Krach hinter den Kulissen

Söder knöpft sich auf Impfgipfel die zwei EU-Kommissare vor - Merkel legt nach: „Treibt einen um“

  • Christian Deutschländer
    VonChristian Deutschländer
    schließen

Beim Impfgipfel in Berlin prallen EU, Bund, Länder und Pharmabranche aufeinander. Woran hakt es beim Kampf gegen Corona? Auf einen Durchbruch wartet man vergeblich.

  • Angela Merkel ringt um eine bessere Vorgehensweise im Hinblick auf die Impfstrategie.
  • Beim Impfgipfel waren auch Ministerpräsidenten, EU-Politiker und Impfstoffhersteller zugeschaltet.
  • Zumindest ein paar Dinge sollen sich nun ändern - doch weiterhin ist Geduld gefragt.

Berlin/München – Der Impfgipfel zieht sich schon seit Stunden, als Markus Söder der Kragen platzt. Genervt knöpft sich Bayerns Ministerpräsident zwei zugeschaltete EU-Kommissare vor, die in schillerndsten Farben den Impfstoff-Kauf als Erfolg priesen. Bei allem, was man gehört habe, sei ja wohl klar, dass es schwierig bleibe und frühestens im zweiten Quartal besser werde, murrt Söder. „Ich tue mich schwer, das, was wir von der EU gehört haben, als positiv und ausreichend zu bezeichnen.“

Corona: Söder wütet - Merkel verteidigt Vorgehensweise der EU

Schimpf-Gipfel, Wut-Gipfel – die medialen Titel für den Impfgipfel am Montag Abend im Kanzleramt waren zumindest nicht restlos übertrieben. Glaubt man den Schilderungen von Teilnehmern, ging es intern zur Sache: Genervte Ministerpräsidenten, die zuhause die abgesagten Impftermine erklären müssen; eine Kanzlerin, der alles zu langsam geht; EU-Vertreter, die nicht am schleppenden Einkauf schuld sein wollen; und dazu zehn Pharmafirmen, in deren Reihen die Produktionsprobleme als „Schluckauf“ abgetan wurden.

Man brauche „das höchste Maß an Planbarkeit“, verlangt Kanzlerin Angela Merkel (CDU). „Es treibt einen um“, dass andere Länder schneller beim Impfen dran seien als Europa. Sie verteidigt aber im gleichen Atemzug explizit, dass die EU keine schnelle Not-Zulassung für Impfstoffe vergibt, sondern gründlich geprüft habe.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, l), spricht neben Markus Söder (r), Ministerpräsident von Bayern und Vorsitzender der CSU, auf der Pressekonferenz zum Impfgipfel.

Für Deutschland gibt es nun immerhin eine Art Fahrplan. „Bis Ende des Sommers können wir jedem Bürger ein Impfangebot machen“, wiederholt Merkel, gemeint sind Erwachsene. Von „Ende des 3. Quartals“ spricht sie da, nennt den 21. September. Bereits im Frühjahr werde das Angebot an Dosen spürbar besser werden – außer es gibt Pannen beim Herstellen.

Corona-Strategie in Deutschland: Merkel ambitioniert - Doch es gibt mehrere Unbekannte

Merkel verspricht einen „nationalen Impfplan“, was genau das heißt, bleibt aber vage. Eine gemeinsame Kommission von Bund und Ländern soll es geben; außerdem möglichst wochengenaue Liefertermine von den Herstellern. Die Impfstoff-Mengen sollen im Lauf des Jahres spürbar anwachsen. Das geht aus einer Übersicht des Gesundheitsministeriums hervor. 18,3 Millionen Impfdosen im laufenden ersten Quartal. Zweites Quartal: 77,1 Millionen. Drittes Quartal: 126,6 Millionen Dosen verschiedener Hersteller. Im vierten Quartal könnten es dann weitere 100,2 Millionen sein. Die Schätzung enthält freilich mehrere Unbekannte – Zulassung, Produktionsprozesse, klinische Studien und noch offene Vertragsdetails.

Der Drei-Wochen-Abstand zwischen erstem und zweiten Pieks soll bleiben. Die Priorisierung wird im Prinzip auch nicht angetastet – über 80-Jährige zuerst. Kleinere Verschiebungen gibt es aber wegen des jetzt zugelassenen dritten Impfstoffs von Astrazeneca. Das Präparat sollen vorrangig Erwachsene bis 64 bekommen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will seine Verordnung zu Reihenfolge und Details (ein Gesetz dazu gibt es nicht) anpassen. Neu: In der prioritären Gruppe sind ja auch das Personal in Pflegeheimen und in Intensivstationen. Sind diese Beschäftigten jünger als 65, sollen sie vorrangig mit Astrazeneca geimpft werden. Ab 65 soll man Anspruch auf Biontech/Moderna haben.

Zufriedenheit nach Merkels Corona-Impfgipfel? Söder beklagt „Herausforderung für die Geduld“

Zudem sollen Menschen mit Vorerkrankungen teilweise etwas früher zum Zug kommen können. Nach einem der dpa vorliegenden Entwurf sollen etwa Diabetiker mit hohen Blutzuckerwerten eine Impfung in der zweiten Gruppe mit „hoher Priorität“ erhalten können. Dies gilt etwa auch für Menschen mit chronischen Leber- oder Nierenerkrankungen sowie bestimmten schweren Lungenerkrankungen.

Merkel betont, im Jahresverlauf werde es nicht nur die Impfzentren geben, sondern auch dezentrale Angebote etwa in Betrieben. Söder deutet zudem an, für Lehrer und Erzieher eine schnellere Impfung anzusteuern. Man brauche „ein Angebot für Schule und Kita“.

Zufriedenheit? Nein. Es sei schon eine „sehr lange Zeitachse“, klagt Söder am Abend. „Das wird für die Geduld eine echte Herausforderung werden.“ Den Rückstand gegenüber anderen Ländern werde man nicht aufholen. (cd)

Rubriklistenbild: © Hannibal Hanschke/dpa

Auch interessant

Kommentare