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Eine Warnung vom Chef: Horst Seehofer rät seiner angeschlagenen Christine Haderthauer zu einer anderen Krisenkommunikation – zu spät?

SPD: "Sie hat in Drachenblut gebadet"

Haderthauer zwischen Kritik und Spott

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Nürnberg - Die Modellauto-Affäre überschattet die große Wohltaten-Sitzung des Kabinetts in Franken. Ministerin Haderthauer klagt über „Hysterie“ gegen sich. Sie fühlt sich grob missverstanden: Ihre umstrittenen Geschäfte seien Idealismus.

Das Jubelfest hat noch nicht begonnen, da ist schon klar, dass es der Regierung komplett entgleitet. Von links marschieren Startbahngegner auf, sie trompeten ihren Protest über den Platz. Einer schwingt ein Transparent über uneheliche Kinder der Staatsregierung. Von rechts nähert sich eine laute Demo gegen die CSU-Asylpolitik. In der Mitte steht Horst Seehofer mit Polizeischutz und hört Fragen über Polit-Affären, die er nicht hören mag. „Ich habe nicht den Eindruck, dass hier irgendwas überschattet ist“, sagt er tapfer.

Nun ja: Eigentlich sollte es ein sonniger Tag werden, diese Kabinettssitzung in Nürnberg. Ein Jahr hatte die Staatsregierung im stillen Kämmerlein Pläne für 600 Millionen Euro ausgearbeitet, um Nordbayern zu unterstützen. Bis fast zuletzt klappte die Geheimhaltung, um einen wuchtigen Aufschlag zu erzielen. Jetzt dringt die Frohbotschaft aber kaum durch. Überlagert wird sie, mehr als von den Startbahn-Trompeten, von der Affäre um Seehofers Staatskanzleichefin.

Haderthauer geht in die Offensive

Mit einem kurzen, spektakulären Auftritt am Rande der Kabinettssitzung sorgt Christine Haderthauer für Aufsehen: Sie schaltet voll auf Attacke. „Die Empörungwelle und die Skandalhysterie der letzten Tage und Wochen wird in sich zusammenfallen“, prophezeit sie, klagt über „Gerüchte und Verleumdungen“. Und deutet die Modellbau-Affäre um: „Das war kein fragwürdiges Geschäftsmodell, sondern ein von Idealismus getragenes Engagement für psychisch Kranke.“

Der öffentliche Eindruck bisher ist anders. Haderthauer und ihr Mann Hubert, ein Landgerichtsarzt, waren jahrelang an einer Firma beteiligt, die Modellautos vertrieb, die vor allem ein psychisch kranker Straftäter in seiner Therapie bastelte. Der Lohn für ihn war niedrig, der Wert der Sammlerstücke explodierte auf bis zu fünfstellige Summen. Wo der Gewinn gelandet ist, interessiert die Staatsanwälte, die Steuer und einen früheren Geschäftspartner. Die Freien Wähler behaupten, dass allein bis 1995 ein Umsatz von 2,3 Millionen Mark gemacht worden sei. Ein inzwischen aktenkundiger Brief an einen Ex-Geschäftspartner legt zumindest nahe, dass es eine Millionensumme war, die als Umsatz angepeilt wurde. Dass die Opposition schäumt, versteht sich. Auch in der CSU gibt es aber breite moralische Zweifel am Geschäftsmodell.

Haderthauer: Enge Kontakte zu Dreifachmörder?

Zu unappetitlich sind die Details. Der fingerfertige Modellbauer nämlich ist ein hochgefährlicher Dreifachmörder, der seinen Opfern nacheinander verschiedene Körperteile abtrennte. Die Haderthauers schreckte das nicht. Sie hielten offenbar engen Kontakt. Er durfte schon mal den Knast verlassen und war zu Gast in der Haderthauer-Villa. Ob sie da auch zuhause gewesen sei, wisse sie nicht mehr, sagt die Ministerin heute, das war vor ihrer Polit-Karriere. Berichte, sie sei mehrfach mit dem Mörder Essen gegangen, ließ sie zunächst unkommentiert. Später dementierte sie die „ungeheuerlichen“ Gerüchte auf Ihrer Facebook-Seite. Sie sei nie mit dem Dreifachmörder Essen gewesen.

SPD: "Sie hat in Drachenblut gebadet"

Die Opposition reagiert verdutzt auf die Idealismus-These. „Haderthauer glaubt wohl, in Drachenblut gebadet zu haben“, spottet SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen. In Wahrheit sei es um „unverfrorene Selbstbereicherung“ gegangen.

Wogegen das Drachenblut hilft, ist fraglich. Ein Rücktritt, bedingt freiwillig, gilt als realistisches Szenario. Hochrangige Parteifreunde sind entsetzt von Haderthauers Krisenmanagement. Der politische Druck wird steigen. Ein Untersuchungsausschuss im Herbst, in dem nacheinander der Ministerpräsident und ein Dreifach-Mörder als Zeugen vernommen werden, dürfte lebhafte Schlagzeilen machen. Und falls die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zur Anklage führen, ist Haderthauers Demission logisch.

Das sagt Horst Seehofer

Nach der verhagelten Sitzung stellt sich Seehofer nicht vor seine ranghöchste Mitarbeiterin. „Ob sich der Verdacht erhärtet oder zerstreut wird, ist Gegenstand des Ermittlungsverfahrens“, sagt er sehr technisch. Indirekt fordert er, die emotionalen Kommentare auf Facebook, die Medienstatements und die Rundbriefe an Abgeordnete einzustellen. „Ich empfehle, dass sie gegenüber der Staatsanwaltschaft antwortet und sich darauf konzentriert.“ Auf Nachfrage nach ihren möglichen Treffen mit dem Mörder sagt er knapp: „Wenn etwas Neues auftauchen sollte, müsste das einer neuen Bewertung zugeführt werden.“

Im Politik-Jargon sind das deutliche Warnungen. Am Ende der Bescherung flüchtet Haderthauer fast aus dem Ministerium. Am Hinterausgang wartet ihr Dienstwagen mit laufendem Motor auf dem Behindertenparkplatz. „Ich habe alles gesagt“, ruft sie und lässt sich in Sicherheit bringen.

Von Christian Deutschländer

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