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Pflegerin Anca Marian am Bett einer Seniorin. Die Rumänin kommt im Heim-Alltag gut zurecht, Sprachprobleme hat sie nur manchmal, bei der komplizierten Dokumentation. „Wenn ich etwas nicht verstehe, frage ich Kollegen“, sagt sie.

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„Sie legen uns Steine in den Weg“

Unterföhring - Tausende Altenpfleger fehlen – der Notstand lässt Heimbetreiber verzweifeln. Viele setzen auf Kräfte aus dem Ausland. Wie schwierig ein Anerkennungsverfahren ist, zeigt der Fall der Rumänin Anca Marian.

Neulich kam wieder ein Brief von der Regierung. Anca Marian, 35 und Pflegefachkraft im Seniorenzentrum Unterföhring, öffnete ihn und stöhnte genervt auf. Nicht schon wieder. Die Behörde forderte sie auf, Lebenslauf, Abschlusszeugnis, Meldebestätigung vorzulegen. Dabei hatte sie das alles schon eingereicht. Seit neun Monaten arbeitet Anca Marian jetzt in dem Heim im Kreis München, sie kommt gut zurecht, die Bewohner mögen sie – doch die Bürokratie verfolgt sie immer noch.

Anca Marian stammt aus Rumänien. Dort hat sie als Arzthelferin und Krankenschwester gearbeitet, umgerechnet 200 Euro im Monat verdient. Zu wenig, um ihrem Sohn ein Studium zu finanzieren. Sie beschloss mit ihrer Familie nach Deutschland zu gehen. Sie dachte, das gehe einfach – so oft hatte sie gehört, dass hier dringend Pfleger gebraucht werden. Schätzungen gehen von 30 000 unbesetzten Stellen aus. Doch schnell merkte Anca Marian: Das wird kompliziert – obwohl ihre Ausbildung in Deutschland fachlich anerkannt ist.

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Die lebhafte Frau belegte mehrere Deutschkurse. Umsonst. Denn um als Rumänin in einem deutschen Heim arbeiten zu können, braucht sie das Zertifikat des Goethe-Instituts – andere Abschlüsse zählen nicht. „Aber das wusste ich nicht“, erzählt Anca Marian. Also lernte sie Deutsch, bis sie das vorgeschriebene Sprachniveau B 2 erreichte – Level „Fortgeschritten“. Das bedeutet, dass Radiosendungen verstanden werden müssen, komplexe Sachtexte. Anca Marian konnte am Ende Einzelteile eines Automotors beschreiben und über Architektur referieren. Pflegebegriffe standen nicht auf dem Stundenplan. „Ich wusste, was Auspuff heißt – aber kannte nicht das Wort für Bauchschmerzen.“ Inzwischen spricht sie fließend Deutsch, mit leichtem Akzent.

Die Sprache war nicht das einzige Hindernis. Allein die Zuständigkeiten sind schwer zu durchblicken: Das Anerkennungsverfahren für ausländische Pfleger führt die Bezirksregierung durch. Übergeordnet ist das Kultusministerium zuständig, nicht das Sozialministerium, bei dem das Thema „Pflege“ angesiedelt ist. Ein pauschales Anerkennungsverfahren, gegliedert nach Ländern oder Berufen, gibt es nicht: Geprüft wird jeder Einzelfall, heißt es bei der Regierung von Oberbayern.

Für die Verfahrensdauer gibt es eine Vier-Monats-Frist – doch auch die kann im Einzelfall überschritten werden. Für wartende Pfleger bedeutet das: weniger Verdienst. Solange sie nicht als Fachkraft anerkannt sind, dürfen sie zwar arbeiten – aber für ein geringeres Gehalt. Diese Übergangsfrist hat kürzlich das Sozialministerium eingeführt, auf Drängen der Heimträger, die an dem leergefegten Arbeitsmarkt fast verzweifeln.

Anca Marian ist genervt vom Papierkram. Doch anders als viele andere ausländische Pflegekräfte musste sie sich nicht alleine durch den Bürokratie-Dschungel kämpfen. Heimleiterin Anja Hannich und Heimbetreiber Bernd Meurer nehmen ihr die Formalien ab, besorgten ihr eine Wohnung, auch das ist Anerkennungsvoraussetzung. Zudem zahlt das Heim einer Agentur tausende Euro für die Organisation des Anerkennungsverfahrens. „Das ist ein Riesenmarkt“, sagt Heimleiterin Hannich. Und ein Riesenaufwand, um dem Personalnotstand Herr zu werden.

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Die Heimträger helfen sich weitgehend selbst: Meurer, Vorsitzender des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste e. V. (bpa), war extra nach Rumänien gefahren, um Pfleger anzuwerben – Anca Marian lernte er bei einer Infoveranstaltung kennen. Der bpa, der 8000 Einrichtungen vertritt, fordert: Pfleger müssen rekrutiert werden wie in den 50ern und 60ern die Gastarbeiter. Doch das politische Engagement vermisst man: „Das ist ein Augen-zu-machen“, findet der bayerische bpa-Chef Kai Kasri. Bis 2020 würden in Bayern 50 000 Pfleger fehlen.

Die bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) setzt auf Ausbildung: Neue Lehrstellen werden mit 3000 Euro gefördert, die Kampagne „Herzwerker“ soll junge Menschen für den Beruf begeistern. Kasri vom bpa meint: „Das reicht nicht.“ Und Anca Marian sagt: „Sie wollen uns, sie brauchen uns. Aber sie legen uns so viele Steine in den Weg.“

Von Carina Lechner

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