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PR-Pannen: Seehofer bei der Pressekonferenz in der Hotelbar.

Das PR-Desaster in Russland

Seehofers Sprecher-Problem

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München - PR-Desaster in Russland: Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer spricht mit Journalisten am liebsten selbst - auf der Moskau-Reise geht das schief.

Es ist der Moment, in dem aus einer schwierigen Reise eine verkorkste wird. Horst Seehofer sitzt auf dem Podium eines Moskauer Fünf-Sterne-Hotels. Die ganze Reise über hat er die Botschaften auf wenige Sätze reduziert. Bei der Abschluss-Presserunde aber redet er und redet. Mehr als eine Stunde lang. Frage um Frage. Irgendwann lässt die Konzentration nach, der CSU-Chef nennt Putins Zurückhaltung in der Flüchtlingsfrage „nobel“. Er spricht von „Schießereien“ in der Ukraine. Der Deutsche Botschafter in Moskau, der in der ersten Reihe sitzt, schaut drein, als würde er gleich platzen.

Es ist ein PR-Desaster. Daran sind nicht immer die Politiker schuld, sondern auch ihre Sprecher. In brisanten Situationen beschränken Profis die Zeit für Nachfragen. Notfalls ein sanfter Tritt unter dem Tisch. Seehofers Regierungssprecherin Daniela Philippi sitzt nur daneben. Und rührt sich nicht. Genau so, wie Seehofer es mag.

Regierungssprecher genießen andernorts den Rang eines Staatssekretärs, sie prägen die Außenwirkung der kompletten Regierung. Wenn es gut läuft, sind sie enge Vertraute des Chefs, in alle relevanten Vorgänge eingeweiht und genießen das Vertrauen der Politikjournalisten. Bei Kanzlerin Merkel gehörten früher Ulrich Wilhelm und jetzt Steffen Seibert zum Küchenkabinett.

Seehofer aber hält den Zirkel der Vertrauten um sich sehr klein. Im Parlament wird Alfred Sauter dazugezählt, die Familien sind befreundet. In der CSU-Zentrale gilt das für Sprecher und Büroleiter Jürgen Fischer. In der Staatskanzlei ist es nur die loyale, extrem einsatzbereite Amtschefin Karolina Gernbauer. Für sie ändert Seehofer sogar Gesetze, um sie zur „Staatsrätin“ befördern zu können, einen Titel, den es bis 2015 gar nicht gab.

Der Rest der Mitarbeiter läuft unter Seehofers Radar. Für Philippi bedeutet das: In strategische Fragen wird sie kaum eingebunden, weiß wenig und mag noch weniger sagen. Journalisten fragen sie kaum noch Heikles, maulen über die „Presseschweigerin“. Selbst bei Kleinigkeiten gibt es Ärger: Kurz vor der Kreuth-Klausur, auf der Seehofer von einer Grippe angeschlagen einen Schwächeanfall erlitt, hatte Philippi auf Nachfrage verkündet, der Chef sei kerngesund. Ob Notlüge oder Unwissenheit – die Folge ist wachsendes Misstrauen der Medien. Für Seehofer könnte das mal zum Problem werden.

Doch der 66-Jährige hat seine Motive: Unter Edmund Stoiber wirkte es manchmal so, als hätten die Beamten der Pressestelle die Macht über den Ministerpräsidenten gewonnen. Er wirkte wie ferngelenkt. Statements aus internen Sitzungen wurden durchgestochen, ehe sie gefallen waren. Seehofer, damals CSU-Vize, ärgerte das tierisch. Als eine der ersten Amtshandlungen räumte er damit auf: Er entschied sich 2009 für Philippi, die die Landespolitik im BR-Hörfunk leitete und von Kollegen gemocht wurde. Eine ruhige, nicht arg politische Figur.

Dass sie sich nicht einmischt, schätzt er noch heute. Obwohl sie die Altersgrenze überschritt, heuer das 68. Lebensjahr erreicht, ließ Seehofer den Vertrag auf der B6-Stelle (gut 100 000 Euro brutto im Jahr) verlängern. Auf Reisen bleibt sie lieber bei Seehofer als bei Journalisten. Der spricht mit Medien eh lieber selbst.

In Moskau aber läuft fast alles schief: Schon bei der ersten Pressekonferenz gibt es Ärger. Seehofer sitzt in einer dunklen Bar auf einem beigen Sofa. Die Kameras filmen von oben, wie er im Sitz kauert. Am Dach gäbe es ja eine Terrasse mit spektakulärem Blick zum Roten Platz. Aber Seehofer berichtet bleich im Scheinwerferlicht über sein Treffen mit Putin.

Pressesprecher haben mehrere Aufgaben: den Chef in gutem Licht darstellen. Kritische Berichte vorab wittern und wenn möglich abfedern. Und: den politischen Spin vermitteln. Gerade wer Seehofers verwinkeltes Handeln verstehen will, braucht Erklärungen. Wenn überhaupt, liefert die Seehofer selbst. Für Berichterstatter ist der ungefilterte Zugang, den er ab und zu gewährt, zwar gut. Er erklärt auch manch Kerniges, von keiner PR-Abteilung glattgebügeltes Zitat. Ist er aber nicht greifbar, gibt es bei der Interpretation in der Staatskanzlei eine Leerstelle. Und Seehofer fühlt sich mal wieder unverstanden.

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