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Die Kölner Polizei zeigte am Silvesterabend massive Präsenz am Kölner Hauptbahnhof

Erneut Aufregung am Silvesterabend

Warum kamen wieder so viele Nordafrikaner nach Köln?

Köln - Die Kölner Polizei war vorbereitet - und offenbar dennoch ein wenig überrascht: Zum Jahreswechsel hatten sich dort erneut hunderte Nordafrikaner versammelt. Warum?

Der Silvesterabend 2015 war - so viel steht fest - in Deutschland ein einschneidender Moment in der öffentlichen Wahrnehmung. Schuld waren die Geschehnisse rund um den Kölner Hauptbahnhof vor einem Jahr: Alleine rund 500 Anzeigen wegen sexueller Übergriffe hatten die Behörden abzuarbeiten, 1.200 Anzeigen insgesamt. 

Die Übergriffe haben Spuren hinterlassen: „Die Nacht von Köln hat inzwischen fast etwas Mythisches. Die Leute sagen ‚Köln‘ oder ‚Domplatte‘, und jeder weiß, was gemeint ist“, sagte der Münchner Soziologe Armin Nassehi vor dem Jahreswechsel 2016 der „taz“. Kein Wunder also, dass Köln auch an diesem Wochenende im Fokus stand: 1.500 Polizisten waren in die Innenstadt der Rheinmetropole entsandt worden.

„Mehrere hundert junge Nordafrikaner“ in Köln

Trotz aller Vorkehrungen der Behörden wiederholte sich zum Jahreswechsel 2017 zumindest ein Teil der Geschichte: Erneut seien „mehrere hundert junge Nordafrikaner“ nach Köln gereist, erklärte der Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies am Neujahrstag. Einige Gruppen seien „vergleichbar aggressiv“ gewesen.

Diesmal wurden „nur“ zehn Sexualdelikte angezeigt. Zumindest Mathies ist sich aber sicher: Der große Unterschied zum Vorjahr sei gewesen, dass die Polizei diesmal konsequent eingeschritten sei. 650 überprüfte Personen, angeblich fast ausschließlich Nordafrikaner, dazu 190 Platzverweise und 92 Festnahmen verzeichneten die Ordnungshüter. Eine Frage aber bleibt: Wieso kamen erneut so viele Menschen nordafrikanischer Herkunft nach Köln? Handelt es sich um eine Provokation, eine Tradition oder Zufall? Eine klare Antwort gibt es noch nicht. Aber mehrere mögliche Ansatzpunkte.

Viele Nordafrikaner leben in Nordrhein-Westfalen

So lässt sich eine ganz einfache Erklärung für die erneute Ballung finden: NRW ist ein Bundesland, in dem besonders viele Flüchtlinge nordafrikanischer Herkunft leben. Köln, als größte Stadt des Bundeslandes, ist naturgemäß ein Anziehungs- und Treffpunkt.

Vor allem bis Anfang 2016 war Nordrhein-Westfalen gemäß offiziellem Verteilungsschlüssel Hauptanlaufpunkt für Asylsuchende aus Marokko und Algerien. Im Jahr 2015 seien 6.790 Algerier und 6.444 Marokkaner in das Bundesland gekommen, schreibt etwa der „Tagesspiegel“. Anfang 2016, nach den Ereignissen der Silvesternacht, wollte das Bundesamt für Migration die Verteilung der Menschen aus diesen Nationen neu organisieren.

Köln als „Hot-Spot“ - auch für im Ausland lebende Nordafrikaner

Allerdings ist Köln für Menschen nordafrikanischer Herkunft nicht nur aus dem Umland der Metropole ein Ziel. Wie die „Kölnische Rundschau“ berichtete, sind Nordafrikaner auch aus dem Ausland angereist. Schon am Silvestermorgen habe die Bundespolizei registriert, dass sich größere Gruppen aus Frankreich und Österreich im Zug auf den Weg nach Köln machten. "Für sie scheint die Stadt ein Hot-Spot zu sein, wo Silvester gefeiert wird", zitiert das Blatt Mathies.

Gleichwohl war Köln nicht der einzige Anlaufpunkt. Auch in Dortmund, Düsseldorf, Essen und Münster sichtete und beobachtete die Polizei Gruppen nordafrikanischer Männer. Dabei sei in mehreren hundert Fällen die Identität der Männer festgestellt worden, teilte die Landespolizei in Duisburg mit. Ein zwingender Hinweis auf kriminelle Intentionen ist all das freilich noch nicht. Familiäre und freundschaftliche Bande unter Flüchtlingen kann es schließlich nach den großen Migrationswellen auch über Länder- und Städtegrenzen hinweg geben.

Absprache per Smartphone?

Dennoch wäre durchaus zu erwarten gewesen, dass die in Nordrhein-Westfalen lebenden Nordafrikaner auf die Übergriffe und Berichte des Vorjahres reagieren und sich einen anderen Ort als Köln suchen, um den Silvesterabend zu verbringen. Dem war offenbar nicht so.

Ein Sprecher der Kölner Polizei nannte im Gespräch mit „Focus Online“ am Sonntag einen simplen möglichen Grund für dieses Phänomen: "Diese Leute lesen keine Zeitung - die denken einfach: 'Letztes Jahr ging ja auch alles gut.'" Mit anderen Worten: Die Debatte sei an den nach Köln gereisten Nordafrikanern vorbeigegangen.

Andererseits gibt es wohl auch Anzeichen, dass die Ankunft der Gruppen am Hauptbahnhof kein Zufall, sondern durchaus zumindest lose abgesprochen war. "Aufgrund von Smartphone-Chats haben wir herausgefunden, dass sich Gruppen von fahndungsrelevanten Personen abgesprochen haben, dass sie sich in Köln zu Silvester treffen wollen“, sagte der Präsident der Bundespolizeidirektion Sankt Augustin, Wolfgang Wurm, dem „Focus“.

Auch die Polizei lernt noch dazu

Gruppen von Menschen ausländischer Herkunft könnten auch in Zukunft ein übliches Bild an großen Festtagen werden - in NRW, am „Hot-Spot“ Köln und wohl auch andernorts. Offensichtlich ist auch, dass die Behörden den Umgang mit diesem Phänomen noch üben müssen. Köln Polizeipräsident Mathies etwa hatte zum Jahresbeginn nicht nur einen Großeinsatz zu vermelden - sondern auch mit Kritik umzugehen.

So rügten einige Beobachter, die Beamten hätten sogenanntes „Racial Profiling“ angewandt, als sie gezielt Menschen nordafrikanischen Aussehens kontrollierten. „Es ist nun mal so, dass gerade auch aus den Erfahrungen der vergangenen Silvesternacht, aus Erfahrungen, die wir durch Razzien insgesamt auch gewonnen haben, hier ein klarer Eindruck entstanden ist, welche Personen zu überprüfen sind“, verteidigte Mathies das Vorgehen.

In einem anderen Punkt musste der Polizeipräsident eindeutig zurückrudern:Er bedauerte am Montag die Verwendung der Bezeichnung „Nafris“ für Nordafrikaner in einem Tweet der Polizei. „Den Begriff finde ich sehr unglücklich verwendet hier in der Situation“, sagte er.

fn/dpa

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