Markus Söder und Markus Blume auf dem Weg zu einer Kanzlerkandidaten-PK am Montag.
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Markus Söder und Markus Blume auf dem Weg zu einer Kanzlerkandidaten-PK am Montag.

CSU-Spin zwischen den Zeilen

Söder macht als Mann der „Zukunft“ Platz - und sendet Laschet Giftpfeile: „Da entscheidet was anderes“

  • Florian Naumann
    vonFlorian Naumann
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Der Kanzler-Kampf ist entschieden: Markus Söder geht. Aber das mit einer bemerkenswerten Inszenierung samt heikler Zwischentöne. Eine Analyse.

München/Düsseldorf - Das politische Wort der Woche - es lautet vielleicht „Angebot“. Als „Angebot“ an die Wähler bezeichnete am Montag Annalena Baerbock ihre von Regierungserfahrung quasi unbefleckte Kanzlerkandidatur für die Grünen. Und von einem der CDU unterbreiteten Kanzler-„Angebot“ spricht auch Markus Söder am Dienstagmittag wieder. Der Unterschied: Söders Offerte ist von der Schwesterpartei abgelehnt worden. Über die von Baerbock werden im September die Wähler befinden.

Wer Söder und seinem Generalsekretär Markus Blume am Tag nach dem turbulenten Kanzler-Votum des CDU-Vorstands genau zuhört, der kann einiges über die Kommunikations-Strategie der CSU erfahren. Und womöglich auch einen eigentlich schon verworfen geglaubten Exit-Plan wiederfinden. Vor allem aber: Kaum verhohlene Kritik an Armin Laschet. Und eine Art präventive Unschuldigkeitserklärung für eine etwaige Wahlpleite. Auch dafür könnte es bei der Bundestagswahl eine indirekte Quittung geben.

Kanzler-Entscheidung: Söder geht nach „selbstzerstörerischer“ Woche - und mit bemerkenswerter CSU-Inszenierung

Zuvor hatte Söder die Union quasi in letzter Minute in eine höchst turbulente - manche sagen: „selbstzerstörerische“ - Woche getrieben. Monatelang hatte der CSU-Chef betont, sein Platz sei in Bayern. Mitte April warf er dann doch seinen Hut in den Ring, mitten im Streit um eine bundesweite Corona-Notbremse. Das schnelle Meinungsbild für Laschet im CDU-Präsidium nannte Söder indirekt eine „Hinterzimmer“-Entscheidung. Es folgten eine dramatische Fraktionssitzung, Tage zähen Ringens und nicht zuletzt Zweifelsbekundungen an Laschet aus vielen Teilen der CDU.

Und nun? Söder und Blume bringen am Dienstag eine sehr dezidierte Lesart unters Volk. Auch wenn Journalistenfragen nicht zugelassen sind, beantworten die beiden CSU-Spitzenpolitiker praktisch präventiv viele denkbare Kritikpunkte. Und positionieren ihre Partei womöglich schon für eine Zeit nach Laschet.

Söders Kanzler-Botschaften: Faire CSU, „Kandidat der Herzen“ - und nun bei Wahl-Niederlage unschuldig

Keine „Schmutzeleien“, sondern Fairness: „Anstand und Stil“ seien Grundprinzip des Handelns, erklärt Söder am Dienstag in der CSU-Zentrale - und insistiert damit auf der bekannten CSU-Deutung der Geschehnisse: Die für Laschet teils peinlichen Debatten seien lediglich die legitime Suche nach einem Meinungsbild gewesen, hieß es zuvor auch schon. Wenngleich nicht nur Experten wie der langjährige ARD-Journalist Ulrich Deppendorf ein „Aufstacheln“ zur CDU-Revolte gegen Laschet in dem Vorgehen gesehen hatten. „Wir wollen keine Spaltung“, erklärt Söder zudem. Auch ein Riss durch die CDU war zuletzt etwa anhand kontroverser Haltungen in Vorstand, unter den Landeschefs und in der Fraktion attestiert worden.

Söder als Kandidat der Herzen - Scheitern am „Hinterzimmer“: Noch markanter scheint aber, wie Generalsekretär Markus Blume die Ereignisse der Nacht bewertet. Er lässt durchblicken: Söder wäre aus Sicht der CSU der bessere Kandidat gewesen. „Markus Söder war erkennbar der Kandidat der Herzen“, sagte er. Laschets Sieg sei einem anderen und - so klingt es - schnöderen Umstand geschuldet: „Aber in der Demokratie und gerade auch in der innerparteilichen Demokratie entscheidet etwas anderes, nämlich am Ende die Mehrheit. Deshalb respektieren wir das Ergebnis, und deshalb ist Armin Laschet der Kanzlerkandidat der Union.“ Gerade im Kontext von Söders „Hinterzimmer“-Äußerungen gewinnt diese Aussage Brisanz.

Söder wäre der Bessere gewesen: Man habe ein „Angebot“ gemacht, erklärt Blume zudem - eines an die eigenen Anhänger und das ganze Land. „Es war ein verdammt gutes Angebot“, fügt er hinzu. Die Rede vom unaufdringlich-freundlichen „Angebot“ an sich erscheint schon als durchaus bemerkenswerter Dreh der Ereignisse: Mit Altruismus wird die Bewerbung um ein hohes Amt selten in Verbindung gebracht. Auch machte zuletzt das Wort vom „Kanzlerkampf“ die Runde. Söder selbst dankt für enormen Zuspruch für seine Bewerbung. „Gerade bei den Jungen, bei den Modernen, bei den, die auf Zukunft aus waren“, habe er in der CDU „überragende Unterstützung“ erfahren. Der denkbare Umkehrschluss: Laschet sei ein Kandidat des Weiter-So. Und: Söder bleibt der Mann für die „Zukunft“.

Die CDU ist nun selbst schuld: Aus den Äußerungen dringt klar auch ein weiterer Spin: Die CSU war bereit, sich zu opfern, die CDU hat abgelehnt. In diese Richtung hatte Söder schon am Vortag gerudert, als er der Schwesterpartei die Verantwortung für die Entscheidung übergab. Im Falle eines souveränen Wahlsiegs der Union könnte diese mehrfach betonte Zuschreibung schnell vergessen sein. Im Falle einer Niederlage stellt sie eine Kommunikations-Option für die CSU dar. Zumindest einen Widerhaken im Denken der Wähler: Man wollte ja, die CDU hatte auf Laschet insistiert. Möglich, dass sich Söder damit schon als Sehnsuchts-Kandidat für 2025 in Stellung bringt - in jedem Fall könnten die Christsozialen ihre Hände demonstrativ in Unschuld waschen. An Mahnungen vor schlechten Umfragen hatte es schließlich nicht gemangelt.

Laschet nun unter Druck: CSU baut für alle Fälle vor - doch einen Schönheitsfehler gibt es

Eine „Niederlage als Gewinner“ schien also das erklärte Ziel Söders und Blumes. Politisch kein unübliches Verhalten - aber im Ringen mit der Schwesterpartei im Bundestagswahlkampf dennoch ein riskantes. Doch selbst sollten die Wähler - den gefühlt aus München als Verlierer proklamierten - Laschet und die Union an den Wahlurnen verschmähen: Die CSU hätte vorgebaut.

Laschet selbst spielte am Dienstag betont fair. Auch in den Zwischentönen: Es habe „andere Meinungen“ gegeben, räumte der frisch gekürte Kanzlerkandidat ein, dankte Söder mehrfach und bemühte sich lediglich, den CDU-Vorstand als jenes Gremium zu legitimieren, dass die Haltungen der gesamten CDU vertrete. „Nein“ lautete Laschets knappe Antwort auf die Frage, ob es Zugeständnisse an Söder gegeben habe - und ob es im von Söder vor Wochenfrist eingeforderten quasi-öffentlichen Meinungskampf zu Beschädigungen gekommen sei. Ob es wirklich so ist: Die Bundestagswahl wird es zeigen. Immerhin erst in rund fünf Monaten.

Am Ende ließ aber auch der augenscheinlich fein orchestrierte Auftritt Söders unvorteilhafte Deutungen zu. Die Rede vom „Kandidaten der Herzen“ ist dem Fußball entlehnt: „Meister der Herzen“ wurde einst Schalke 04, das 2001 trotz eines so knappen wie turbulenten Sieges gegen die SpVgg Unterhaching in der letzten Sekunde des letzten Spieltags die Meisterschale an Bayern München verlor. Sympathien bekam der Verein dafür reichlich. Einen Titel als Deutscher Meister allerdings bis heute nicht. Aktuell scheint der Revierklub dem Abstieg in die Zweitklassigkeit geweiht. (fn)

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