Räumung am Hauptbahnhof - das war der Grund

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Vitali Klitschko wurde zum großen Star der Sicherheitskonferenz.

Sicherheitskonferenz

„Ohne Kampf gibt es keinen Sieg“

München – Für 24 Stunden rückt München ins Zentrum der ukrainischen Staatskrise. Vitali Klitschko wird zum großen Star der Sicherheitskonferenz. Die Aufmerksamkeit ist gigantisch. Doch sein Trip nach Bayern zeigt vor allem, wie mühsam Diplomatie sein kann.

Die Revolutionäre müssen sich gedulden. Eine Stunde schon warten sie vor der Bühne am Sendlinger-Tor-Platz auf ihren Helden. Sie schwenken ihre blau-gelben Fahnen und recken ihre Plakate mit Protesten gegen das Osteuropa-Geschäft der Deutschen Bank nach oben. Immer wieder rufen sie „Ehre der Ukraine“. Inzwischen hat der Exil-Chor zum dritten Mal gesungen, der örtliche Bischof der ukrainischen Kirchengemeinde seinen Segen erteilt und mit Arsenij Jazenjuk, immerhin ehemaliger Außenminister seines Landes, ein erster prominenter Redner aus der heimischen Opposition gesprochen. Aber alle warten nur auf den anderen.

Vitali Klitschko lässt am Samstagmittag auf sich warten. Der ehemalige Boxweltmeister, der statt in Deutschland seinen Reichtum zu genießen lieber auf ukrainische Barrikaden klettert, absolviert an diesem Wochenende ein absurdes Programm. Am späten Freitagabend kommt er in München an. Was für ein Kulturschock: 24 Stunden zuvor hatte er noch nach Mitternacht das inzwischen berühmt gewordene Folteropfer Dimitri Bulatov in einer Klinik besucht. Nun steht er plötzlich im Blitzlichtgewitter vor dem Luxushotel „Bayerischer Hof“. Von den gewaltsamen Straßenprotesten der Verzweifelten direkt in die Zirkel der Mächtigen – in die Welt der Manschettenknöpfe, wo man sich gerne die Initialen auf die gestärkten weißen Hemden sticken lässt.

Selbst einen Politprofi würde ein solcher Spagat vor gewaltige Probleme stellen. Dabei ist Klitschko auf dieser Bühne Amateur – er hat vor ein paar Jahren noch im Ring gestanden. Oder Werbung für Milchschnitte gemacht. Inzwischen ist aber er zum Sprachrohr der Opposition, zum Hoffnungsträger eines ganzen Landes, geworden. 2006 kandidierte er mal für das Amt des Oberbürgermeisters von Kiew und holte immerhin 29 Prozent. Aber das hier in München ist nochmal eine andere Liga.

Als Klitschko schließlich mit einer Stunde Verspätung am Sendlinger Tor eintrifft, hat er schon ein Höllenprogramm hinter sich. Wenn er durchs Foyer im Bayerischen Hof läuft, schiebt sich eine dicke Traube um ihn herum. Jeder will ein Interview, wenigstens ein paar Worte erhaschen. Tiefgang kann man da nicht erwarten. Schon gar keine Lösung für die komplexen Probleme seines Landes.

Oben, wo die Presse nicht hinkommt, findet die eigentliche Arbeit statt. Jenseits des Podiums, auf dem die großen Grundsatzreden der Sicherheitskonferenz gehalten werden, finden diesmal etwa 250 bilaterale Gespräche in angemieteten Suiten statt. Etliche davon drehen sich um die Ukraine. Als Klitschko am Sendlinger Tor auf die Bühne klettert, hat er schon mit UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier diskutiert. Ob die ihm mehr zugesagt haben als symbolische Unterstützung?

Der Hoffnungsträger wirkt jedenfalls schon etwas abgehetzt. Er fängt auf Ukrainisch an, dann aber bringt ihn der Übersetzer durcheinander. Also macht er auf Deutsch weiter. „Wir sind Europäer“, ruft der 42-Jährige – geschichtlich, geografisch, bald auch politisch. „Die Ukraine hat Riesenpotenzial. Wir warten schon lange Zeit, dass Reformen kommen.“ Jetzt könne man einfach nicht mehr warten, ruft der Boxer. „Ich weiß besser als jeder andere: Ohne Kampf gibt es keinen Sieg – deswegen müssen wir kämpfen. Und wir werden siegen.“ Dann hebt er seine Faust zum kämpferischen Gruß. Nach dreieinhalb Minuten ist alles vorbei. Klitschko schiebt sich im Kamerapulk von der Bühne. Gibt noch ein paar kurze Interviews. Dann rast er zurück ins Luxushotel. Dort warten US-Außenminister John Kerry und eine Delegation des US-Kongresses auf ihn.

Am späten Nachmittag folgt dann der große Auftritt auf dem Podium. Es ist der einzig offizielle. Und so kühl Klitschko im Boxring gewesen sein mag, hier ist es mit der Abgeklärtheit vorbei. Man sieht seine Anspannung an kleinen Gesten. Er kauert fast im Sessel, den Kopf auf die Faust gestützt, er schwitzt. Vor ihm spricht der ukrainische Außenminister Leonid Koschara, Typ freundlicher, prowestlicher Staatsmann. In großer Gelassenheit und formidablem Englisch erläutert Koschara, dass man doch alle Forderungen der Opposition erfüllt habe. Aber dass es nun problematisch sei, wenn sich Radikale unter die Demonstranten mischten. „Molotowcocktails zu werfen und Ministerien zu besetzen, ist kein friedlicher Protest mehr“, sagt er. Und ohne die Stimme zu erheben, vergleicht er Teile der Demonstranten mit den Nazis.

Den Zuhörern stockt der Atem. Außenpolitik-Konferenzen können sehr langweilig sein, wenn aus staatstragenden Floskeln die Wichtigkeit tropft und rückstandslos verdampft. In diesem Moment aber ereignet sich Weltpolitik in München, wo sich Regierung und Opposition eines am Abgrund stehenden Landes in die Augen sehen.

Klitschkos Finger trommeln auf die Lehne des Sessels, die andere Hand umklammert das Manuskript. Als er endlich das Wort erhält, setzt er an zu einer fünfminütigen pathetischen Erklärung auf Deutsch. „Wir Ukrainer haben geträumt, ein stabiles und modernes Land zu werden. Wir haben geträumt. In dieser Zeit haben unsere Nachbarländer viel geschafft.“ Die Demonstrationen seien ein Ruf nach Reformen, gegen das Regime von Terror und Gewalt. „Wir müssen jetzt etwas machen, bevor es zu spät ist.“ Klitschko holt Broschüren mit schockierenden Fotos von verletzten Demonstranten und Übergriffen aus Kiew auf die Bühne, verteilt sie. Koschara blickt die blutigen Bilder regungslos an.

Herzlicher, langer Applaus – eine seltene Geste der Wehrkundler im Saal – trägt Klitschko von der Bühne. Der 42-Jährige wirkt erschöpft. Man sieht es ihm an.

Die Szene steht im krassen Gegensatz zu jener vom Vormittag: Da saßen nicht die ukrainischen Konkurrenten auf dem Podium, sondern die Supermächte im Hintergrund. Hier der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Nato-Generalsekretär Anders Rasmussen. Dort der russische Verteidigungsminister Sergej Lawrow. Wer gehofft hatte, die russische Seite würde eine Woche vor Beginn der Olympischen Spiele in Sotschi ein wenig deeskalieren, wird in München eines Besseren belehrt. „Die Ukraine muss frei ihren europäischen Weg ohne ausländischen Druck einschlagen dürfen“, fordert Rasmussen. „Was hat das Aufwiegeln zunehmend gewalttätiger Proteste auf der Straße mit dem Werben für Demokratie zu tun?“, fragt Lawrow mit scharfem Unterton zurück.

Am Ende rührt sich nach Lawrows Rede kaum eine Hand im Auditorium. Die Kombattanten auf der Bühne geben sich pflichtschuldig die Hand. Doch während sich die Herren Ban Ki Moon, Rasmussen und Steinmeier gemeinsam nach rechts wenden, bleibt Lawrow alleine zurück und geht dann links von der Bühne. Symbolischer hätte sein Abgang nicht sein können. Immerhin gibt es kleine Erfolge. Das Folteropfer Bulatow durfte gestern ausreisen – am späten Sonntagabend verließ es Kiew in Richtung Riga. Eine Ausreise in die EU habe ihm sein ukrainischer Amtskollege Leonid Koschara zugesichert, sagt Steinmeier auf einem der Flure in München. Doch die großen Probleme bleiben ungelöst. Ex-Außenminister Arsenij Jazenjuk warnt in seinen Gesprächen immer wieder, die Regierung werde wahrscheinlich bald das Militär einsetzen. „Es reicht nicht, nur Gespräche zu führen, Solidarität zu zeigen. Das reicht nicht“, appelliert Klitschko immer wieder an den Westen. Doch genau dies plant man in der Bundesregierung. In Berlin hofft man, dass während der Olympischen Spiele ein wenig Ruhe einkehrt, die dann für Verhandlungen genutzt werden könnte. Tatsächlich sind Moskau während der Spiele die Hände gebunden. Die Lage in Kiew ist dagegen völlig unberechenbar. Kaum aus München zurück, ruft Klitschko am Sonntag zur Bildung von Bürgerwehren auf. Zugleich hat Präsident Viktor Janukowitsch das Krankenhaus verlassen und will heute wieder an seinen Schreibtisch zurückkehren. Beide Seiten haben die Lage inzwischen so weit zugespitzt, dass Kompromiss immer schwieriger werden. Auf Klitschko warten noch viele weitere Gespräche.

Kurz vor dem Rückflug am Samstagabend nach Kiew hatte ihn noch schnell Horst Seehofer in seine Suite 111 im Bayerischen Hof geholt, auf eine Tasse Tee und ein paar warme Worte. „Wie halten’S das denn alles durch, die Leistung ist ja übermenschlich“, sagt der Ministerpräsident. Klitschko antwortet ganz knapp: „Ohne Fleiß kein Preis.“

Mike Schier und Christian Deutschländer

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