräsidenten zu befördern. Ein cholerischer Anruf bei Chefredakteur Kai Diekmann fand seinen Weg in die Öffentlichkeit. Jetzt steht Wulff vor Gericht. Eher wegen eine Lappalie. Und plötzlich stellte sich Diekmann vor Wulff. Der sei „bestraft genug“. Im Netz wird das alles genau begleitet.

Das alles hat nur am Rande mit Journalismus zu tun. Es sind gesellschaftliche Veränderungen. Seehofer hat sie schon eifrig ausgenutzt. Nicht nur bei der CSU-Weihnachtsfeier mit seinen Schmutzeleien. Zu seiner „Facebook“-Party kamen so gut wie keine Gäste – nur Journalisten, die tagelang darüber berichteten. Beschwert hat er sich nicht.

Von Mike Schier

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