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Sigmar Gabriel führt seit fünf Jahren die SPD.

"Wir müssen dahin, wo es brodelt"

Sigmar Gabriel: Das ist sein Erfolgskonzept

Berlin - Er hat die SPD beruhigt, aber noch nicht gerettet: Ab Sonntag ist Sigmar Gabriel der am längsten amtierende Parteivorsitzende seit Willy Brandt. Die größte Prüfung steht ihm aber noch bevor.

Manchmal kommen die großen Auftritte ganz unverhofft. In der vergangenen Woche steht Sigmar Gabriel in Berlin auf der Bühne des Energieeffizienzkongress der Deutschen Energie-Agentur. Er hält eine eher routinierte Rede, als sich plötzlich ein paar Greenpeace-Aktivisten auf die Bühne drängeln.

„Klimaschutz braucht Kohleausstieg“, steht auf ihren Plakaten. „Regt Euch doch nicht auf, lasst die da doch stehen“, ruft Gabriel dem Sicherheitsdienst zu. Dann lädt er die Umweltschützer dazu ein, später mit zu einem Treffen mit Betriebsräten von Vattenfall zu kommen. „Traut Euch da doch auch mal rein!“

Und schließlich nimmt er jedes ihrer Argumente auseinander. So geht das eine Weile, bis die Sicherheitsleute doch aktiv werden. Gabriel ruft noch hinterher: „Wenn ich hier stehen muss – warum sollen die sich hinsetzen dürfen?“

In der SPD erzählen sie derzeit gerne diese Geschichte, wenn man nach dem Parteivorsitzenden fragt. Die SPD kommt ja nicht wirklich voran in den Umfragen. Nur 22 Prozent trauen ihr eine gute Wirtschaftspolitik zu. 7,8 Millionen Wähler hat sie seit dem rot-grünen Wahlsieg 1998 verloren. Aber dem Sigmar will das fast keiner in die Schuhe schieben.

Rhetorisches Geschick, souveränes Auftreten und Kenntnis im Detail

Fünf Jahre ist er nun im Amt. Am Sonntag hat er sich länger gehalten als alle seine Vorgänger seit Willy Brandt – die Platzecks, Becks, Engholms und wie sie alle hießen. Und wer nach dem Grund dafür fragt, landet schnell bei der Auseinandersetzung mit den Greenpeace-Aktivisten: rhetorisches Geschick, souveränes Auftreten und Kenntnis im Detail.

Wie er da neulich die Umweltschützer abledert, erinnert er an Gerhard Schröder in seinen besten Tagen. Beide haben viel gemein: Hemdsärmligkeit, der Aufstieg aus einfachen Verhältnissen, politischen Instinkt.

Fünf Jahre sind eine stolze Leistung, gerade weil Gabriels Weg nicht einfach war. Einst jüngster Ministerpräsident. Abgewählt und dann Popbeauftragter der SPD. Der Spitzname „Siggi Pop“ klebte lange an ihm. Ebenso das Image des Unbeständigen, des Vorlauten. Die SPD wieder mehrheitsfähig zu machen, das ist seine große Aufgabe. So wie es aussieht, könnte Gabriel 2017 Kanzlerkandidat werden. Einige Genossen meinen zwar, nicht ruhig schlafen zu können, wenn er Kanzler wäre. Aber kaum einem fällt ein anderer Name ein.

2009 beim SPD-Parteitag in Dresden riss er die Mitglieder nach dem Wahldebakel von 23 Prozent und Münteferings Rückzug von den Stühlen. Seither ist Gabriel im Amt. „Wir dürfen uns nicht in die Vorstandsetagen und Sitzungsräume zurückziehen“, rief er den Genossen damals zu. „Unsere Politik wirkt manchmal aseptisch, klinisch rein, durchgestylt, synthetisch. Wir müssen raus ins Leben, dahin, wo es laut ist, dahin, wo es brodelt, dahin, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt. Wir müssen dahin, wo es anstrengend ist, weil nur da das Leben ist!“

In diesem August stattete er dem Ortsverein Bochum-Hamme den zweiten Besuch binnen weniger Monate ab. Seine Frau interpretierte es als Drücken vor der Gartenarbeit. Aber der sonntägliche Ausflug von Goslar nach Bochum sagt viel über Gabriel. Der Vizekanzler ist seither Ehrenmitglied der kratzbürstigen Genossen, die Ex-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement aus der Partei drängten und auch Gabriel wegen der Rente mit 67 die Leviten lasen. „Wenn die Sozialdemokraten sich kümmern, dann haben sie auch Wahlerfolge“, meinte Gabriel nach der Stippvisite.

Wenn es nicht anders geht, übernachtet Gabriel in Berlin in der Vorsitzendenwohnung im Willy-Brandt-Haus. Aber nur dann. Sonst fährt er mit dem Zug nach Braunschweig, dann weiter mit dem Auto nach Goslar. Als Lebenstraum gab er bei seinem 50. Geburtstag mal an, Oberbürgermeister seiner Heimatstadt zu werden. Daraus wird wohl nichts.

Noch steht der 55-Jährige deutlich im Schatten von Schröder, Helmut Schmidt und Willy Brandt. Und wenn er 2017 scheitern sollte, wäre er denn weg? „Warum?“, fragt einer aus seinem engsten Umfeld. „Willy Brandt hat auch mehrere Anläufe gebraucht.“ Brandt war auch 23 Jahre Chef der ältesten demokratischen Partei Deutschlands. Gabriel ist zwar immer für Überraschungen gut. Aber die Marke wird er wohl kaum schaffen.

Mike Schier und Georg Ismar

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