Vertrauensvoller Umgang: Anja Sturm (l.) vertritt Beate Zschäpe (Mitte). Jetzt wechselt die Anwältin die Kanzlei. people Picture

NSU-Prozess

„Sie hat den Tod meiner Tante in Kauf genommen“

München - Beim Münchner NSU-Prozess ging es am Dienstag um den Brand in Zwickau. Ex-Nachbarn bringen Zschäpe unter Druck – und die entscheidende Frage kam ausgerechnet von ihrer eigenen Anwältin.

Die Aussage der Zeugin ist schon fast vorbei, da hakt Anja Sturm nochmal nach. Es geht um die Explosion in der Zwickauer Wohnung, in der das mutmaßliche Terror-Trio des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) wohnte. Beate Zschäpe soll diese Wohnung in Brand gesetzt haben – obwohl sie wusste, dass Handwerker und eine 89-jährige Nachbarin im Haus waren. Die Anklage im NSU-Prozess wirft ihr versuchten Mord vor. Diesen Vorwurf gilt es nun für Anja Sturm und die zwei anderen Verteidiger Zschäpes zu entkräften.

An diesem Dienstag sitzt nun die Nichte der Nachbarin als Zeugin im Saal. Anja Sturm will wissen, ob sie ihre Tante am Tag der Explosion schon besucht hatte. „Wir wollten erst noch hin“, sagt die 64-Jährige. „Wir haben uns freitags meistens um drei, halb vier getroffen. Da gab es immer ein Kaffeetrinken.“

Ein Raunen geht durch den Saal. Ein regelmäßiges Treffen nebenan – ausgerechnet in dem Zeitraum, als die Wohnung explodierte? Das könnte zum Problem für Zschäpe werden. Es lässt die Möglichkeit, dass sie nicht wusste, dass jemand zuhause war, unwahrscheinlich wirken. „Jetzt hat sie sich ein Eigentor geschossen“, murmelt jemand. Anja Sturm hat ziemlich schnell „keine weiteren Fragen“. Doch der Vorsitzende Richter Manfred Götzl hakt nach: Was war das für ein fester Termin? Die zweite Nichte der Seniorin bestätigt: „Wir hatten immer freitags einen Kaffee-Klatsch.“

Anja Sturm konnte wohl nicht ahnen, dass die Antwort auf ihre Frage ihre Mandantin weiter unter Druck setzen würde. Doch es dürfte ihre Laune dieser Tage nicht verbessert haben: Am Wochenende war bekannt geworden, dass sie die Kanzlei wechselt und von Berlin nach Köln zieht. In ihrer bisherigen Sozietät habe es Kritik an der Übernahme des Zschäpe-Mandats gegeben, sagte sie dem „Tagesspiegel“. Ein Kollege habe gar von einem „Killermandat“ gesprochen. Sturm sei dem Bericht zufolge „sehr enttäuscht“. Offiziell ließ die Kanzlei verlauten, es handele sich um eine einvernehmliche Trennung. Sturm wird ab morgen in der Kanzlei von Wolfgang Heer arbeiten, der gemeinsam mit ihr und Wolfgang Stahl Zschäpe verteidigt.

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Der nachbarschaftliche Kaffee-Klatsch war am Dienstag nicht die einzige Information, die Zschäpe belasten könnte: Eine 18-jährige Nachbarin sagte aus, sie habe Zschäpe vom Tatort weglaufen sehen – „in jeder Hand eine Katzenbox“. Zudem, so berichteten es die Nichten, die die alte Frau aus dem brennenden Haus geholt hatten, habe Zschäpe gewusst, dass die 89-Jährige schlecht zu Fuß sei: „Sie hat sich ab und zu nach ihr erkundigt. Ich habe dann gesagt, dass es ihr nicht gut geht.“ Im Nachhinein, so sagte die 64-jährige Nichte, gehe sie davon aus, „dass die Frau den Tod meiner Tante in Kauf genommen hat“.

Die Dame, heute 91 Jahre alt und im Seniorenheim, wurde durch die Explosion obdachlos. Vom Verlust ihrer „Traumwohnung“ habe sie sich nicht mehr erholt: „Ihre Energie ist seitdem weg.“

Ann-Kathrin Gerke

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