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Shanghaier Bürger verärgert über Lockdown-Chaos und Null-Covid – ausreisewillige Deutsche können nicht raus

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Von: Christiane Kühl

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Die ersten Betten im Quarantänezentrum vom National Exhibition and Convention Center in Shanghai sind fertig. Darüber hängt ein rotes Banner mit chinesischen Schriftzeichen: „Unterstützt uns und wir werden gewinnen“
Willkommen in Shanghais größtem Quarantänezentrum: Im National Exhibition and Convention Center ist Platz für 40.000 positiv Getestete sein. „Unterstützt uns und wir werden gewinnen“ steht auf dem Banner. © Ding Ting/Xinhua/Imago

Noch immer harren die Shanghaier im Lockdown aus. Es gibt zunehmend Ärger in der Bevölkerung über die strikte Null-Covid-Politik. Auch die Deutschen in der Stadt werden zunehmend nervös.  

Update vom 11. April 2022, 13.20 Uhr: Menschenleere Straßen, holprige Lebensmittellieferungen, Berichte über ausgesetzte und getötete Haustiere – und dazu die stetige Angst, bei einem positiven Coronatest in eines der riesigen Isolierzentren gebracht zu werden: Das Leben in Shanghai* ist derzeit keine Freude. Da ist selbst der kleinste Hoffnungsschimmer etwas wert. Am Montag kündigte die Stadt an, die Wohngebiete der Wirtschaftsmetropole ab sofort in drei Risikokategorien unterteilen. Quartiere, die 14 Tage keine Neuinfektionen verzeichnen, dürften als sogenannte „Präventionsgebiete“ ein wenig lockern, sagte der stellvertretende Generalsekretär der Stadtregierung, Gu Honghui.

Das bedeutet: Ein paar ausgewählte Lebensmittelgeschäfte und Läden dürfen öffnen, die Anwohner dort einkaufen. Ihr Viertel dürfen sie aber nicht verlassen, und sie müssten sich an Isolations- und Abstandsregeln halten. Der Anreiz zur Vorsicht ist dabei groß: Bei einer Neuinfektion geht die Tür sofort wieder zu. Gu hat immerhin 7565 Wohnanlagen als solche Präventionsgebiete identifiziert, etwa 43 Prozent aller Wohnquartiere in der Stadt. Shanghai werde das neue System dynamisch anpassen, sagte Gu. Auch versprach er größere Anstrengungen, um die Auswirkungen der Beschränkungen auf die 26 Millionen Einwohner zu minimieren. „Ich denke, die Regierung in Shanghai gibt damit zu, dass sie nicht weiter abriegeln und gleichzeitig sicherstellen kann, dass ihre Bürger nicht verhungern“, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters einen Nutzer der Social-Media-Plattform Weibo.

Hunger war in Chinas reichster Stadt seit Jahrzehnten kein Thema. Der Schock der Bürger über den chaotisch gemanagten Lockdown sitzt daher tief. Vor allem Jüngere haben genug von der Null-Covid-Politik der Zentralregierung. Menschen sind in ihren Wohntürmen völlig abhängig davon, ob in ihrem Wohngebiet die Essenslieferung funktioniert – was längst nicht überall der Fall ist. Manche brüllen Ärger und Hunger aus dem Fenster. Auf sozialen Medien kursierte vergangene Woche das Bild eines umgedrehten leeren Kühlschranks auf dem Balkon eines Hochhauses. Auch zirkulieren Videos, die Streits verärgerter Bürger mit Sicherheitsleuten, Proteste und sogar Plünderungen zeigen.

China: Sorge vor Lockdown in anderen Landesteilen wächst

Ein Abrücken von der Präsident Xi Jinping* persönlich zugeschriebenen strikten Null-Covid-Politik Shanghai ist trotz allem nicht in Sicht. Zumal die Fallzahlen für chinesische Verhältnisse weiter hoch sind. Shanghai meldete am Montag über 26.000 Neuinfektionen, davon 916 Betroffene mit Symptomen. Deren Zahl liegt im Verhältnis trotz einer Steigerung über das Wochenende weiter niedrig. Und immerhin gut 11.000 Menschen konnten nach Daten vom Samstag die gefürchteten Quarantänezentren wieder verlassen.

Unterdessen befürchten Bürger in anderen Teilen Chinas*, dass auf sie ähnlich strenge Maßnahmen zukommen – auch wenn die Beamten versuchen, die Öffentlichkeit zu beruhigen. So mussten sich die 18 Millionen Einwohner von Guangzhou im Süden – der drittgrößten Stadt Chinas und ebenfalls eine wichtige Wirtschaftsmetropole – wegen einer Handvoll lokaler Fälle bereits Massentests unterziehen. Auch wurden Grund- und Mittelschulen in den Online-Unterricht geschickt.

Lokale Medien berichten in Guangzhou bereits von Panikkäufen. In sozialen Medien kursieren Tipps zum Haltbarmachen von Gemüse und was man unbedingt im Haus haben sollte, falls man in ein Quarantänezentrum geschickt wird. Anders als im Westen kaufen die meisten Chinesen täglich auf dem Markt frisch ein. Der in Shanghai quasi über Nacht verhängte Lockdown erwischte daher viele Menschen praktisch ohne Vorräte, mit Ausnahme von Reis.

Shanghai im Lockdown: Die Anspannung steigt

Erstmeldung vom 7. April 2022: München/Shanghai – Der Lockdown in Shanghai geht in seine zweite Woche. Ein Ende ist vorerst nicht in Sicht. Die Anspannung in der Stadt nimmt daher zu, auch unter Ausländern. Nicht unbedingt aus Angst vor der Omikron-Variante, sondern wegen des Eingesperrtseins – in der Wohnung, in der Stadt, in China. Immer wieder wurden in den letzten Tagen ein großer Teil der ohnehin wenigen planmäßigen Flüge aus Shanghai gecancelt, da das Bodenpersonal wegen des Lockdowns nicht zu den Flughäfen gelangte. Auch die Lufthansa musste deswegen mehrere Flüge nach Deutschland streichen. 

Eine kleine Gruppe Deutscher hatte daher diese Woche eine Petition an das Generalkonsulat der Bundesrepublik in der Metropole mit dem Aufruf aufgesetzt, sich für eine Verbesserung der Lage einzusetzen. Sie wollen aus dringenden Gründen wie Krankheit oder Tod Angehöriger China verlassen, aber sitzen fest. Noch bevor aber die Petition überhaupt eingereicht wurde, organisierten die Diplomaten des Konsulats am Donnerstag nach Informationen von Deutschen in Shanghai zur Beruhigung zwei Online-Sessions, in denen sie die Probleme ansprachen: ausgefallene Flüge, fehlende Erreichbarkeit der Airlines und des Konsulats, keine Transportmöglichkeiten zum Flughafen oder die Schwierigkeiten, Ergebnisse der nötigen PCR-Tests im vorgeschriebenen Zeitfenster zu bekommen.

Shanghai: Neues Quarantänezentrum im Aufbau

Der Fall zeigt die wachsende Nervosität der Ausländer wegen Chinas Null-Covid-Maßnahmen, vor allem im abgeriegelten Shanghai. Die Menschen – Einheimische wie Ausländer – waren von dem kurzfristig angekündigten Lockdown überrascht worden. Hatten sie doch erwartet, dass die als effizient geltende lokale Bürokratie die Lage managen könne. Der Plan war gewesen, einen Lockdown mit allen Mitteln zu vermeiden. Aber trotz der Abriegelung verschiedener Viertel explodierten die Fallzahlen, der Lockdown wurde doch angeordnet, dann verlängert – und nun kämpft die Lokalregierung damit, frische Lebensmittel an alle Bürger zu liefern. Die Menschen dürfen ihre Wohnungen nur für die Corona-Massentests verlassen oder in Notfällen mit einer Sondergenehmigung.

Corona-Lockdown in Shanghai: Der Stillstand der Handelsmetropole könnte globale Folgen haben
Corona-Lockdown in Shanghai: Der Stillstand der Handelsmetropole könnte globale Folgen haben © dpa

Am Mittwoch hatte die Stadt angekündigt, ein weiteres Messezentrum in die dann größte Isolierstation Shanghais umzufunktionieren – mit Kapazitäten für mindestens 40.000 positiv Getestete ohne Symptome. Shanghais Nachbarprovinzen Zhejiang und Jiangsu stellten weitere 60.000 Betten für Menschen bereit, die aus der Metropole zur Quarantäne überstellt werden. Daraus und aus offiziellen Äußerungen der letzten Tage geht hervor, dass die Behörden eine sich weiter verschlechternde Lage erwarten.

Aus dem bislang größten Quarantäne-Zentrum mit 15.000 Betten kursieren bereits abschreckende Berichte und Videos auf sozialen Medien. „Es gibt eine große Angst, zu einem der zentralen Quarantänezentren geschickt zu werden“, sagte Bettina Schön-Behanzin, Vorsitzende der EU-Handelskammer in Shanghai, am Mittwoch auf einem Webinar der EU-Kammer in China (EUCCC). In manchen Zentren reiche das Personal nicht aus. „Dort werben sie Patienten an, etwa um Essen zu verteilen.“

Shanghai: Fallzahlen steigen auf neue Rekorde – ist der lokale KP-Chef in Gefahr?

Positiv Getestete ohne Symptome stellen nach wie vor die große Mehrheit der Fälle in der Hafenstadt. Von den am Donnerstag gemeldeten neuen Höchststand von knapp 20.000 Neuinfektionen in Shanghai galten nur 322 Betroffene als erkrankt. Insgesamt verzeichnete China 23.000 neue Fälle. Über 70 Städte in China sind nach Angaben der EUCCC aktuell von Ausbrüchen und Einschränkungen betroffen.

Die Mehrheit der Chinesen akzeptiert zwar weiterhin grundsätzlich die harte Null-Covid-Politik. Doch auch lokale Shanghaier beschwerten sich über plötzliche und schlecht kommunizierte Maßnahmen. Die Trennung positiv getesteter Kinder von negativ getesteten Eltern musste die Stadtregierung aufgrund von Protesten wütender Anwohner bereits wieder weitgehend zurücknehmen. Manche Beobachter mutmaßen bereits, dass Peking wegen des phasenweisen Chaos in der Stadt* den Shanghaier KP-Chef Li Qiang absetzen werde – und damit den mächtigsten Politiker der Stadt.

Chinas Null-Covid-Politik: Viele Ausländer zermürbt

Nach zwei Jahren ohne Heimaturlaub zerrt derweil das Gefühl des Eingesperrtseins und die Aussicht auf einen weiteren Sommer in China an den Nerven vieler Ausländer, die dort arbeiten. Wegen der strikten Einreisebestimmungen der Volksrepublik mit langer Pflichtquarantäne für alle Ankömmlinge reisen vor allem Familien mit Kindern nicht zum Heimaturlaub aus — weil sie sonst bei der Rückkehr drei Wochen Quarantäne in einem zugewiesenen Hotelzimmer durchziehen müssten, vor allem für kleine Kinder eine Tortur. Auch Dienstreisen ins Ausland machen unter diesen Bedingungen keinen Sinn. Den Firmen fehlen dadurch zum Beispiel Ingenieure, die normalerweise regelmäßig einfliegen, um die Maschinen an den chinesischen Standorten warten.

China wird als Arbeitsplatz für Ausländer dadurch immer weniger attraktiv. Die Zahl der sogenannten „Expatriates“ – Mitarbeitende ausländischer Familien, Organisationen oder Botschaften sowie deren Familien – sinkt nach Angaben der EU-Kammer zum Leidwesen der Firmen seit Beginn der Pandemie Anfang 2020 stetig. Die Lage in Shanghai dürfte da wenig hilfreich sein.

Shanghai: Fahrt zum Flughafen nur mit Sondergenehmigung

Einer der wenigen, der am Donnerstag aus Shanghai herausfliegen konnte, ist Ingo Matter. Er landete am Mittag in Singapur. Sein eigentlich gebuchter Flug nach Paris sei gestrichen worden, erzählt der Deutsche, der mit Sitz in Shanghai einen internationalen Motorsport-Rennstall betreibt. Er ergatterte dann das Ticket nach Singapur, von wo aus er nach Paris weiterreisen kann. Neben seinem Flug nach Singapur war am internationalen Flughafen von Pudong für den Donnerstag nur ein einziger weiterer internationaler Flug angezeigt, der internationale Terminal war menschenleer.

„Auf dem Weg zum Flughafen Pudong waren wir das einzige Auto auf der Straße“, sagt Matter. Nur über Bekannte habe er von einem Fahrdienstunternehmen erfahren, das eine der wenigen Sondergenehmigungen für Fahrten zum Flughafen besaß. Taxis und U-Bahn fahren nicht. „Es ist schon surreal“, sagt Matter. Als er den für die Einreise nach Singapur nötigen PCR-Test machen musste, fuhr Matter mit dem eigenen Wagen in die Klinik. Dafür brauchte er eine Sondererlaubnis und wurde an der Strecke zweimal kontrolliert, zum Beispiel, ob die Gesundheits-App auf seinem Smartphone weiterhin grün sei. Bei Gelb und Rot drohen Sofort-Test und Quarantäne.

Shanghai: Je kleiner das Wohnquartier, desto besser die Versorgung

Matter wohnt mit Frau und Sohn in einer relativ kleinen Wohnanlage, in der die Lieferung von Nahrungsmitteln durch das Nachbarschaftskomitee gut geklappt habe. Er selbst und seine Familie seien daher entspannt gewesen. Doch er hat Bekannte in größeren Quartieren, in denen das Management für die Versorgung der vielen Bewohner nicht genug Mitarbeitende habe. Die Gesellschaft in Shanghai spalte sich, hat Matter festgestellt. „Jüngere zweifeln die Härte der Maßnahmen inzwischen stärker an, während die Älteren eher linientreu bleiben.”

Linientreu, das heißt: Sie unterstützen die harte Null-Covid-Politik Chinas, die selbst bei wenigen Fällen mit Lockdowns und Massentests reagiert. Erst vergangene Woche hatte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua betont, Staatschef Xi Jinping* persönlich habe diese Politik entworfen. Damit ist sie praktisch unantastbar – trotz Omikron. Einen anderen Weg wählt Taiwan. Dort kündigte Gesundheitsminister Chen Shih Chung am Donnerstag ein Ende der Null-Covid-Politik an. Man müsse lernen mit dem Virus zu leben, sagte Chen im Parlament in Taipeh. (ck) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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