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Mensch oder Maschine? Im Internet ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar, wer seine Meinung zu einem Thema abgibt. Das macht Missbrauch möglich.

Social Bots

Social Bots: Die unheimliche Macht der Meinungs-Roboter

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    Carina Zimniok
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München - Wahlkampf wird längst auch im Internet geführt. Nicht immer sind die Mittel sauber: Künstliche Meinungs-Roboter verbreiten gefälschte Nachrichten und manipulieren so die öffentliche Meinung. Wie geht das?

Im digitalen Leben des Markus Söder ist derzeit etwas Ungeahntes zu erleben: Ruhe. Stille. Nichts. Zumindest auf Twitter. Keine Nachricht seit drei Monaten. Der CSU-Mann, bisher der eifrigste und provokanteste Twitterer unter allen bayerischen Ministern, hat sich zurückgezogen aus diesem Kanal. Er schreibt nicht mehr, seit September. Söder hat nach 1514 Botschaften und 463 Fotos die Lust verloren an dem Kurznachrichtendienst. „Da treiben sich zu viele Trolle rum“, sagt er. Er will sie nicht mehr füttern mit seinen Texten.

Trolle, das ist der niedliche Begriff für eine gar nicht so niedliche Entwicklung in den sozialen Netzwerken: Massenhaft und immer häufiger werden Autoren mit negativen Reaktionen auf ihre Nachrichten überschwemmt. Oft sind Politiker betroffen. Auch Katrin Göring-Eckardt, Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, berichtete bei einem Redaktionsbesuch neulich genervt, dass sie mit wüsten Tiraden bombardiert wird.

„Social Bots“ sind gekaufte Meinungs-Armeen

Jürgen Pfeffer, Informatik-Experte und Professor für computerunterstützte Sozialwissenschaften an der TU München, hält Fake News für ein größeres Problem als Social Bots. Allerdings können Bots gefälschte Nachrichten verbreiten.

Da poltern Menschen, die sauer, ja hasserfüllt sind. Da poltern aber auch – Maschinen. Sogenannte Social Bots, kleine Hilfsprogramme, die automatisch Nachrichten via E-Mail, Twitter oder Facebook absetzen oder Beiträge verbreiten. Sie reagieren auf Stichwörter, und manche sind sogar so eingestellt und von Programmierern mit Meinungen gefüttert, dass sie auf echte Menschen reagieren können. „Social Bots versuchen, menschliches Verhalten nachzuahmen“, sagt Jürgen Pfeffer, Professor an der Hochschule für Politik der Technischen Universität in München. „Davon gibt es wahrscheinlich Millionen“, sagt er. Wenn man Diskussionen in sozialen Netzwerken verfolge, seien „die Top-Aktiven fast immer Social Bots“. Das heißt: Wenn es zu einem Thema hoch hergeht, tausendfach kommentiert wird, dann stecken nicht nur Menschen dahinter – sondern auch Maschinen. Künstliche Soldaten, gekaufte Meinungs-Armeen.

„Social Bots“ tragen zur Radikalisierung bei

So werden Themen aufgebauscht, die ohne Computer-Intelligenz unter dem Radar vieler herumschwirren würden. Oft steigen dann auch klassische Medien in die Berichterstattung ein – schon allein, um den Vorwurf zu entkräften, Dinge zu verschweigen. „Das kann auch Ängste verfestigten“, sagt Professor Pfeffer. Brisant wird es, wenn Bots benutzt werden, um gefälschte Nachrichten („Fake News“) zu verbreiten und so die öffentliche Meinung beeinflussen. Und bedenklich wird es, wenn Politiker die Stimmung beim Wähler ablesen – die zumindest zu einem Teil gar nicht echt ist. „Social Bots tragen zur Radikalisierung bei“, sagt Professor Pfeffer. Wenn jedes Schimpfwort über Merkel automatisiert vervielfältigt werde, entstehe beim Individuum der Eindruck, die ganze Welt sei gegen Merkel. 

Hier erfahren Sie mehr darüber, wie man Fake News und Social Bots erkennen kann.

Bei Trump standen immer die gleichen „Fans“ parat

Gefälschte Nachrichten bei Facebook, Kandidatenschlachten auf Twitter und digitale Stammtischdebatten voller Hass: Wahlkämpfe werden längst im Internet ausgefochten. Deutsche Politiker warnen vor einer Manipulation der Bundestagswahl 2017 (siehe auch Interview mit Konstantin Notz). Den Wahlkampf in den USA haben Social Bots bereits beeinflusst, auch wenn sie die Wahl vielleicht nicht entschieden haben. Ein Beispiel: Jedes Mal, wenn Donald Trump im Wahlkampf auf Twitter über Hillary Clinton schimpfte, und das machte er ziemlich oft, standen immer die gleichen Fans parat: Sie verbreiteten seine Botschaft in der ersten Sekunde. Und meistens schickten sie gleich noch einen kurzen Kommentar mit, wie großartig Trump ist. Das waren Social Bots, programmiert darauf, Trump-Fan zu sein. 

Es gibt verschiedene Intelligenz-Grade bei Bots – manche erkennen, ob Clinton auf einem Foto vorteilhaft aussieht oder nicht. Die hässlichen werden verbreitet. Sie erkennen an der Quelle eines Beitrags, ob er Trump-freundlich ist oder nicht. Entsprechend reagieren sie. Professor Pfeffer schätzt, dass im US-Wahlkampf „tausende Bots“ im Einsatz waren. Übrigens setzte wohl auch Hillary Clinton künstliche Beifallklatscher und Trump-Miesmacher ein. Forscher aus Oxford haben herausgefunden, dass jeder dritte Twitter-Kontakt von Clinton und Trump eine Maschine ist. Das heißt nicht zwangsläufig, dass alle Bots im Auftrag der Kandidaten unterwegs sind. Doch fest steht: Die Statistik ist verfälscht. Und das hat reale Folgen.

Denn: Je mehr Kontakte ein Politiker in einem sozialen Netzwerk hat, egal ob sie echt oder gefälscht sind, desto größer ist seine Anziehungskraft. Der Mensch ist ein Herdentier und fühlt sich dort am wohlsten, wo die meisten sind. Der Vorteil für den Politiker: Die falschen Freunde helfen ihm, auch mehr echte Wähler zu erreichen. Mächtige Zahlen, mächtiger Eindruck. Das war schon immer so, es gibt ja auch Ranglisten über Politiker mit den meisten Anträgen im Bundestag.

Den Twitter-Follower gibt es für acht Cent

Markus Söder, im Bild mit Handy, verzichtet auf Twitter, weil er mit Beschimpfungen überschwemmt wird.

Die Versuchung ist groß, künstliche Anhänger zu kaufen. Anbieter gibt es massenweise, einer betont, wie wichtig es sei, „mit vielen Followern zu punkten“ und zu zeigen, dass dieser Account „aktiv und beliebt“ sei. 18 Cent kostet ein Facebook-Abonnent (ab 1000 Stück). Den Twitter-Follower gibt es für 8 Cent. Der getürkte Fan wird mit Profilbild und Kurz-Biografie geliefert. Bestellen kann jeder, der Vorgang ist legal. Nur: Twitter löscht etwa jeden zweiten Account – weil er fingiert ist. 

Auch Facebook will so wenig gefälschte Profile wie möglich: Sie blähen die Netzwerke nur künstlich auf, echte Interaktion findet nicht statt und künstliche Daten sind wertlos für Werbekunden. Deshalb gibt es bei einer Neu-Anmeldung Hürden, manchmal muss der Nutzer verschwommene Buchstaben lesen und in ein Feld eintippen. Das kann bislang nur der Mensch. Doch auch diese Dienstleistung gibt’s zu kaufen: Vor allem in Indien sitzen Arbeiter an Computern, die diese Felder für wenig Geld innerhalb von Sekunden ausfüllen.

Die Meinungs-Roboter sind einfach zu programmieren. „Ein Informatikstudent schafft das in ein paar Stunden“, sagt Professor Pfeffer. Er betont, dass es auch harmlose Bots gibt. Pfeffer nennt das Beispiel einer kleinen Wetterstation, die automatisch die Temperatur auf dem Dorfhügel xy veröffentlicht. Auch im Internet-Lexikon Wikipedia werden Bots eingesetzt – zum Beispiel, um Rechtschreibfehler aufzuspüren und zu korrigieren. Und die meisten Bots schickt die Werbe-Branche in die Schlacht: Firmen lassen sie so programmieren, dass sie das Netz mit positiven Berichten über ihr Produkt fluten.

Nutzen auch dunkle Mächte „Social Bots“?

Es gibt aber auch die Sorge, dass dunkle Mächte die Helferlein für ihre Zwecke nutzen. Oder Staaten für Propaganda. Russland? China? USA? Wer Bots einsetzt, ist laut Professor Pfeffer schwer nachweisbar: „Ich würde nicht sagen, dass da ausländische Mächte am Werk sind.“ Andererseits: „Warum sollten sie nicht versuchen, die Meinung im Internet zu kontrollieren?“ Eine andere Methode sind Hackerangriffe und gezielte Enthüllungen zur Beeinflussung der Bundestagswahl.

Am häufigsten wird Moskau verdächtigt. Der deutsche Verfassungsschutz registriert seit der Ukraine-Krise einen erheblichen Anstieg russischer Propaganda- und Desinformationskampagnen in Deutschland. Moskau bestreitet das. Auch Twitter-Verweigerer Söder, dem das künftige Landesamt für IT-Sicherheit untersteht, warnt: Alles, was über massive Wahlbeeinflussungsversuche durch staatliche russische Bots behauptet werde, sei bisher nicht belegt. „Ich bin kein Anhänger von Verschwörungstheorien.“ Vorerst rät er den Parteien zu einer Selbstverpflichtung, auf eigene Bots zu verzichten. Dazu hatten auch die Grünen und die SPD aufgerufen. Alle wollen sich daran halten. Zumindest offiziell.

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