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Horst Seehofer am Dienstagabend in einem Raum der Münchner CSU-Zentrale beim Treffen mit Wählern.

Welche Themen ziehen?

Seehofers Wahlkampf: Diskreter Testlauf in der Arena

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In kleiner Runde testet Horst Seehofer seine Wahlkampf-Planung. Welche Themen ziehen? Noch Wut auf Merkel? Ist die Obergrenze aktuell? Bei einem Treffen mit Wählern im Nebenzimmer saugt der CSU-Chef Stimmungen auf.

München – Die Arena soll cool aussehen, aber sie ist es nicht. Zwei Stunden tigert Horst Seehofer über den runden Flecken Teppich in der Mitte des Raumes, die Luft ist stickig und warm, Fragen und Nachfragen prasseln auf ihn ein. Die Frager sitzen vorne, hinten, überall, sie rufen dazwischen. Er schwitzt, der Hemdkragen saugt sich voll, das Mikrofon streikt. Der CSU-Chef, bald 68, hat den Wahlkampf noch nicht mal eröffnet, bekommt aber schon einen Vorgeschmack: Es wird höllisch anstrengend.

Dienstagabend, in einem Nebenraum der Parteizentrale im Münchner Norden: In einer nicht groß beworbenen Runde aus 150 teils zufälligen, teils geladenen Gästen will Seehofer in der Pfingspause ein paar Themen für den Wahlkampf antesten. Hinter ihm liegen fast aberwitzig anmutende zwei Jahre des Streits um die Flüchtlingspolitik und schließlich der Versöhnung. Vor ihm liegen 100 Tage bis zur Bundestagswahl. In seinen Schubladen hat Seehofer Umfragen, die ihm Auskunft zum Befinden der Bayern geben. Er zieht das direkte Gespräch vor. „Redet’s einfach so, wie ihr glaubt, dass es richtig ist“, bittet er, zückt Stift und Zettel.

Alle sind gekommen: Vom Blindenhund bis zu den Stichwortgebern

Runden wie diese ziehen immer Menschen mit Partikularinteressen an. Der Blindenhund ist da, die Handballfunktionäre fragen nach dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die Diabetiker nach Schulproblemen. Ein paar brave Stichwortgeber sitzen auch im Raum. Spannender sind die unangenehmen Besucher. Einer mit Baseballkappe, eben spontan her geradelt, insistiert immer wieder: „Warum werden illegal eingereiste Asylbewerber mit Sozialleistungen versorgt, während arme Rentner Flaschen sammeln müssen? Warum sollen wir Sie für so was mit der Wiederwahl belohnen?“

Die CSU würde das Thema Asyl derzeit gerne runterdimmen, die Differenzen zur CDU sind noch groß. Seehofer wird Fragen wie dieser aber wohl auf keinem Wahlkampftermin entgehen. Also erzählt er vom Dreiklang „Humanität, Integration, Begrenzung“, notiert Beifall nach allen drei Einzelpunkten. „Unbegrenzte Zuwanderung schafft Unfrieden“, sagt er, zählt die Konfliktfelder „Wohnungen, Pädagogen, Sicherheit, Finanzfragen“ auf. „Wir sind nicht das Sozialamt für die ganze Welt, das schaffen wir nicht.“ Auch das Zoffthema Obergrenze tippt er an. „Wir kämpfen noch um die Begriffe“, berichtet er von den Treffen mit Merkel, zuletzt stundenlang am Sonntag.

Kein einziges kritisches Wort über Merkel fällt

Der Mikrokosmos im CSU-Nebenraum zeigt aber den Stimmungswandel der letzten Monate. Viel Beifall gibt es auch beim Thema Fluchtursachen-Bekämpfung, Afrika-Hilfe. Einer fragt, warum Bayern Arbeitserlaubnisse für geduldete Asylbewerber so restriktiv handhabt. Und noch etwas: Kein einziges kritisches Wort über Merkel fällt. Auch nicht von dem Herrn mit dem Fahrrad, auch wenn er nicht restlos überzeugt wirkt.

Nebenbei skizziert Seehofer Eckpunkte des Wahlprogramms. Der Schwerpunkt soll innere Sicherheit sein. „Opferschutz vor Datenschutz“ bei der Verbrechensbekämpfung, Nutzung auch der (Lkw-)Mautdaten. Für im Ausland lebende Kinder soll das Kindergeld gekürzt werden („Der Lebensstandard in Rumänien ist eben ein anderer“). In der Flüchtlingspolitik dringt die Union unter anderem auf den Schutz der Außengrenzen Europas. Den Wohnungsbau will die Union staatlicherseits ankurbeln.

„Kaum ein Flecken ohne Schwierigkeiten“

Außenpolitisch soll Merkels Rolle als Stabilitätsanker gepriesen werden. „Diese wirre Welt, in der wir leben“, sagt Seehofer, „kaum ein Flecken ohne Schwierigkeiten.“ Zum US-Präsidenten erklärt er, „ich habe zu vielem, was Trump da von sich gibt, mindestens eine gleich kritische Meinung wie Sie – aber ich möchte vermeiden, dass wir in einen plumpen Anti-Amerikanismus abdriften.“ Strategisch legt er sich darauf fest, für die CSU im Bund das Innen- und das Landwirtschaftsressort greifen will.

Nach einer Stunde öffnen seine Mitarbeiter die Türen, frische Luft für den Chef. Nach zwei Stunden geht Seehofer schwitzend nach draußen. Aber noch nicht zufrieden. „Der Radfahrer! Wo ist der Radfahrer?“, ruft er seinen Leuten zu. Es wird wohl noch eine individuelle Nachbearbeitung geben.

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