„Sowas macht man unter Nachbarn nicht“

„Merkel vergisst nichts“: Ski-Eiszeit zwischen Söder und Kurz - sie könnte eine bittere Retourkutsche sein

  • Florian Naumann
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Söder und Kurz, ein konservatives Traum-Duo - sind diese Zeiten vorbei? Deutschland, Bayern und Österreich scheinen in eine Spirale aus Zorn und bösen Retourkutschen zu geraten.

  • Zwischen Deutschland, Italien und Österreich tobt ein Streit um den Ski-Urlaub.
  • Massiven Ärger gibt es dabei auch zwischen Markus Söders Bayern und dem Nachbarn. Der Tonfall aus Wien wird schärfer.
  • Der Streit hat allerdings eine längere Vorgeschichte. Gibt es nun eine Spirale aus Retourkutschen, wie man sie eher Trumps USA zutrauen würde?

München/Wien - Lange sah sie aus wie ein bemerkenswerte grenzüberschreitende Symbiose unter Konservativen - die neue Verbindung zwischen München und Wien. Als die CSU im Clinch mit der Kanzlerin lag, kam einfach der Nachbarkanzler zur Wahlkampfhilfe vorbei. Und als Österreich im Frühjahr schnell die Corona-Zahlen senkte, schien Markus Söder einfach den Kurs von ÖVP-Shooting-Star Sebastian Kurz zu kopieren.

Sogar die schwarz-grüne Regierungs-Kombo in Österreich wirkte wie ein Role Model für Söder, den „Kanzler-Kronprinzen“. Aber auch Kurz schien die Aufmerksamkeit beim großen Nachbarn zu genießen. Nun zeigt sich aber: Die Freundschaft hat klare Grenzen. Und zwar nicht nur bei den Landesgrenzen, wie im Frühjahr. Beim Thema Ski hört der Spaß wirklich auf. Im Streit um den Winter-Urlaub wird aus Kurz‘ Kabinett nun verbal hart in Richtung Bayern und Deutschland geschossen. Bei Seitenhieben, wie vor einem knappen halben Jahr, bleibt es nicht mehr. Vielmehr scheint ein ganzer Reigen von kleinen und größeren Retourkutschen in Gang.

Schwieriges Verhältnis: Markus Söder und Sebastian Kurz im Juni 2018 in Linz.

Ski-Streit mit Österreich und Kurz‘ - ÖVP-Ministerin: „Wir geben Deutschland auch nicht vor, wann es die Schulen aufsperrt“

In der ORF-Sendung „ZIB2“, dem österreichischen Pendant zu „Tagesthemen“ und „heute journal“, äußerte sich Tourismus-Minister Elisabeth Köstinger am Donnerstag ungewohnt scharf. „Auch wir geben Italien nicht vor, wie nächstes Jahr der Karneval auszuschauen hat oder wann in Frankreich der Louvre wieder öffnet, geschweige denn, ob Deutschland die Schulen aufsperren soll oder zusperren soll“, sagte die Parteifreundin des ÖVP-Kanzlers.

„Das Virus verbreitet sich nicht auf den Skipisten, sondern vor allem auch in geschlossenen Innenräumen“, betonte Köstinger mit Blick auf die Debatte um den Ski-Trip zwischen Weihnachten und Neujahr. Denn genau den wollen Markus Söder, aber auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) verbieten lassen. Nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen EU. „Wir werden die Entscheidungen in Österreich selber treffen“, unterstrich die ÖVP-Politikerin.

Skilift wie U-Bahn? Deutschland fürchtet in der Corona-Krise zweites Ischgl - Kurz bleibt locker

Offensichtlich fühlt sich Österreich also in dieser Frage vom großen Nachbarn Deutschland bevormundet - vielleicht sogar in der wirtschaftlichen Existenz angegriffen. Dort wiederum grassiert die Angst vor einem „zweiten Ischgl“. Aus dem Tiroler Apres-Ski-Paradies hatte sich das Coronavirus im Frühjahr über ganz Europa verteilt.

Köstinger weist diese Befürchtungen zwar weit von sich. An Après-Ski sei ohnehin zu denken, sagte sie im ORF. „Wenn jemand einen Lift verwendet, dann ist das ähnlich, wie wenn er ein öffentliches Verkehrsmittel verwendet“, sagte Kurz selbst. „Wenn es die Infektionszahlen zulassen, werden wir uns das Skifahren auch von Bayern nicht nehmen lassen“, sagte Tirols Landeshauptmann Günther Plattner laut Kronenzeitung am Freitag. Er halte wenig davon, „Politik auf Kosten anderer zu machen“, denn dabei verlören „am Ende alle“.

Doch genau darum könnte es gehen. Es kursiert auch die These, Deutschlands schonungslose Haltung sei womöglich nicht nur auf Corona-Sorgen zurückzuführen. Womöglich ist der Wille zur Rücksicht aufgebraucht.

„Merkel vergisst nichts“: Österreichischer Journalist stellt These zum Zoff mit Kurz auf - späte Rache für EU-Streit?

Der österreichische Journalist Moritz Moser formulierte es am Donnerstag in einem Tweet wie folgt: „Ich stell jetzt mal die wilde Theorie auf, dass Deutschland und Italien dem österreichischen Wintertourismus weniger offensiv ins Genick grätschen würden, hätte sich die heimische Regierungsspitze nicht selbst bei jeder Gelegenheit auf Kosten der europäischen Partner profiliert.“ Ein knapper User-Kommentar unter dem Posting lautete: „Merkel vergisst nichts.“

Gemeint sein könnte Kurz‘ Auftritt beim Corona-Gipfel der EU im Hochsommer. Damals hatte Österreichs Kanzler als Teil der „Sparsamen Vier“ vielen EU-Staaten den Schweiß auf die Stirn getrieben. Einerseits Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, die die Union mit solidarischen Hilfen zusammenschweißen wollten. Andererseits unter anderem Italien und Spanien, die auf die massiven Geldspritzen angewiesen waren. Just Italien und Frankreich gehören nun zu den großen Befürwortern eines generellen Skilift-Verbots. „Es wäre ein zu großes Risiko, ja verrückt, die Skipisten zu öffnen“, sagte Italiens Premier Giuseppe Conte zuletzt.

Ski-Streit zwischen Deutschland und Österreich: Skilifte öffnen zum Ferienstart - Söder ergreift Gegenmaßnahmen

Tatsächlich könnte die Ski-Saison in Österreich pünktlich kurz vor Weihnachten starten - mit den damit verbundenen Risiken. Auf den 19. oder 20. Dezember taxierte zuletzt Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer den Startschuss für die Lifte. Das wäre genau zum Start der vorgezogenen deutschen Weihnachtsferien.

Allerdings hat insbesondere Söder schon Gegenmaßnahmen eingeleitet, die unabhängig von einem EU-weiten Verbot Touristen aus Bayern abschrecken dürften. Wer in ein Risikogebiet reist, und sei es nur für einen Tag, muss künftig zehn Tage in Quarantäne. Ohne Ausgleich für Verdienstausfälle, wie der CSU-Chef am Donnerstagabend in der BR-Rundschau noch einmal betonte. Für daa Nachbarland macht es da keinen Unterschied, wenn Söder betont, er wisse, dass die Lage „für Österreich schwierig ist“, weil er „Sebastian Kurz schätze“.

Österreich erzürnt Bayern mit neuen Fahrverboten - ist es Zufall? „Sowas macht man unter Nachbarn nicht“

Wut gibt es aber auch in Bayern über eine neue Maßnahme Österreichs. Nach einer neuen Regelung dürfen ab 1. Januar nachts auch Lkw der neuesten Schadstoffklasse Euro VI nicht mehr Tirol durchfahren. Man sei von der Maßnahme überrascht worden, sagte Verkehrsministerin Kerstin Schreyer (CSU) am Freitag. „So etwas tut man unter Nachbarn nicht“, teilte sie mit: „Ich kann die Wut unserer Logistiker verstehen.“ Einen Zusammenhang mit dem Ski-Streit gibt es offiziell natürlich nicht - Plattners klarer Ansage zum Trotz. Zoff um Fahrverbote und Blockabfertigung gibt es schon länger.

Österreich nimmt die EU unterdessen erneut mit dem Ziel „Sparsamkeit“ ins Visier. ÖVP-Finanzminister Gernot Blümel forderte bereits monetäre Kompensation für etwaige Liftschließungen. Er sprach von 800 Millionen Euro für jede Ferienwoche. All das klingt eher nach winterlichen Verhältnissen - in den Beziehungen zwischen München und Wien. (fn)

Skifahren ohne Lift wird in Bayern wohl erlaubt sein. Wo das möglich ist, erfahren Sie in unserem Übersichtstext.

Rubriklistenbild: © Peter Kneffel/dpa

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