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Alle trauen sich ein Amt zu – aber keinerwill den Chef reizen.

„Ja mei – wir regieren“

Das sind Seehofers Pläne für seine Allein-Macht

München - Er hat die Macht. Jetzt sucht sich Horst Seehofer aus, mit wem er sie teilen will. Das komplette CSU-Spitzenpersonal für die nächsten Jahre kann der Wahlsieger alleine auswählen. Er lässt sich Zeit, kostet das aus. Und stellt indiskreten Freunden kleine Fallen.

München – Sie wissen nicht mal, wie sehr sie sich freuen dürfen, ehe ihnen der Chef das Ohr abreißt. Deshalb steht Barbara Stamm nun im Tröpfelregen vor der Tür und versucht, sich zu beherrschen. „Es ist einfach ..., ach, es ist einfach“, hebt die Landtagspräsidentin mit leicht bebender Stimme an: „Es ist einfach schön.“

Pressestimmen zur Wahl: "Der Super-Horst"

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Schön – das ist schon das Maximum an Leidenschaft, das sich die CSU am Tag nach ihrem Wahlsieg gönnt. Unter Androhung von Zwangsmaßnahmen verdonnert die Spitze ihre Partei zur Bescheidenheit. Keiner darf mit stolzgeschwellter Brust durch die Gegend laufen, erst recht keiner vorzeitig über Ämter und Karrieren spekulieren, ehe die Bundestagswahl nicht bestanden ist. „Ruhe“ verlangt Horst Seehofer in einer internen Vorstandssitzung am Montag, „totale Bodenhaftung“, bloß „der Presse kein Unterhaltungsprogramm bieten“. Man müsse „mit der erforderlichen Demut dem Souverän entgegentreten“.

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Mit „Souverän“ meint er den Wähler. Und sich. Denn in der CSU geht es jetzt auch darum, wie souverän Seehofer wirklich ist. Mit 47,7 Prozent wacht der Spitzenkandidat am Montagmorgen auf, etwas weniger als am Abend vermutet. Eine satte absolute Mehrheit der Mandate ist das – aber auch das zweitschlechteste CSU-Ergebnis seit 40 Jahren, die Freien Wähler als große bürgerliche Konkurrenz sind nicht besiegt. Für Seehofer kommt es da auf die Deutungshoheit an. Ein „historischer Erfolg“, verkündet er, nach kurzer Nacht ungewöhnlich schlecht rasiert. Auf Nachfrage vor den Kameras, was daran historisch sei, gerät er ins Stocken. „Ja mei – wir regieren“, sagt er dann.

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Seehofer will, dass sich die Partei in der Alleinregierung klar hinter ihm einreiht und keine Diskussion über ihn anzettelt. Der 64-Jährige will ja bis 2018 regieren. Die CSU scheint zu folgen. Der Parteivorstand, der nacheinander zur Sitzung einläuft, spricht Ergebenheitsadressen in die Mikrofone. Von einem klaren Triumph Seehofers redet Ilse Aigner, referiert sich selbst nur als „meine Wenigkeit“. Es gipfelt in Markus Söders Worten: „Ein ganz persönlicher Erfolg für Horst Seehofer“, sagt er, spricht „Respekt und Dankbarkeit“ aus. Zwei Haltungen, die Seehofer umgekehrt oft nicht walten ließ: Die berühmte „Schmutzeleien“-Weihnachtsfeier, wo er vor der Presse einen Parteifreund nach dem anderen abkanzelte, ist nur neun Monate her. Und der Termin für die Feier heuer steht auch schon.

Momentan ist die Macht mit Seehofer. „Super-Horst“ titeln bundesweite Medien schon. Er hat das stärkste Disziplinierungs-Argument auf seiner Seite: Der Parteichef wird in den nächsten vier Wochen alle wichtigen Ämter neu vergeben. Zwölf Minister, fünf Staatssekretäre, nichts davon ist mit der FDP zu teilen. Ein neuer Generalsekretär soll her, ein Landtagspräsident, ein Fraktionschef, vier Vizes. Unter den 101 künftigen CSU-Landtagsabgeordneten ist kein einziger, der sich nicht mindestens eines der Ämter zutraut. Und deshalb alles unterlässt, um den Chef zu reizen.

Seehofer lässt sich aufreizend viel Zeit dafür. Das hat mit einer schlechten Erfahrung zu tun. Im Frühjahr 2011 musste er unter Hochdruck einen neuen Bundesinnenminister vorschlagen. Einer nach dem anderen sagte ihm ab, vereinzelt erschienen auch die Ehefrauen resolut in der Staatskanzlei und verhinderten eine Entsendung des Gatten nach Berlin. Einige Minuten nur blieben Seehofer, der Druck gipfelte im harschen Ausruf: „Hier fragt jetzt niemand mehr seine Frau!“

Diesmal sollen alle nur den Super-Horst fragen; er wird mitteilen, wo es langgeht. Diese Woche mag er nur Vier-Augen-Vorgespräche mit den zehn CSU-Bezirksvorsitzenden führen und keinen Mucks öffentlich sagen. Nächste Woche, nach der Wahl, folgen ernste Beratungen. Damit die Gesprächspartner dichthalten, droht Seehofer den hohen Parteifreunden offen mit einer Falle. Er werde jedem nur ein bisschen erzählen. Wenn ein Detail in der Zeitung stehe, wisse er, von wem es kommt. „Spurenrückverfolgung“, sagt er mit maliziösem Grinsen.

Der Stimmenkönig - und andere Gewinner

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Ein paar Spuren legt er selber. Dass Schulminister Ludwig Spaenle im Kabinett bleibt, bekräftigt er am Montag. „Dabei bleibt’s.“ Wobei offen ist, in welchem Ressort: Spaenle würde lieber in den schickeren Bereich Kunst wechseln, was praktisch auch nur ein Büro weiter wäre. Auch dass es ein Heimatministerium in Nordbayern geben soll, ist Seehofer ernst.

Demonstrativ lobt er zudem Marcel Huber, seinen bodenständigen Umweltminister und Bayerns Erststimmenkönig in Mühldorf mit 63,1 Prozent. Seehofer deutet auch an, dass er einige Junge ins Kabinett holen will. Da zirkulieren die Namen Markus Blume (38), Oliver Jörg (41), Florian Herrmann (41) und Albert Füracker (45). Vier Herren sind das, die sich seit 2008 in der „Jungen Gruppe“ der CSU formierten und dort meist durch Sacharbeit auffielen. Einer von ihnen könnte auch Generalsekretär werden, falls Alexander Dobrindt in ein Bundeskabinett aufrücken kann.

Das frühere Wehklagen, aus der halb vergreisten Landtagsfraktion kämen keine Hoffnungsträger nach, ist deshalb verklungen. Seehofer passt da gut, dass er mehr zu verteilen hat als letztes Mal: Drei Kabinettsposten macht die FDP ja unfreiwillig frei. Darunter das prestigereiche Wirtschaftsministerium, das auch als eine der Optionen für die deutlich gestärkte Ilse Aigner gilt, falls sie sich nicht die Fraktionsspitze greift.

Seehofer aber wird, wenn er für seine letzte Amtszeit groß umbauen will, sich mit ein paar Wahlsiegern anlegen müssen. Mehrere Minister, die auf der Abschussliste vermutet werden, fuhren nämlich ungeahnt positive Wahlergebnisse ein: Beate Merk (Justiz) und Emilia Müller (Europa) sind dadurch gestärkt, beide sind auch für die Frauenquote wichtig. Und Stamm hätten manche auch gern nicht mehr als Landtagspräsidentin gesehen, sie holte aber in Unterfranken mit einem Top-Ergebnis ein Listenmandat. Der Job ist ihr nur schwer zu nehmen.

Jubel und Tränen: Landtagswahl Bayern in Bildern

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Seehofer will sich jetzt einen Terminplan basteln, um alle Personal-Macht voll ausüben zu können. Den Fraktionschef will er als Erstes benennen und Ende September wählen lassen. Beim Wort „Vorschlagsrecht“ blitzen seine Augen. Das steht zwar nirgends, aber Seehofer findet doch, es komme ihm zu. Und Kampfabstimmungen möchte er sich generell verbitten.

Am 7. Oktober kommt dann der neue Landtag zusammen, wird ihn wenig später zum Ministerpräsidenten wählen. Das Datum will er mit der Opposition abstimmen. Nachher erst gibt er seine Minister bekannt. Auch dieser Ablauf dient der Disziplinierung: So kann es keine Gegenstimmen geben von frustrierten CSU-Abgeordneten, die sich beim Postengeschacher übergangen fühlen. „Ein Gesetz der Klugheit“, findet Seehofer.

Nun stehen sie also vor ihm im Vorstand, spenden stehend Ovationen, und Seehofer widmet ihnen eine seiner neuen Lieblingsgesten: Er breitet die Arme wie beim Segensspruch. Seht her, meine Schäfchen, euch wird es an nichts mangeln. Oder, in seinen Worten: „Es ist wie immer im Leben: Wenn Sie erfolgreich sind, haben Sie eine innere Rechtfertigung.“

Christian Deutschländer

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