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Rätsel um niedrige Todesrate in Shanghai – kein Sterben „mit Covid-19“?

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Von: Christiane Kühl

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Nach einem negativen Corona-Test stehen Patienten Schlange zur Entlassung aus einem Quarantänezentrum in Shanghai
Endlich frei: Nach einem negativen Corona-Test ist der Aufenthalt im Quarantänezentrum von Shanghai für diese Patienten zu Ende. © Uncredited/CHINATOPIX/AP/dpa

Die Zahl der Corona-Toten im abgeriegelten Shanghai ist bislang erstaunlich niedrig. Das liege an einer besonders strengen Auslegung, berichtet die Nachrichtenagentur AP.

München/Shanghai – Die Shanghaier Behörden legen einem Bericht zufolge sehr enge Maßstäbe an, wenn es um Todesfälle im Zusammenhang mit einer Covid-19-Infektion geht. Das stellte die US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP) nach einer Untersuchung der Todesstatistik in der Metropole fest. Shanghai wies bis einschließlich Freitag offiziell gerade einmal 36 Todesfälle aus. Und das bei einem Corona-Ausbruch, der bereits gut 440.000 Infizierte zählt – und die Stadt dazu gebracht hat, einen strikten Lockdown zu verhängen und gigantische Isolierzentren mit insgesamt 160.000 Betten zu errichten. Dieser Lockdown schickt Schockwellen bis tief in die chinesische Wirtschaft hinein und verursachte bereits einen riesigen Schiffsstau vor den Shanghaier Häfen.

Doch kaum jemand stirbt an der Krankheit. Die Omikron-Variante ist hochansteckend, führt aber zu leichteren Verläufen. Dass die Todeszahlen daher geringer sind als etwa bei der Delta-Variante, ist also plausibel. Dennoch sind die chinesischen Zahlen erstaunlich. Auch in anderen Landesteilen stirbt derzeit kaum jemand an oder mit Covid-19, obwohl 87 der 100 größten Städte des Landes Covid-Beschränkungen verhängt haben.

In den meisten Ländern wird jeder Todesfall, bei dem Covid-19 ein Faktor ist oder zu dem die Infektionskrankheit beigetragen hat, als Tod im Zusammenhang mit Corona gezählt. So ist es auch in Deutschland. Aber in China werden laut AP in den Totenstatistiken nur jene aufgeführt, die direkt an Covid-19 gestorben sind.

Shanghai: Nur wer ausschließlich an Covid stirbt, kommt in die Statistik

Das schließt Patienten aus, deren Vorerkrankungen durch das Virus verschlimmert wurden. AP nennt das Beispiel einer 99-Jährigen, die in Shanghai starb, nachdem eine Covid-Infektion ihre bereits vorhandene Herzkrankheit und ihren hohen Blutdruck verschlimmert habe. Ärzte haben demnach die Angehörigen entsprechend informiert. In der Covid-Todesstatistik aber sei die Dame nicht aufgetaucht. Die AP-Journalisten gehen also davon aus, dass die tatsächlichen Todeszahlen deutlich höher sind. China habe seit Beginn der Pandemie so verfahren, zitiert AP zwei Experten, den Epidemiologen Zhang Zuo-Feng der University of Los Angeles sowie den Virologen Jin Dong-Yan von der University of Hongkong. Die niedrige Zahl sei daher kein Beweis für einen bewussten Versuch der Verschleierung.

Der politische Nutzen zu niedrig ausgewiesener Todeszahlen ist ohnehin ungewiss. In Shanghai gilt gerade die niedrige Sterberate als Ursache dafür, dass immer mehr Bürger die Sinnhaftigkeit des strikten Lockdowns in Frage stellen. Sie haben zunehmend mehr Angst vor den Isolierzentren als vor einer Infektion. Auch gibt es Ärger über die vielfach holprigen Nahrungsmittellieferungen durch die Behörden. Am Freitag meldete die Stadt knapp 18.000 Neuinfektionen, darunter 1930 Fälle mit Symptomen. Die allermeisten Menschen sitzen nach wie vor in ihren Wohnungen fest. Immerhin erlaubten die Behörden 666 wichtigen Unternehmen – darunter Tesla und Chinas größter Chiphersteller SMIC –, die Produktion wieder hochzufahren. Dazu müssen sich alle entsprechenden Mitarbeiter für jeweils mehrere Tage auf dem Firmengelände isolieren.

China: Zahlen für Neuinfektionen aufgeteilt in Symptomfreie und Kranke

Es gehört zu den Eigenheiten Chinas, die Zahlen für Infektionen und Kranke getrennt auszuweisen. In Shanghai und auch den anderen Städten ist die allergrößte Zahl der Neuinfektionen symptomfrei. Doch AP erfuhr nach eigenen Angaben aus drei Quellen, unter denen auch ein Gesundheitsbeamter sein soll, dass Shanghai nur jene Infektionsfälle als „symptomatisch“ eingestuft habe, in denen beim Röntgen eine Lungenentzündung festgestellt wurde.

Alle anderen Patienten werden als „symptomlos“ betrachtet, auch wenn sie positiv auf das Virus getestet wurden und andere typische Covid-Symptome wie Niesen, Husten oder Kopfschmerzen aufweisen. Die asymptomatischen Personen müssen in ein Quarantänezentrum umziehen, während Patienten mit Symptomen in ein Krankenhaus kommen. Das mag ein Grund für die enge Auslegung sein, denn ins Krankenhaus müssen eben nur Menschen mit schwereren Symptomen.

Shanghai: Sehr hoher Anteil asymptomatischer Fälle

Shanghais ungewöhnlich hoher Anteil an asymptomatischen Fällen unter den gemeldeten Covid-19-Infektionen könnte teilweise durch verschwommene Grenzen zwischen „leicht symptomatischen“ und asymptomatischen Fällen erklärt werden, erläuterte Anfang April die Nachrichtenagentur Reuters. Shanghai zählte demnach zum Beispiel am 7. April mehr als 20.000 neue Fälle, wobei die asymptomatische Rate bei etwa 97 Prozent lag – und damit weit höher als anderswo auf der Welt, wo sie näher bei 50 Prozent liege.

Shanghai argumentiert stets, dass die hohe Zahl an symptomlosen Infektionen mit den umfassenden und wiederholten Massentests zusammenhänge. Die Rätsel lassen sich wohl nicht kurzfristig auflösen. Fest steht derzeit nur eins: Der Lockdown in Shanghai geht vorerst weiter. (ck/mit dpa)

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