Hans Reichhart , knapp halb so alt wie die Junge Union.

Junge Union feiert ein Jubiläum

Seehofers Nachwuchs wird 70

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München – Vor ein paar Tagen bekam die Öffentlichkeit, wohl aus Versehen, einen kleinen Einblick in die Folterkammer der Jungen Union. Es war Minuten vor der Listenaufstellung der CSU für die Bundestagswahl, da schwor JU-Chef Hans Reichhart seine Delegierten ein, für junge Kandidaten zu kämpfen.

Wann zu klatschen sei. Neben wen sie sich setzen sollen, neben ältere Delegierte, um sie bei der Stimmabgabe zu beeinflussen. „Setzt euch nicht nebeneinander!“ Und, falls es jemand wage, sich auf der Liste vor die jungen Kandidaten zu schieben: „Wenn einer reingeht, machen wir den platt!“

Üblicherweise werden solche Kommandos im Hinterzimmer gegeben, diesmal war keines frei. Reichharts schroffe Ansage ist aber eh nicht überraschend. Die Parteijugend, die am Wochenende ihr 70-jähriges Jubiläum begeht, ist ein Machtfaktor in der CSU und weiß das zu nutzen. Ihre Delegierten sind zwar nicht in der Mehrheit, aber gut organisiert. Die meisten Berufspolitiker in der CSU wissen, dass sie ohne die 24 000 jungen Wahlkampf-Helfer selber Plakate kleben und Facebook-Logarithmen lernen müssten.

Reichhart, 34, führt den Landesverband seit Oktober 2013. Auf den ersten Blick ist er einer aus dem CSU-Nachwuchs, den man unterschätzen würde. Der Familienvater tritt freundlich auf, schaut bubenhaft aus, selbst die schwäbische Heimatzeitung nannte ihn lange „Hansi“. Das klang niedlicher, als angemessen ist. Der promovierte Jurist – früher Richter und Staatsanwalt – zeigt in der Politik klare Kante. An die JU-Spitze kam er nach kurzem harten Kampf gegen Katrin Albsteiger, die gern im Amt geblieben wäre. In der CSU unterstützte er einen scharfen Kurs im Flüchtlingsstreit, notfalls auch gegen die Bundes-JU, also Merkels Nachwuchs. In den Landtag kam er mit dem besten Listenergebnis in Schwaben, sicherte sich einen Sitz im Innenausschuss.

Ungewöhnlich war auch sein Vorpreschen in der Debatte ums Gymnasium. Als erster Verband verlangte die JU die Rückkehr zum G9 – unabgestimmt, Parteilinie war im Januar noch die Lobpreisung des G8. Reichhart hatte den richtigen Riecher – ein Vierteljahr später war das G9 beschlossen. „Wir sind in der Lage, Debatten anzustoßen und zum Ende zu führen“, sagt Reichhart. „Antreiber sein, Mut haben, nach vorne schauen“, rät er dem Verband.

Parteichef Horst Seehofer hat den G9-Ablauf genau registriert. In diesem Fall passte ihm das in die Planung. Er pflegt das Verhältnis zu den Jungen auffällig, nimmt sich Zeit, oft stundenlang. Wenn er am Samstag aus China zurückkommt, übernächtigt vermutlich, führt ihn sein Weg gleich zur JU-Jubiläumsfeier in München. Von Reichharts Leuten kommen dafür derzeit kaum Querschüsse. „Gute, konstruktive Arbeit“ bescheinigt ihm Seehofer. „Mir ist die JU aufmüpfig genug. Ich will jetzt nicht fordern, noch revolutionärer zu werden.“

Die ganz großen Revoluzzer waren in der JU ohnehin selten. Fast alle Landeschefs machten Karriere im CSU-Establishment: darunter Theo Waigel, Otto Wiesheu, Max Streibl, Markus Söder, Manfred Weber. Die Netzwerke, die im Verband früh gepflegt werden, tragen Jahrzehnte lang. „JUler unterstützen JUler“, sagt Reichhart knapp. Quereinsteiger in der CSU, die gar nicht die JU durchliefen, tun sich meist schwerer.

Reichhart ist im Verband derzeit unangefochten. Die Wunden der Kampfabstimmung 2013 sind verheilt. Seine Bekanntheit wächst, erste Journalisten schreiben seinen Namen richtig. Eine erneute Landtagskandidatur 2018 gilt trotz fehlendem Stimmkreis als chancenreich. Bei der Listenaufstellung neulich brachte die JU übrigens jeden ihrer Kandidaten durch. Niemand musste platt gemacht werden.

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