Yakov Hadas-Handelsman Israels Botschafter in Deutschland

Israels Botschafter im Merkur-Interview

„Sie wollen die Welt in ein Emirat verwandeln“

München - Der Nahe Osten steht in Flammen. Nach der Katastrophe in Syrien könnte nun auch Ägypten in einen blutigen Bürgerkrieg abgleiten. Im Interview warnt Ykov Hadas-Handelsman, israelischen Botschafter in Deutschland, vor den Zielen der Islamisten in Ägypten und Syrien.

Herr Botschafter, in Ägypten ist der islamistische Präsident Mursi Geschichte. Wie sehr besorgen die Geschehnisse am Nil die Menschen in Israel?

Wir beobachten sehr genau, was dort passiert. Nicht nur Israel braucht ein stabiles Ägypten. Ägypten ist mit seinen rund 90 Millionen Einwohnern der führende Staat der arabischen Welt, es war immer eine gemäßigte Macht. Die Menschen dort brauchen Arbeit, etwas zu Essen, ihre Ehre. Leider gibt es riesige Schwierigkeiten.

Mursi und die Muslimbrüder haben die Hamas in Gaza unterstützt. Verbinden die Israelis mit der Rückkehr der Militärs an die Macht in Kairo mehr Hoffnungen oder mehr Befürchtungen?

Uns interessiert sehr stark die Sicherheitslage auf der Sinai-Halbinsel. Wir haben gehört, dass Terroristen einen ägyptischen Militärposten angegriffen haben. Und man hat offenbar versucht, Eilat mit Raketen anzugreifen. Das kommt wenig überraschend. Klar war: Wenn Mursi weg ist, würden islamistische Rebellen gegen das ägyptische Militär losschlagen. Ihr Ziel ist die Gründung eines Emirats.

Was muss in Ägypten jetzt geschehen?

Das Militär will die Macht möglichst schnell an eine zivile Regierung zurückgeben. Die Regierung muss alle Gruppen einbinden – ich hoffe, dass das gelingt.

Was ist schiefgelaufen in dem einen Jahr, in dem der Muslimbruder Mursi das Land regierte?

Man kann Demokratie nicht verordnen. Man kann nicht sagen: Okay, ab jetzt sind wir eine Demokratie. Demokratie ist keine „Instant-Mischung“, sondern eine Haltung. Demokratie ist mehr, als einen Stimmzettel in die Wahlurne zu werfen. Demokratie in den Köpfen: das dauert. Und dann stellt sich die Frage: Was macht man, wenn jemand die Demokratie nur als Werkzeug benutzt, um die Herrschaft zu erlangen? Und wenn jemand die richtige Bedeutung von Demokratie nicht versteht und sagt: okay, ich bin der Sieger, the winner takes it all? Dann funktioniert es nicht. Demokratie ist eben mehr als das Recht der Mehrheit über die Minderheit. Wer das nicht versteht, weil er keine Erfahrung hat, der hat ein Problem. In den Zeiten von Twitter können Sie eine Revolution von diesem Zimmer aus anzetteln.

Revolution in Ägypten, Krieg in Syrien, Umwälzungen im Iran. Wie muss man sich inmitten dieser brodelnden Region die Stimmungslage in Ihrem Land vorstellen?

Vielleicht können Sie jetzt etwas besser verstehen, was in den Köpfen der Israelis vorgeht, wenn sie fast tagtäglich hören, dass Iran Israel auf der Landkarte ausradieren will. Präsident Ahmadinedschad ist weg, aber das Regime setzt seine Anstrengungen zur Urananreicherung fort, jeden Tag kommt es seinem Ziel...

...der muslimischen Atombombe...

...näher. Wenn es nicht gezwungen wird, seine Pläne zu stoppen.

Ist der neue, als moderat und reformorientiert geltende Präsident Irans, Hassan Rohani, gesprächsbereit? Gibt es irgendwelche Signale?

Leider nein. Und was heißt denn überhaupt „moderat“? Rohani wurde vom religiösen Führer Ajatollah Ali Chamenei zur Kandidatur zugelassen. Er ist es, der im Iran in Wahrheit alle Entscheidungen trifft.

Was erwartet die Führung in Jerusalem von Deutschland und Europa?

Wir hoffen, dass sich nicht alle verführen lassen von der neuen Charmeoffensive aus Teheran. Wichtig ist nicht, was man sagt, sondern was man tut.

Wirken die Sanktionen?

Sie wirken, aber sie haben nicht ausgereicht, um Iran zur Einstellung seines Atomprogramms zu zwingen. Ich schließe nicht aus, dass Irans Machthaber ihre Politik ändern – denn ihr wichtigstes Ziel ist es, an der Macht zu bleiben, und die sich verschlechternde Versorgungslage gefährdet diese Macht. Aber sie müssen es beweisen, und zwar schnell!

Im Syrienkrieg wollen Großbritannien, Frankreich und die USA die Gegners Assads mit Waffen ausrüsten. Fürchten Sie nicht, dass sich diese Waffen eines Tages gegen Israel richten könnten?

Wenn es in Syrien eines im Überfluss gibt, dann sind es Waffen. Was fehlt, sind Nahrungsmittel für die Menschen, Bildung – und die Fähigkeit, dieses Massaker zu beenden. Innerhalb der Aufständischen gibt es Gruppen, die sich nicht zufriedengeben damit, Syrien von Assad zu befreien. Ihr Endziel ist ein islamisches Emirat. Sie geben keine Ruhe, bis die ganze Welt ein Emirat ist.

Ist Assad für Israel das kleinere Übel – sozusagen der Satan, den man kennt und deshalb weniger fürchtet?

Das ist eine berechtigte Frage.

Was soll der Westen tun?

Helfen, dass das Massaker beendet wird. Sehen Sie: Im syrischen Bürgerkrieg sind schon 100 000 Menschen gestorben, und die Welt schweigt. Längst handelt es sich nicht mehr um einen vorrangig politischen Konflikt. Dort tobt inzwischen ein Religionskrieg zwischen Schiiten und Sunniten, mit der syrischen Regierung, den Alawiten, Iran, Hisbollah, den Schiiten im Irak und der schiitischen Minderheit im Nord-Jemen auf der einen Seite und den Sunniten, Saudi-Arabien und Ägypten auf der anderen. Und man kann es auch als eine Form des kalten Kriegs sehen: Russland gegen Amerika und die Nato.

In Deutschland gibt es derzeit eine erregte Debatte über die großflächige Spionage der US-Dienste in Europa. Wie denkt man darüber im Frontstaat Israel?

Auch in Israel wird diese Debatte geführt. Wichtig scheint mir, dass extreme Haltungen vermieden werden. Zwischen dem Schutz der Bevölkerung vor Terror auf der einen und der Wahrung des Rechts auf Privatsphäre andererseits muss immer die richtige Balance gefunden werden.

Interview: Georg Anastasiadis

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